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Alkoholkonsum: Achtsamkeitszellen entdeckt

Spezielle Neurone im präfrontalen Kortex sind offenbar dafür verantwortlich „aufzupassen“, dass es nicht zu einem Kontrollverlust beim Alkoholkonsum kommt. Wissenschaftler am Zentralinstitut für seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim haben die Zusammenhänge aufgedeckt.

Eine Flasche Bier zum Feierabend, Rotwein im romantischen Ambiente und der Digestif nach einem guten Essen - Alkohol gehört für die Mehrheit der Bevölkerung zum Alltag. Die meisten Menschen wissen, wann sie genug haben oder können sehr gut einschätzen, wann sie keinen Alkohol mehr trinken sollten. Doch etwa fünf Prozent der Menschen – in Deutschland also etwa vier Millionen Personen – verlieren die Kontrolle über ihr Trinken und ihren Alkoholkonsum, was oft zur Alkoholabhängigkeit führt.

Wenig bekannt ist bislang, wie es zu diesem Kontrollverlust kommt. Sicher ist jedoch, dass die Störung ihre Ursache im präfrontalen Kortex hat. Dieser Bereich beeinflusst als exekutives Zentrum einen Großteil des Alltagsverhaltens, unter anderem über die Steuerung von Aufmerksamkeit und die Kontrolle von Motivationen und Emotionen. Am Institut für Psychopharmakologie des ZI konnten Wissenschaftler am Rattenmodell spezielle Nervenzellen, die sogenannten Achtsamkeitszellen, identifizieren, deren Aufgabe es offenbar ist, unbewusste Gewohnheiten zu unterbrechen.

Gemeinsam mit anderen Forschern am ZI gelang es der Doktorandin Simone Pfarr, diese Neurone in lebenden Tieren auszuschalten. Kamen die Ratten anschließend in eine Umgebung, in der sie üblicherweise Alkohol erhielten, löste das ohne die Achtsamkeitszellen ein verstärktes Verlangen nach Alkohol aus. Offensichtlich werden bei den Tieren unter Ausschaltung der Achtsamkeitsneurone infolge ihrer Erinnerung und der Verknüpfung mit spezifischen Reizen (Geruch, Licht, Umgebung) bestimmte Neurone aktiv, von denen einige die Aufgabe haben, eine Reizantwort zu unterdrücken. Dadurch wird es möglich, eine Situation zuerst bewusst wahrzunehmen und eventuell zu bewerten, bevor eine Handlung erfolgt wie beispielsweise das unachtsame oder gewohnheitsmäßige Trinken von Alkohol.

Für diese komplexe Aufgabe schließen sich Nervenzellen in kleinen Gruppen, sogenannten „funktionalen Ensembles", zusammen. Insbesondere bei höheren Hirnfunktionen wie Kognition oder Verhaltenssteuerung scheint diese spezielle Form der Arbeitsorganisation im Gehirn eine wichtige Rolle zu spielen. Um diese Strukturen und ihre Funktion besser zu verstehen, wurde an der Universität Heidelberg der neue Sonderforschungsbereich SFB 1134 gegründet, an dem die Forschungsgruppe vom Privatdozent Dr. Wolfgang Sommer vom ZI mit einem Projekt beteiligt ist. Die Arbeitsgruppe konnte mit den jüngsten Experimenten nachweisen, dass es auch ein „funktionales Ensemble“ für die Kontrolle von alkoholbezogenen Impulshandlungen gibt. Damit lassen sich nun der Prozess der Kontrolle und damit auch die Ursache des Kontrollverlustes gezielt untersuchen.

Ein erstes wichtiges Ergebnis ist die Lokalisation des neu entdeckten funktionalen Ensembles. Es befindet sich in einem spezifischen Gebiet des präfrontalen Kortex, der als Area 25 bezeichnet wird. Die Struktur wird als Koordinator eines über viele Hirnstrukturen ausgedehnten Netzwerks angesehen. Sie scheint auch bei der Entwicklung von Depressionen eine wesentliche Rolle zu spielen.

Sommers Team hatte bereits in einer früheren Studie gezeigt, dass Neuronen in der Area 25 besonders empfindlich auf wiederholten starken Alkoholkonsum reagieren. Nicht nur in Ratten zeigen sich früh langfristige Schädigungen in dieser Region, sondern auch bei Alkoholpatienten. Zusammen mit den aktuellen Befunden ergibt sich nunmehr ein erster Erklärungsansatz dafür, dass ein Funktionsausfall in dieser Hirnregion grundlegende Mechanismen der Achtsamkeit beeinträchtigt und damit bei Alkoholkranken die Gefahr eines Rückfalls verstärkt. Das unterstreicht zudem die Bedeutung des präfrontalen Kortex bei der Manifestation von Abhängigkeitserkrankungen. Künftig können möglicherweise, so die Hoffnung der Forscher, durch ein verbessertes Verständnis der Funktionen des präfrontalen Kortex effektivere Therapien und dringend benötigte diagnostische Marker für die Früherkennung und Prognose von Alkoholerkrankungen abgeleitet werden.

 

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