Unerfüllter Kinderwunsch? Vielleicht liegt es an der Schilddrüse

Stuttgart, Januar 2009 – Erkrankungen der Schilddrüse verlaufen häufig unbemerkt. Während der Schwangerschaft gefährden sie die Gesundheit des Babys - wenn es überhaupt zu einer Schwangerschaft kommt. Nach Einschätzung eines Experten in der Fachzeitschrift "DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2009) sind Unter- und Überfunktion der Schilddrüse eine häufige Ursache für einen unerfüllten Kinderwunsch.

Ohne genügend Schilddrüsenhormone ist eine normale kindliche Entwicklung nicht möglich, erklärt Professor Roland Gärtner von der Universität München. In den ersten Schwangerschaftswochen ist das Kind sogar ganz auf die Hormone der Mutter angewiesen. Ihre Schilddrüse muss bis zu 50 Prozent mehr Hormone bilden, wofür sie ausreichend mit Jod versorgt werden muss. Beim Mangel kommt es zum Kropf, der früher in Jodmangelgebieten wie Bayern sehr häufig war. Ein enges Kropfband – Teil der traditionellen bayerischen Tracht - war ein sicheres Schwangerschaftszeichen, erinnert sich Professor Gärtner. Heute nehmen 80 Prozent aller Schwangeren in Bayern Jodtabletten (meist kombiniert mit Folsäure) ein, und ein Kropf ist auch in der Schwangerschaft selten geworden.

Dennoch ist eine Unterversorgung des Kindes im Bauch der Mutter möglich. Die Ursache ist dann häufig die Thyreoiditis, eine durch das Immunsystem ausgelöste Entzündung der Schilddrüse. Es bildet sogenannte Autoantikörper, die Zellen der Schilddrüse angreifen und zerstören. Professor Gärtner: Jede sechste Frau hat eine Veranlagung für diese Autoimmunthyreoiditis, bei bis zu zehn Prozent kommt es tatsächlich zur Bildung von Autoantikörpern. Die jungen Frauen spüren in der Regel nichts. Die Schilddrüsenunterfunktion ist milde. Für die Versorgung der Mutter sind genügend Hormone vorhanden. Bei einer Schwangerschaft ist die Drüse dann aber rasch überfordert. Eine mögliche Folge ist eine Fehlgeburt. Etwa 30 Prozent aller Schwangerschaften enden in einer Fehlgeburt, so der Autor. Oft gehe das Kind sehr früh verloren. Nur ein Drittel der Frauen bemerke dies überhaupt. Frauen mit Autoimmunthyreoiditis haben ein deutlich erhöhtes Fehlgeburtrisiko, weiß der Schilddrüsenexperte: Bei nicht erfülltem Kinderwunsch sollte deshalb immer untersucht werden, ob eine Autoimmunthyreoiditis oder eine andere Störung der Schilddrüsenfunktion vorliegt. Fallen die Tests positiv aus, kann eine Behandlung mit Schilddrüsenhormonen eine Schwangerschaft ermöglichen.

Aber auch eine Überproduktion von Schilddrüsenhormonen kann eine Schwangerschaft verhindern. Bei diesen Frauen müssen Ärzte die Hormonproduktion bremsen, auch wenn die Frauen bereits schwanger sind. Denn ebenso wie ein Hormonmangel, kann auch eine Überproduktion der Entwicklung des Kindes schweren Schaden zufügen. Am häufigsten ist die Überproduktion während der ersten Schwangerschaftswochen. Auslöser ist dann häufig das Hormon HCG, das vom Mutterkuchen, der Plazenta, gebildet wird. Es steigert bei der Mutter die Produktion der Schilddrüsenhormone. Eine sinnvolle Einrichtung der Natur, da das Kind ja auf die Hormone der Mutter angewiesen ist. Gelegentlich wird aber zu viel Schilddrüsenhormon gebildet. Besonders groß ist das Risiko wenn die Plazenta doppelt vorhanden ist, weil die Frau Zwillinge bekommt.

Im Verlauf der Schwangerschaft sinkt die Hormonproduktion meistens wieder. Professor Gärtner: Wir müssen deshalb in der Therapie sehr vorsichtig sein. Eine Unterversorgung des Kindes müsse unbedingt vermieden werden. Regelmäßige Hormonchecks der Mutter sind Pflicht. Geht es der Mutter gut, ist auch das Kind gesund, so der Experte.

Auch nach der Geburt können Störungen an der Schilddrüse auftreten. Bis zu acht Prozent der Frauen erleiden eine dann eine Postpartum-Thyreoiditis. Die Entzündung der Schilddrüse führt entweder zu einer Überproduktion oder zu einem Hormonmangel – oder zu einem Wechsel beider Funktionsstörungen. Experten wie Professor Gärtner fordern deshalb, dass Frauen mit Schilddrüsenproblemen nach der Geburt noch ein Jahr lang betreut werden.

Gärtner, R.:
Schilddrüsenerkrankungen in der Schwangerschaft.
Deutsche Medizinische Wochenschrift 2009; 134 (3): S. 83-86

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