Wirkstoff schaltet Krebsmutation aus: Hoffnung für Leukämiepatienten

fzm – Durch Änderungen im Erbgut können Krebszellen ihr Wachstum beschleunigen. Ein Medikament, das gezielt die Auswirkungen einer solchen Mutation ausschaltet, hat sich bei der akuten myeloischen Leukämie (AML), einer bestimmten Form von Blutkrebs, zunächst als wirksam erwiesen. Patienten, für die es bisher keine Behandlungsmöglichkeit mehr gab, blieben teilweise mehr als ein Jahr ohne Rückfall, berichten Onkologen in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2010).

Der Wirkstoff Sorafenib hemmt in Körperzellen die sogenannten Proteinkinasen. Diese Enzyme sind an der Umsetzung der genetischen Information in eine Zellaktion beteiligt. Bei der Blutkrebsart AML verhindert Sorafenib, dass eine Mutation im sogenannten FLT3-ITD-Gen die Vermehrung der Leukämiezellen stimuliert. Etwa ein Viertel der Patienten mit AML haben diese Mutation, berichtet das Team um Dr. Stephan Metzelder von der Abteilung für Hämatologie, Onkologie und Immunologie der Universität Marburg. Und eine Mutation sei bei ihnen mit einem deutlich höheren Rückfallrisiko und verkürzten Überlebenszeiten verbunden.

In den letzten Jahren haben Forscher daher versucht, spezifische Hemmstoffe, sogenannte Kinase-Inhibitoren, für das FLT3-ITD-Gen zu entwickeln. Doch die Ergebnisse waren, wie Dr. Metzelder und seine Kollegen ausführen, insgesamt enttäuschend. Als wirksam habe sich jetzt dagegen Sorafenib erwiesen, der neben dem Einsatz bei Leber- und Nierenkrebs auch das das AML-Wachstumsgen FLT3-ITD stoppen kann.

Wie bei Krebserkrankungen üblich, wird Sorafenib zunächst nur bei Patienten eingesetzt, bei denen andere Therapien ihre Wirkung verloren haben. Dies war auch bei den acht Patienten der Fall, über die die Forscher jetzt in der DMW berichten. Fünf Patienten hatten bereits eine Stammzelltransplantation erhalten, die heute als letzte Heilungschance gilt. Bei den anderen war eine Stammzelltransplantation vorgesehen. Die Patienten wurden in der Vorbereitungszeit mit Sorafenib behandelt.

Dr. Metzelder: Bei allen Patienten kam es zunächst unter der Behandlung mit Sorafenib zu einer Verbesserung. Bei einigen verschwanden die Leukämiezellen aus dem Blut, bei anderen waren sie auch an ihrem Entstehungsort, dem Knochenmark, nicht mehr nachweisbar. Bei einigen fiel sogar ein Gentest auf die FLT3-ITD-Mutation negativ aus, was bei der Leukämiebehandlung ein optimales Ergebnis ist. Einer dieser Patienten ist, wie Dr. Metzelder mitteilt, seit nunmehr 458 Tagen tumorfrei.

Derzeit untersuchen mehrere Kliniken in Deutschland in einer Studie, ob alle AML-Patienten mit dieser Mutation nach einer Stammzelltransplantation mit Sorafenib behandelt werden sollen. Das Ziel ist die Vermeidung eines Rückfalls. Eine Garantie auf eine Heilung gibt es auch bei diesem Vorgehen nicht. Mehrere Patienten haben schließlich doch einen Rückfall erlitten und fünf der acht Patienten sind inzwischen verstorben. Die Ursache war eine Sorafenib-Resistenz: Die Leukämiezellen haben durch weitere Mutationen “gelernt”, sich dem Zugriff des Medikaments zu entziehen. Die Mediziner hoffen, dass eine Kombination von Sorafenib mit anderen Medikamenten besser wirksam sein könnte. Dafür sind weitere umfangreiche Studien nötig.

S. K. Metzelder et al.:

Sorafenib bei rezidivierter und therapierefraktärer FLT3-ITD-positiver akuter myeloischer Leukämie: eine neue Behandlungsoption.

DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2010; 135(38):

S. 1852-1856
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