Wenn Schmerzen ihren Sinn verlieren

fzm – Schmerzen sind nicht immer schlecht: Sie können ein sinnvolles Warnsignal sein, auf Verletzungen aufmerksam machen und vor weiterer Schädigung schützen. Manche Patienten leiden jedoch auch dann noch unter Schmerzen, wenn das Gewebe schon längst abgeheilt ist – die Schmerzempfindung hat sich verselbständigt. Wie solche chronifizierten Schmerzen entstehen, und wie sie sich von physiologisch sinnvollem Schmerz unterscheiden lassen, erläutern die Anästhesiologen Stephan Schug und Sina Grape in der Fachzeitschrift "physiopraxis" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2009).

Schmerzempfindungen aus der Körperperipherie werden stets über das Rückenmark an das Gehirn weitergeleitet, wo der Schmerz wahrgenommen und verarbeitet wird. Dauert der Schmerz länger an, nimmt seine Intensität zunächst zu: Entzündungsfördernde Substanzen sorgen dafür, dass die geschädigte Stelle anhaltend schmerzt und sogar benachbarte, nicht geschädigte Bereiche schmerzempfindlich werden. Oft werden dann bereits leichte Berührungen als schmerzhaft empfunden. Hält diese gesteigerte Schmerzempfindlichkeit über mehrere Monate hinweg an, kann das dazu führen, dass sich die Schmerzverarbeitung in Gehirn und Rückenmark dauerhaft verändert: Schmerzlindernde Mechanismen werden unterdrückt, schmerzerhaltende Substanzen vermehrt freigesetzt. Chronifizierte Schmerzen sind somit das Ergebnis eines krankhaften Lernprozesses. "Die Schmerzen sind nicht länger ein Symptom, sondern entwickeln sich zu einer eigenständigen Erkrankung des zentralen Nervensystems", schreiben Stephan Schug, der das Institut für Anästhesiologie an der University of West Australia in Perth leitet, und Sina Grape, die als Oberärztin für Anästhesiologie an der Uniklinik Straßburg tätig ist.

Für Ärzte und Therapeuten ist es oft nicht einfach zu entscheiden, ob ein Patient unter chronifizierten Schmerzen leidet, oder ob den Beschwerden eine Gewebeschädigung zugrunde liegt. Auch wenn die Bezeichnung "chronifiziert" es andeuten mag: Die Dauer der Schmerzen allein ist für eine Klassifizierung nicht ausreichend. "Auch physiologisch begründete Schmerzen können über mehrere Monate hinweg bestehen", betonen Schug und Grape.

In ihrem Beitrag, der sich vor allem an Physiotherapeuten richtet, führen sie einige Kriterien auf, die die Diagnose erleichtern können. Als Hinweis darauf, dass Schmerzen sich verselbständigt haben, kann es etwa gelten, wenn der Heilungsprozess zwar bereits fortgeschritten ist, die Schmerzempfindung sich aber nicht oder nur wenig verändert hat. Auch bei Patienten, die auf eine jeweils gleiche Belastung mit unterschiedlich starken Schmerzen reagieren, sollte der Therapeut an chronifizierte Schmerzen denken. Typisch ist es auch, wenn der schmerzempfindliche Bereich großflächig und nicht klar umschrieben ist, oder wenn selbst geringe, nicht schädigende Reize bereits starke Schmerzen auslösen.

Patienten, deren Schmerzen begonnen haben, ein "Eigenleben" zu führen, geraten leicht in einen therapeutischen Teufelskreis: Oft durchlaufen sie eine Reihe invasiver Untersuchungen, die ohne greifbares Ergebnis bleiben, unter Umständen aber sogar die Schmerzen verstärken. "Unnötige Untersuchungen und Behandlungen beeinflussen die gesamte Lebenssituation des Patienten zusätzlich negativ und behindern dadurch seine Rehabilitation", schildern Schug und Grape das Dilemma. Gefühle der Hilflosigkeit und der Frustration entstehen, das Vertrauen in den Arzt geht verloren. Wie wissenschaftliche Studien gezeigt haben, können solche psychischen Faktoren dazu beitragen, die Schmerzkrankheit weiter zu verstärken.

Schug und Grape raten Physiotherapeuten daher, bei Verdacht auf chronifizierte Schmerzen nicht dauerhaft passiv zu behandeln – dadurch lasse sich keine langfristige Veränderung der Beschwerden erzielen. Vielmehr sollten die Betroffenen durch die Physiotherapie aktiviert werden. "Regelmäßige Betätigung, Ausdauertraining und speziell auf den Patienten zugeschnittene Übungen verbessern nicht nur die allgemeine körperliche Verfassung, sondern verringern auch Schonhaltungen und verringern Schmerzen und Behinderungen im Alltag", so die erfahrenen Anästhesiologen. Dem Patienten wird so das Gefühl vermittelt, dass er die Kontrolle über sein Leben zurückgewinnt. Und es gibt Hinweise aus Studien, nach denen solche Erfolgserlebnisse im Idealfall zur Rückbildung der krankhaften Veränderungen im zentralen Nervensystem führen können.

S. Schug, S. Grape:
Wenn Schmerzen ihren Sinn verlieren.
physiopraxis 2009; 7 (4): Seite 34-37

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