Unbehandelt hinter Gittern

fzm – Das deutsche Recht ist eindeutig: Strafgefangene haben Anspruch auf umfassende medizinische und psychologische Versorgung – so wie all jene Menschen, die in Freiheit leben. Doch die Realität sieht anders aus, wie eine Studie der Ärztin Manuela Dudeck und Kollegen vom HANSE-Klinikum Stralsund in der Fachzeitschrift "Psychiatrische Praxis" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2009) nun beweist. Die psychischen Leiden von Strafgefangenen werden hierzulande selten erkannt und noch seltener behandelt.

Dudeck untersuchte mit ihrem Team den psychischen Gesundheitszustand von 102 Gefängnisinsassen der Justizvollzugsanstalt Stralsund. Die männlichen Inhaftierten waren im Schnitt 31 Jahre alt und verbüßten Haftstrafen bis zu drei Jahren. Dabei zeigte sich: 80 Prozent der Gefangenen wiesen eine schwere Persönlichkeitsstörung auf und 50 Prozent litten unter einer Abhängigkeitserkrankung, einer Depression oder einer Angststörung. "Zusammenfassend fanden wir eine durch psychische Erkrankungen hoch belastete, relativ junge und durch eine hohe Anzahl an Vorverurteilungen gekennzeichnete Population, in der die substanzbezogenen Erkrankungen und die antisoziale Persönlichkeitsstörung am häufigsten auftraten", schreibt Dudeck. Die Gefangenen erwiesen sich mehrheitlich als psychisch krank und deshalb behandlungsbedürftig. Um die seelischen Belange der Inhaftierten kümmerte sich jedoch nur ein einziger Psychiater. Die Unterversorgung in der Justizvollzugsanstalt Stralsund ist kein Einzelfall. Nach Ansicht von Dudeck werden Inhaftierte in Deutschland generell nicht ausreichend psychiatrisch untersucht und betreut. Die Justiz neige dazu, nur schwere Gewaltverbrecher untersuchen zu lassen; der "Durchschnittstäter" bleibe häufig ohne Begutachtung und Hilfe.

Das ist insofern problematisch, als dass viele Häftlinge bereits vor ihrer Inhaftierung unter psychischen Problemen litten. "Unsere Ergebnisse zeigen, dass bereits ein Drittel aller Inhaftierten in stationär psychiatrischer Behandlung war", so Dudeck. Wie notwendig es wäre, Gefangene zu therapieren, beweist eine weitere Zahl aus der Studie von Dudeck. So gab etwa jeder sechste Gefangene an, Selbstmordgedanken zu hegen. "Fast ebenso viele berichteten über Selbstverletzungen in Form von Ritzen und Brandwunden", so Dudeck. Dass dieser Patientengruppe kaum therapeutisch-psychiatrische Hilfe angeboten wird, ist ein Versäumnis. Zwar fordert der Europarat seit Jahren eine bessere Therapie von Gefangenen – doch Deutschland kommt dieser Forderung nicht nach. "Die Verschreibung von Psychopharmaka sollte neben psychiatrisch-psychologischer Betreuung zum Gefängnisalltag gehören", fordert Dueck. Auch sei es wichtig, suchtspezifische Therapieangebote zu unterbreiten – schließlich wären viele Gefangene drogen- oder alkoholsüchtig.

M. Dudeck et al.:
Die Prävalenz psychischer Erkrankungen bei Gefängnisinsassen mit Kurzzeitstrafe.
Psychiatrische Praxis 2009; 36 (5): S. 219-224

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