Weaning-Zentren: Wo Intensivpatienten das Atmen neu lernen

fzm, Stuttgart, März 2014 – Viele Menschen, die auf Intensivstation maschinell beatmet werden, können später nur schwer wieder auf eine Spontanatmung umgestellt werden. Sie benötigen dann die Hilfe spezieller Zentren, wo es heute in den meisten Fällen gelingt, die Kranken von den Atemgeräten zu entwöhnen, wie eine Studie in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2014) zeigt.

Mit etwa 200 Patienten pro Jahr gehört das Fachkrankenhaus Kloster Grafschaft in Schmallenberg zu den größten Beatmungs- und Entwöhnungszentren in Deutschland. Die Patienten werden meistens von den Intensivstationen anderer Krankenhäuser in die Fachklinik im Hochsauerlandkreis überwiesen. Ihr Problem: Sie schaffen es nach einer mehrtägigen maschinellen Beatmung auf Intensivstation nicht, wieder aus eigener Kraft zu atmen. 

Wenn die Patienten im Zentrum eintreffen, haben sie meistens mehrere erfolglose Weaning- sprich Entwöhnungsversuche hinter sich, berichtet Professor Dieter Köhler, emeritierter ärztlicher Direktor der Klinik. Er rät seinen Kollegen, die Patienten frühzeitig zu überweisen, da sie in den Intensivstationen Behandlungsplätze für andere Patienten blockieren und die Chancen auf ein erfolgreiches Weaning in den Fachkliniken am größten sind. Weaning hat sich in den letzten Jahren zu einer eigenen Fachdisziplin entwickelt. Das bundesweite Patientenregister „WeanNet“ verzeichnet mehr als 70 Abteilungen an deutschen Kliniken, die sich darauf spezialisiert haben, Patienten von den Beatmungsgeräten zu entwöhnen. 

Die Chancen dafür sind mittlerweile gut. An den Zentren konzentrieren sich Ärzte, Pflegepersonal und Physiotherapeuten gezielt auf die Probleme, die das Weaning erschweren könnten. Dies kann eine Blutarmut sein oder Infektionen der Atemwege. Auch Wassereinlagerungen im Brustfell verhindern häufig, dass die Patienten aus eigenem Antrieb atmen. In Schmallenberg gelingt das Weaning oft schon nach wenigen Tage. Der Mittelwert liegt bei acht Tagen. Auch bei einem Patient, der zuvor über ein Jahr beatmet worden war, dauerte es nur 15 Tage, schreibt Professor Köhler. In den Jahren 2007 bis 2011 konnten an der Klinik 616 von 867 Patienten entwöhnt werden. Die Erfolgsrate von rund 71 Prozent konnte gegenüber den Vorjahren leicht verbessert werden, obwohl die Patienten heute älter und kränker sind. Denn infolge des medizinischen Fortschritts können mehr Patienten auf Intensivstation am Leben erhalten werden und immer häufiger seien trotz kritischen Gesundheitszustandes Operationen möglich, berichtet Professor Köhler. 

Die meisten erfolgreich entwöhnten Patienten, das sind laut Studie 58 Prozent, kamen nach der Entlassung aus dem Weaning-Zentrum ohne äußere Unterstützung der Atmung aus. Die übrigen 42 Prozent benötigten noch eine Sauerstoffmaske. Die meisten nicht-entwöhnten Patienten starben auf der Intensivstation an ihren Grunderkrankungen, deren Komplikationen oder während einer palliativen Betreuung. Die anderen konnten zur weiteren maschinellen Beatmung in ein Pflegeheim, ein Reha-Zentrum und manchmal sogar nach Hause entlassen werden. 

Den Erfolg führt Professor Köhler auf neue wissenschaftliche Konzepte zurück, die die Atempumpe in den Mittelpunkt rückt. Brustmuskeln und das Zwerchfell sind durch die Krankheit und durch den Aufenthalt auf der Intensivstation geschwächt und nicht mehr in der Lage die Lungen ausreichend zu belüften. Die Folge ist nicht nur ein Sauerstoffmangel, sondern auch ein starker Anstieg der Kohlendioxydwerte im Blut, eine sogenannte Hyperkapnie. Die Forscher messen den Erfolg ihrer Therapie daran, ob es gelingt diese zu beseitigen. Sauerstoff können sie dem Patienten bei Bedarf über ein Atemmaske zuführen.

T. Barchfeld et al.:
Entwöhnung von der Langzeitbeatmung: Daten eines Weaningzentrums von 2007 bis 2011
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2014; 139 (11); S.527-533