Wechselwirkungen: Wenn Medikamente trotz korrekter Einnahme über- oder unterdosiert sind

Stuttgart, Februar 2009 – Ein neues Medikament vom Arzt, ein Naturheilmittel aus der Apotheke oder ein Fruchtsaft aus dem Supermarkt können zu einem tödlichen Risiko werden, wenn sie im Körper die Wirkung von Medikamenten behindern oder verstärken. In der Fachzeitschrift "DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2009) warnt ein Arzneimittelexperte vor den Folgen, die sich aus der Nichtbeachtung von Wechselwirkungen verschiedener medizinischer Wirkstoffe ergeben können.

Ein Rentner stürzt und zieht sich eine Gehirnerschütterung zu, ein anderer Patient erleidet einen Rückfall seines Herzrasens, bei einem weiteren droht die neue Niere abgestoßen zu werden. Eine Frau wird trotz Antibabypille schwanger. Alle diese Zwischenfälle, die Professor Dieter Rosskopf von der Universität Greifswald in der DMW beschreibt, traten auf, weil die Patienten zwei medizinische Wirkstoffe gleichzeitig einnahmen, die sie einzeln gut vertragen hätten. Treffen sie im Körper zusammen, können unter Umständen schwere Nebenwirkungen auftreten. Dies war bei dem Rentner der Fall, dem Ärzte den Wirkstoff Digoxin verschrieben hatten. Das Mittel wirkt einer Herzschwäche entgegen. Zum Sturz kam es, als der Patient wegen eines Magenleidens zusätzlich ein Antibiotikum mit dem Wirkstoff Clarithromycin einnahm. Es steigerte die Aufnahme von Digoxin aus dem Darm und verminderte gleichzeitig die Ausscheidung über die Galle. In der Summe ergibt das eine gefährliche Überdosis. Die Konzentration des Herzmittels kann in solchen Fällen um das zwei- bis fünffache ansteigen, erklärt Professor Rosskopf. Der Sturz war Folge einer Digoxin-Vergiftung.

Auch der Patient mit dem Herzrasen hatte Digoxin erhalten. Es sollte bei ihm den Herzschlag normalisieren. Doch die Einnahme eines Antibiotikums mit dem Wirkstoff: Rifampicin führte dazu, dass Digoxin in der Leber beschleunigt abgebaut wurde. Die Folge war eine Unterdosierung und ein erneutes Auftreten des Herzrasens.

Auch nicht verschreibungspflichtige Medikamente können schwere Wechselwirkungen auslösen. Als riskant hat sich die Einnahme von Johanniskrautextrakt erwiesen, einem Naturheilmittel, das gerne bei leichten Depressionen eingesetzt wird. Der Autor erinnert daran, dass es im Jahr 2000 bei vielen Patienten zu unerklärlichen Abstoßungsreaktionen nach Herz-, Leber- oder Nierentransplantationen kam. Die Ärzte bemerkten zwar die Unterdosierungen der Immunsuppressiva. Das sind Medikamente, welche die Patienten einnehmen, um Abstoßungskrisen zu vermeiden. Der Zusammenhang mit Johanniskrautextrakten wurde aber auch von Experten zunächst nicht erkannt, weil dieses als ein unbedenkliches Naturheilmittel eingestuft wurde. Inzwischen ist klar, dass Johanniskrautextrakte nicht nur den Abbau eines Immunsuppressivums beschleunigen. Auch die Wirkung bestimmter Antibabypillen kann nachlassen. Professor Rosskopf: Frauen können nach der Einnahme von Johanniskrautextrakten ungewollt schwanger werden.

Gegenteilig sind die Auswirkungen von Grapefruitsaft. Seine Inhaltsstoffe können den Abbau von Medikamenten in der Leber hemmen, mit der Folge einer gefährlichen Überdosierung. Der Arzneimittelexperte erläutert dies am Beispiel eines 61-Jährigen Mannes, der wegen erhöhter Cholesterinwerte Tabletten mit dem Wirkstoff Simvastatin einnahm. Als seine Frau erkältet war, wollte er sich mit Grapefruitsaft vor einer Ansteckung schützen. Daraufhin stieg die Konzentration von Simvastatin im Blut so stark an, dass es infolge einer Überdosierung zu einem Muskelzerfall kam. Ohne die Kenntnis wichtiger Wechselwirkungen ist eine professionelle Arzneimitteltherapie heute nicht mehr möglich, sagt Professor Rosskopf. Die Ärzte müssen allerdings nicht nur wissen, welche Medikamente die Patienten sonst noch einnehmen. Auch nach Naturheilmitteln und bestimmten Fruchtsäften müssen sie die Patienten befragen.

D. Rosskopf et al.:
Pharmakokinetische Probleme in der Praxis - Rolle von Arzneimitteltransportern.
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2009; 134 (8): S. 345-356

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