Flüchtlinge: Medizinische Versorgung mit Hindernissen

fzm, Stuttgart, Januar 2016 – Die Ärzte, die sich derzeit um die Erkrankungen von mehr als 800.000 Flüchtlingen kümmern, sehen sich mit vielen bekannten aber auch einigen exotischen Erkrankungen konfrontiert. Sprachliche Barrieren aber auch ein unklarer Versicherungsstatus können die rasche Versorgung der Neuankömmlinge erschweren, wie zwei Ärzteteams aus Hamburg und München in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2016) berichten.

München hat aufgrund seiner Nähe zum Balkan eine große Zahl von Flüchtlingen zu versorgen. Bereits 2014 haben bayerische Ärzte den Verein REFUDOCS e. V. gegründet. Seine Mitglieder bieten den Flüchtlingen in der Bayern-Kaserne, einer Erstaufnahmeeinrichtung in München, eine allgemeinärztliche, kinderärztliche, gynäkologische und auch psychiatrische Betreuung an. Stationäre Behandlungen werden am Klinikum Schwabing durchgeführt. Für exotische Erkrankungen ist das Tropeninstitut München zuständig. Der dort tätige Mediziner Dr. Martin Alberer hat jetzt die Akten von 548 Flüchtlingen ausgewertet, die nach ihrer Ankunft zwischen Januar und Anfang März 2015 medizinisch betreut wurden.

Die meisten Erkrankungen unterscheiden sich nicht von denen der Durchschnittsbevölkerung in Deutschland, schreibt Dr. Alberer. Auch Flüchtlinge leiden an Erkältungen, Rückenschmerzen, Zahnschmerzen, Magen-Darm-Beschwerden, Bluthochdruck oder auch an Verstopfung und Hämorrhoiden, so Dr. Alberer. Es gab auch schwere chronische Erkrankungen wie Diabetes oder Herzschwäche. Zwei Patienten mussten wegen eines Nierenversagens sogar dialysiert werden, was laut Dr. Alberer wegen der regelmäßigen Termine erhebliche organisatorische Probleme aufwerfen kann.

Aufgrund der Erlebnisse im Heimatland leiden viele Migranten unter Depressionen, bei einigen wurde eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert. Andere haben sich auf der Flucht mit Skabies, der sognannten Krätze, infiziert. Die Enge dürfte auch die Übertragung der Tuberkulose begünstigt haben, die bei jedem zehnten Flüchtling diagnostiziert wurde. Hinzu kommen eine Reihe von Erkrankungen wie Hepatitis B oder C, die in den Heimatländern häufig sind. Die Ärzte müssen auch auf Tropenkrankheiten wie Malaria oder Wurmerkrankungen achten, schreibt Dr. Alberer. Zu den Raritäten gehört das Läuserückfallfieber: Die bakterielle Infektion ist nur in Ostafrika heimisch. Überträger sind Kleiderläuse.

In Hamburg erhalten alle registrierten Flüchtlinge eine Versichertenkarte der Allgemeinen Ortskrankenkasse. Der Stadtstaat gilt neben Bremen und Nordrhein-Westfalen bundesweit als vorbildlich in der Versorgung von Migranten, schreibt der Infektiologe Peter Sothmann vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

Dennoch gibt es immer wieder Probleme. So war bei einem 27-jährigen Mann trotz klarer Symptome eine Malaria-Erkrankung übersehen worden. Die Ärzte entließen ihn mit der Diagnose einer harmlosen Magen-Darm-Grippe. Wäre ein Übersetzer verfügbar gewesen, hätte der Mann vermutlich berichtet, dass die Malaria bereits zwei Monate zuvor in einem anderen Lager erkannt worden war.

Bei einer 52-jährigen Frau wurde eine HIV-Infektion erst diagnostiziert, als sie wegen einer Toxoplasmose an heftigen Kopfschmerzen erkrankte. Die Parasiteninfektion war als Folge der Immunschwäche aufgetreten. Wie sich herausstellte, lebte die Frau bereits seit Jahren illegal in Deutschland. Einen Arzt hatte sie niemals konsultiert.

Obwohl in Hamburg alle Patienten eine kostenlose Krankenversorgung erhalten, gibt es noch immer viele sprachliche und administrative Barrieren, die eine notwendige Versorgung im Krankheitsfall verzögern, schreibt Sothmann.


M. Alberer, M. Wendeborn, T. Löscher, M. Seilmaier:
Erkrankungen bei Flüchtlingen und Asylbewerbern. Daten von drei verschiedenen medizinischen Einrichtungen im Raum München aus den Jahren 2014 und 2015
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2016; 141 (1); S. 34−37

P. Sothmann, N. Schmedt auf der Günne, M. Addo, A. Lohse, St. Schmiedel:
Medizinische Versorgung von Flüchtlingen. Eine Fallserie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2016; 141 (1); e8−e15