Vitamin-D-Mangel: Norddeutsche besonders betroffen

fzm, Stuttgart, März 2014 – Etwa 30 Minuten Sonne am Tag benötigen wir, damit unser Körper ausreichende Vitamin D produzieren kann. Eine aktuelle Studie in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2014) zeigt, dass in Norddeutschland Sonnenlicht und damit auch Vitamin D Mangelware ist: Hier sind 80 Prozent der Bevölkerung schlecht, 30 Prozent sogar unterversorgt. Neben den Senioren sind insbesondere Jugendliche und junge Erwachsene betroffen; in dieser Gruppe stellten die Mediziner bei etwa 25 Prozent ein schweres Defizit fest. Viele ahnen jedoch nichts davon. Die Experten plädieren daher dafür, die Definition von Risikopatienten und die gerechtfertigte Bestimmung des Vitamin-D-Spiegels neu zu diskutieren.

„Ein Mangel an Vitamin D im Körper kann gesundheitliche Auswirkungen haben“, so Dr. Jan Kramer, Mitautor der Studie. „Es ist beispielsweise belegt, dass die Häufigkeit von Stürzen und Knochenbrüchen durch die Einnahme von Vitamin D-Präparaten gesenkt wird und auch Osteoporose vorgebeugt werden kann“, erklärt der ärztliche Leiter der LADR GmbH und Privatdozent an der Universität zu Lübeck weiter. Bei Säuglingen wird zudem mit Vitamin D seit Jahren eine erfolgreiche Rachitis-Prophylaxe durchgeführt. 

In bisherigen Untersuchungen konnte bereits nachgewiesen werden, dass ein großer Anteil der Bevölkerung sowohl deutschland- als auch europaweit den als optimal definierten Vitamin-D-Spiegel von mehr als 75 Nanomol pro Liter Blut nicht erreicht. Für Norddeutschland gab es bislang jedoch noch keine ausreichenden Daten. Die vorliegende Studie des Laborverbunds LADR, die zusammen mit der Universität Lübeck erarbeitet wurde, zeigt nun das Ausmaß des Vitamin-D-Mangels für das nördliche Bundesgebiet. Hier ist die für die Bildung des Vitamins verantwortliche UVB-Strahlung besonders gering. 

Für die von der Ethikkommission der Lübecker Universität genehmigte Studie werteten Kramer und seine Kollegen die Ergebnisse von fast 100.000 Blutproben aus. Diese waren in den Jahren 2008 bis 2011 aus Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein an das Labor der LADR GmbH eingeschickt und dort analysiert worden. 

„Der Mittelwert der Vitamin-D-Spiegel lag in allen untersuchten Altersgruppen unterhalb des optimalen Werts von 75 Nanomol pro Liter“, so Dr. Kramer. Konkret wiesen die Mediziner diese Unterversorgung bei mehr als 80 Prozent der Proben nach. In 50 bis 60 Prozent der Fälle lag der Wert sogar bei weniger als 50 Nanomol pro Liter. Hier sprechen die Experten von einem Vitamin-D-Mangel. „Besonders betroffen waren ältere Erwachsene und männliche Jugendliche. Bei einem so schweren Mangel bereits in frühen Jahren steigt das Osteoporose-Risiko“, erklärt der Facharzt für Innere Medizin und Laboratoriumsmedizin. 

Angesichts der verminderten Sonneneinstrahlung trat ein Vitamin-D-Defizit in den Wintermonaten häufiger auf. Allerdings ließ sich auch feststellen, dass bis zu 20 Prozent der Untersuchten selbst im Sommer noch unter einem schweren Mangel litten. „Das liegt nicht nur daran, dass die UVB-Strahlung in Norddeutschland sehr gering ist. Die Menschen halten sich außerdem zunehmend in Innenräumen auf und verwenden sinnvollerweise Sonnenschutz-Produkte, die die Bildung von Vitamin D hemmen“, erklärt Kramer. 

Der Mangel kann durch die Aufnahme von Vitamin D mit der Nahrung nicht ausgeglichen werden. Daher empfehlen die Experten den Betroffenen Präparate einzunehmen, die ihrem Vitamin-D-Spiegel angepasst sind. Der müsste dazu aber erst einmal festgestellt werden. „Die Osteoporose-Leitlinie des Dachverbands für Osteologie sieht aber nur in besonderen Fällen, wie beispielsweise Niereninsuffizienz, eine Bestimmung vor“, so Kramer. „Nun konnten wir aber besonders häufig bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen einen schweren Vitamin-D-Mangel nachweisen – eine Gruppe, die dort nicht berücksichtigt ist. Angesichts dieser Ergebnisse erscheint es uns notwendig, dass eine öffentliche Debatte über die Definition von Risikopatienten und die gerechtfertigte Bestimmung des Vitamin-D-Spiegels geführt wird.“ Bei gefährdeten Gruppen empfehlen die Mediziner eine Überprüfung des Spiegels zumindest einmal im Jahr in den Monaten Januar bis April. 

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J. Kramer, A. Diehl und H. Lehnert:
Epidemiologische Untersuchung zur Häufigkeit eines Vitamin-D-Mangels in Norddeutschland
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2014; 139 (10); S.470-475