Verstopfung: Wann sind Untersuchungen nötig?

Stuttgart, April 2009 – Wenn der Gang zur Toilette zur Qual wird, sind in den meisten Fällen eine falsche Ernährung und ein ungesunder Lebensstil schuld. Gelegentlich liegt der chronischen Verstopfung jedoch eine ernsthafte organische Erkrankung zugrunde. Wie diese diagnostiziert werden kann, erläutern zwei Experten in einem Übersichtsartikel in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2009).

Mehr Ballaststoffe, Getreideprodukte, Obst und Gemüse, weniger Schokolade, Bananen oder schwarzen Tee. Das sind die Tipps, die Privatdozent Dr. Dieter Bussen vom End- und Dickdarmzentrum Mannheim seinen Patienten mit chronischer Verstopfung gibt. Auch einige Medikamente gegen Gemütsstörungen, gegen eine überaktive Blase, Krampfanfälle oder starke Schmerzen können den Darm träge machen, ebenso übrigens auch ein Missbrauch von Abführmitteln.

In diesen Fällen sind weitergehende Untersuchungen nicht notwendig. Erst wenn sich durch Befragung des Patienten und eine körperliche Untersuchung keine Ursache finden lässt, führen die Experten spezielle Untersuchungen durch. Dazu gehört beispielsweise die Bestimmung der Kolontransitzeit: An sechs aufeinanderfolgenden Tagen schlucken die Patienten röntgendichte Kügelchen, Pellets genannt. Am siebten Tag folgt eine Durchleuchtung des Bauchraums. Anhand der Verteilung der Pellets kann der Arzt die Passagezeit von Mund bis After berechnen. Normal sind 30 bis 40 Stunden, erläutert Dr. Bussen. Wenn die Pellets länger als 72 Stunden unterwegs sind, liegt eine krankhafte Darmträgheit vor, die “slow transit”-Verstopfung. Bei manchen Patienten sammeln sich die Pellets auch im Enddarm, ohne ausgeschieden zu werden. Mögliche Ursache sind dann krankhafte Aussackungen in der Wand des Enddarms.

Funktionsstörungen des Schließmuskels kann der Arzt durch eine “Druckmessung”, die anorektale Manometrie, erkennen. Beim normalen Stuhlgang werden laut Dr. Bussen Druckunterschiede von 100 bis 200 mm Quecksilbersäule erreicht. Krankhaft erhöht ist der Druck beim Morbus Hirschsprung, einer angeborenen Erkrankung, bei der der gestaute Kot den ganzen Dickdarm ausdehnen kann. Bei anderen Menschen ist die Wahrnehmungsschwelle für Dehnungsreize erhöht, die den Gang zur Toilette auslösen.

Manchmal wird die Ursache für die Verstopfung erst gefunden, wenn die Patienten den Stuhlgang während der ärztlichen Untersuchung vollziehen. Vorher wird der Darm entleert und mit Kontrastmittel gefüllt. Früher beobachteten die Ärzte die Defäkation dann bei einer Röntgendurchleuchtung. Heute wird die “Defäkografie” mit Hilfe der Kernspintomografie durchgeführt. Die Strahlenbelastung entfällt und die unteren Anteile des Beckenbodens sind besser sichtbar, erklärt Dr. Bussen. Auf den Bildern erkennt der Arzt nicht nur Veränderungen der Darmwand, auch ein Rektumprolaps bleibt ihm nicht verborgen. Bei dieser Störung treten Teile des Mastdarms während der Entleerung zeitweilig aus dem After hervor. Schäden am Schließmuskel können auch mit einer Ultraschallsonde erkannt werden, die der Arzt in den After einführt. Dr. Bussen: Das Ergebnis hängt, wie immer bei Ultraschalluntersuchungen, sehr von der Erfahrung des Arztes ab.

In seltenen Fällen ist die chronische Verstopfung Folge einer neurologischen Erkrankung wie Multiple Sklerose, Morbus Parkinson oder auch die Spätfolge eines Schlaganfalls. Dies können die Ärzte oft nur durch eine so genannte Elektromyografie erkennen. Bei dieser Untersuchung wird die elektrische Muskelaktivität mit einer Sonde gemessen, die auf die Schleimhaut über dem Muskel gehalten oder auch in den Muskel eingestochen wird. Eine verminderte Aktivität zeigt, dass der Schließmuskel nicht genügend Signale von den Nerven erhält und deshalb zu schwach ist, eine Entleerung durchzuführen. Liegt die Schädigung im Bereich des Schamnervens, kann dies durch eine so genannten Latenzzeitmessung erkannt werden. Hierbei wird der Nerv an bestimmten Orten elektrisch gereizt und die Zeit bis zur dadurch ausgelösten Muskelreaktion gemessen.

D. Bussen, S. Bussen:
Obstipation - Bewährtes und Neues in der Diagnostik.
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2009; 134 (17): S. 887-891

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