• Richtungsschilder mit Aufschrift Mythen und Fakten © Thomas Reimer/stock.adobe.com

    Den Nährboden für Verschwörungstheorien bilden unter anderem eine ängstliche Grundstimmung und das Empfinden eigener Machtlosigkeit. © Lakshmiprasad/stock.adobe.com

     

Inklusiv, konklusiv und exklusiv: Die COVID-19-Verschwörung aus psychiatrischer Sicht

fzm, Stuttgart, Dezember 2020 - Was kennzeichnet sogenannte Verschwörungstheorien*? Wer schenkt ihnen am ehesten Glauben? Und welche Gefahren gehen von ihnen aus? Angesichts der derzeitigen Flut von Mythen zur Corona-Pandemie und COVID-19 legt der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie Professor Hans Förstl in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2020) seinen Standpunkt hierzu dar.

Die Liste der Mythen zur angeblichen Herkunft und zum Zweck von SARS-CoV-2 ist lang. So kursierte bereits zu Beginn der Pandemie das Gerücht, dass das Virus absichtlich als Biowaffe eingesetzt worden sei oder bei den Impfungen der Bevölkerung allen ein von Bill Gates entwickelter Biochip oder dergleichen zu Kontrollzwecken unter die Haut implantiert werden solle. Dazu erklärt Professor Hans Förstl: „Verschwörungstheorien entstehen bevorzugt in anhaltenden Bedrohungssituationen. Den Nährboden bilden eine ängstliche Grundgestimmtheit, die Empfindung eigener Machtlosigkeit, spürbare soziale Auswirkungen und unzureichende Erklärungen und Problemlösungen.“

Mittels moderner Kommunikationsmöglichkeiten könnten sich Verschwörungstheorien zudem heute besonders schnell verbreiten, so der ehemalige Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum rechts der Isar in München weiter. Typisch sei laut Förstl auch, dass sich wie jetzt beim SARS-CoV-2-Virus Verschwörungstheorien gegen ein politisches, mediales, wirtschaftliches und wissenschaftliches „Establishment“ wendeten, um dessen „Fehler und skrupellose Machenschaften“ sichtbar zu machen.

Zur Verschwörungstheorie tendierten, so Förstls Erfahrung, eher jüngere Männer, die bei geringerer emotionaler Stabilität häufiger zu „Unnachgiebigkeit“ neigten. Eine religiöse, konservative und fremdenfeindliche Gesinnung gehörten ebenso zu den Wesenszügen eines Verschwörungstheoretikers wie ein Hang zur Langeweile, fasst der Experte in seinem Beitrag zusammen. Zudem gewönnen Verschwörungstheorien vor allem mit einer anhaltenden Ungewissheit an Bedeutung. Sie könnten in diesem Zusammenhang auch als gedankliche Bewältigungsstrategie verstanden werden, der sich aus psychiatrischer Sicht eher Menschen bedienten, die eine schizotype Persönlichkeit haben oder psychopathische Züge aufweisen.

Förstl charakterisiert Verschwörungstheorien als zugleich konklusiv, inklusiv und exklusiv: „Die Wirklichkeit ist unüberschaubar, zum Teil rätselhaft und schwer ausreichend zu erschließen. Eine (Verschwörungs-)Theorie bringt Ordnung ins Chaos und liefert eine schlüssige, eine konklusive Lösung. Die gemeinsame Überzeugung von der Wahrheit dieser Theorie, von Teilhabe am überlegenen ‚Königswissen‘, vermittelt ein inklusives Wir-Gefühl: Wir wissen es besser und halten zusammen. Davon ausgeschlossen, exkludiert, sind jene, die dieses ‚Insider-Wissen‘ nicht teilen oder ihm sogar widersprechen.“

Wie bei anderen Wahnphänomenen wüchsen die Macht und die paranoide Ausarbeitung der Verschwörungstheorien zum einen durch Aufmerksamkeit der Medien, zum anderen durch heftige Kritik von anderer Seite. Der richtige verhaltenstherapeutische Umgang bestünde demnach darin, den „messianischen Narzissmus“ von Querdenkern weitestgehend mit öffentlicher Nicht-Achtung zu bestrafen.

Kritisch beurteilt Förstl, dass die aktuellen Verschwörungstheorien zu COVID-19 nicht nur ihren Anhängern schadeten, wenn sie beispielsweise auf Schutzmaßnahmen verzichten. Ihre Gefährlichkeit liege insbesondere darin, dass sie zunehmend Zweifel an den Maßnahmen gegen das Virus säen und so das solidarische Handeln in der Gesellschaft unterminieren sowie die öffentliche Diskussion verzerren könnten. Der wissenschaftliche Erkenntnisgewinn, der eigenen Regeln folge, könne von Außenstehenden mitunter missverstanden und als unzureichend wahrgenommen werden. Abschließend merkt er deshalb noch an: „Einem gewissen Verständnis für die Bauchgefühle und Bedürfnisse der Verschwörungstheoretiker sollte man sich daher nicht verschließen.“

H. Förstl:
Die COVID-19-Verschwörung in Theorie und Praxis
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2020; 145 (25); S. 1870–1875

*Der Begriff der Verschwörungs“-theorie” ist weit verbreitet, aber zugleich irreführend, weil er vorgibt, eine theoretische Grundlage zu haben, die wissenschaftlichen Standards entspricht. Das ist jedoch nicht der Fall.

Call to Action Icon
FZMedNews Bestellen Sie hier!
Cookie-Einstellungen