Über den Wunsch, einen „verstümmelten“ Körper zu haben…

Stuttgart, Februar 2009 – Manche Menschen leiden unter einer seltsamen Störung, die den "Normalbürger" befremden mag: Sie sehnen sich danach, einen Arm oder ein Bein zu verlieren. Erst ohne diese Gliedmaßen, so ihre Überzeugung, verfügen sie über einen "kompletten" Körper. Nur der verstümmelte Körper ist aus ihrer Sicht perfekt. Dieser Amputationswunsch ist Teil der sogenannten Body Integrity Identity Disorder (BIID), die bislang kaum untersucht wurde. In einem soeben erschienenen Artikel in der Fachzeitschrift "Fortschritte der Neurologie Psychiatrie" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2009) erklärt der Neuropsychologe Professor Dr. Erich Kasten von Universität Lübeck die Ursachen und Folgen der Störung. Basierend auf neun detaillierten Fallgeschichten weist er nach, dass diese selten auftretende Krankheit nicht als Wahn oder Schizophrenie angesehen werden darf und auch nicht ausschließlich neurologisch verursacht ist.

Der Amputationswunsch ist bei den Betroffenen stark ausgeprägt und führt zu großem psychischem Leiden. "In der Mehrzahl ist der Wunsch auf ein spezifisches Körperteil fixiert", so Kasten, "die Betroffenen sind sich der Absonderlichkeit ihres Begehrens völlig bewusst und hadern mit dem Pro und Kontra." Manche BIID-Patienten versuchen, sich den Arm abzusägen; andere legen ihr Bein auf Zugschienen. Anders als Menschen mit schizophrenen Erkrankungen sind sie sich darüber im Klaren, wie abnormal ihr Bestreben ist, ohne es jedoch aufgeben zu können. Bei jedem Dritten war der Amputationswunsch sexuell getönt, was die Frage aufwirft, ob es sich um eine Sonderform von Fetischismus handelt.

Über die Gründe, weshalb sie sich eine Amputation herbei sehnen, können die Betroffenen keine klare Auskunft geben. Manche sprechen von der Neugier, den Körper anders als bisher zu erfahren; andere sehen die Amputation als Herausforderung oder Probe, die es zu meistern gilt. Einige Patienten halten die Asymmetrie des Körpers für ein erstrebenswertes Ideal. "Die meisten bewundern die Schönheit eines Stumpfes und sehen Amputierte als Helden, die trotz der Behinderung ihr Leben meistern", erläutert Kasten.

Wie Kasten darlegt, berichten die Betroffenen von Begegnungen mit Behinderten in ihrer frühen Kindheit, die sie als positiv erlebt haben. Behinderung ist für BIID-Patienten kein Makel, sondern eine Auszeichnung. Möglicherweise geht die Störung auf eine Schädigung des Zentralnervensystems zurück. Denkbar ist beispielsweise ein Defizit im somatosensorischen Kortex, in dem das Körperbild gespeichert und abgebildet wird. Doch gegen eine neurologische Ursache spricht nach Ansicht von Kasten der Umstand, dass der Amputationswunsch bei manchen Patienten vom linken Arm zum rechten springt oder vom rechten Bein zum linken. Bei einem klar lokalisierbaren neuronalen Defekt dürfte dies nicht der Fall sein. Unstrittig ist hingegen, dass der Wunsch immer auf einen Gliedmaßentyp bezogen bleibt. Wer sein Bein verlieren will, der hat panische Angst, seine Arme zu verlieren und umgekehrt.

Bisher mangelt es an effektiven Behandlungen der BIID-Patienten. Auch nach ärztlicher Intervention besteht der Amputationswunsch fort. Experten sind sich uneins, ob dem Amputationswunsch entsprochen werden sollte oder nicht. Einige wenige Studien legen den Schluss nahe, dass Patienten, bei denen eine Amputation vorgenommen wurde, zufriedener sind als solche mit unerfülltem Amputationswunsch.

E. Kasten:
Body Integrity Identity Disorder (BIID): Befragung von Betroffenen und Erklärungsansätze.
Fortschritte der Neurologie Psychiatrie 2009; 77 (1): S. 16-24

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