• Angst vor dem Tod, Todesfurcht, Depression, Schizophrenie, Terror-Management-Theorie, Psychiatrie, Psychothanatologie

     

Die Angst vor dem Tod und ihre Bedeutung für die Psychiatrie

Die Auseinandersetzung mit dem Tod und der Angst vor dem Tod begleitet den Menschen seit jeher, welche sich in den verschiedenen philosophischen und religiösen Positionen widerspiegelt. Auffallend ist es jedoch, dass im Hinblick auf die psychiatrischen Störungen die Beschäftigung mit diesem Thema ausgesprochen mäßig ist. Jedoch lässt die bisherige wenige Literatur vermuten, dass die „Angst vor dem Tod“ im psychopathologisch veränderten Erleben psychiatrischer Patienten eine große Rolle spielt, deren Ausmaß bislang unzureichend erfasst wird. In diesem Beitrag werden die Begrifflichkeiten geklärt u. a. auf die wenigen Studien zur Angst vor dem Tod bei psychischen Störungen, ihre Psychodynamik und Ansätze der sog. Terror-Management-Theorie eingegangen.

Sowohl die Angst als ein psychopathologisches Merkmal psychiatrischer Störungen als auch die verschiedensten Strategien und Abwehrmechanismen der Patienten, diese Angst zu bekämpfen, haben einen hohen Stellenwert in der alltäglichen Tätigkeit eines Psychiaters und Psychotherapeuten. Als Psychiater erlebt man vor allem Begegnungen mit Menschen, die an ihrem Leben verzweifeln. Eine ausdrückliche Betrachtung der Todesangst im alltäglichen diagnostischen und therapeutischen Prozess findet jedoch nur selten statt. Die Angst vor dem Tod scheint so tiefgreifend zu sein, dass der Mensch alles tut, um sie zu vermeiden oder gar anzusprechen. Dies scheint auch einen gewissen Unwillen des psychiatrischen Fachgebiets einzuschließen, sich mit dieser Thematik wissenschaftlich näher auseinanderzusetzen.

Die Angst vor dem Tod und die Ungewissheit, was danach kommen wird, ist aber ein wesentlicher Gegenstand des menschlichen Denkens. So hat sich die Philosophie seit ihren Anfängen mit Fragen des Todes auseinandergesetzt. Bereits in den Textfragmenten aus der griechischen Antike finden sich zentrale Gedanken und Theorien des Todes, die über die Zeitepochen hinweg die philosophische Auseinandersetzung mit dieser Thematik prägen. Die sog. vorsokratischen Denker verstanden den Tod als „Prinzip des Übergangs und der Verwandlung, als Vater allen Werdens“ (Heraklit), als „Vermischung und Entmischung von Stoffgruppen“ (Empedokles) oder – wie es später Platon im Fall von Sokrates Einstellung zum Tod formulierte – als „befreiende Ablösung der Seele vom Körper“ (Pythagoras) und „Rückkehr alles Seiende in ein Unbestimmtes, aus dem es entstanden ist“ (Anaximander). Teile dieser frühen unterschiedlich philosophisch motivierten Todestheorien, in denen der Tod in seiner „Undenkbarkeit als ein Abstraktum“ betrachtet wird, tauchen dann wiederholt in den Gedankenwelten späterer Philosophen auf (z. B. zusammengefasst in). So stammt das stärkste Argument gegen die „Angst vor dem Tod“, welches auch in der gegenwärtigen philosophischen Debatte über den Tod weiter ernsthaft diskutiert wird, von Epikur: „Gewöhne dich daran zu glauben, dass der Tod keine Bedeutung für uns hat. Denn alles, was gut, und alles, was schlecht ist, ist Sache der Wahrnehmung. Der Verlust der Wahrnehmung aber ist der Tod … Das schauerlichste Übel also, der Tod, geht uns nichts an, denn solange wir existieren, ist der Tod nicht da, und wenn aber der Tod da ist, dann sind wir nicht da.“ Aber so „einfach“ scheint die Lösung für die Angst vor dem Tod nicht zu sein, denn natürlich haben wir tiefe Emotionen wie die Angst vor dem Tod, der uns unser wertvolles bewusstes Leben und damit unsere weitere Zukunft beraubt.

Geht man jedoch in die gegenwärtige oder frühere psychiatrische und psychotherapeutische Literatur, dann findet man im Gegensatz dazu über die Zusammenhänge zwischen der Angst vor dem Tod als psychopathologisches Phänomen im Rahmen psychiatrischer Störungen – abgesehen von der kürzlich stärker beachteten sog. „Terror Management Theorie“ – nur wenige bedeutsame und konstruktive Ansätze.

Begriffe der „Angst vor dem Tod“

Die erste Herausforderung bei der Beschäftigung mit dieser Thematik besteht darin, die verschiedenen, im Umlauf befindlichen Begriffe wie „Todesangst“, „Todesfurcht“, „Furcht vor dem Tod“ oder „Angst vor dem Tod“ (im Engl. „death anxiety“, fear of death“) inhaltlich valide zu interpretieren, zumal kein einheitlicher Gebrauch vorherrscht und die Begriffe oft (wie z. B. bei Yalom) auch synonym verwendet werden. Dabei resultiert diese Problematik nicht primär aus der Semantik, sondern eben auch aus der Natur des Betrachtungsgegenstandes:

Der Philosoph Sören Kierkegaard war der erste, der eine Unterscheidung zwischen Furcht („vor einer Sache“) und Angst vor „einem Etwas, das Nichts ist“ traf. In seiner Abhandlung „Der Begriff Angst“ (1844) stellt er fest, dass das eigentliche Wovor der Angst nicht der Tod, sondern das Nichts ist. Die Angst vor dem Tod ist für ihn die Angst, sich selbst zu verlieren und zu Nichts zu werden. Basierend auf die Theorie des Todes von Kierkegaard wurde die differenzierte Betrachtung der beiden Begriffe Angst und Furcht bedeutsam vor allem für die Existenzialisten (im philosophischen aber auch psychologischen Bereich) wie z. B. M. Heidegger: Angst sei im Gegensatz zur Furcht, weder auf etwas Konkretes und klar Umschriebenes gerichtet noch auf eine vorübergehende Ausnahmesituation begrenzt. „Die Angst ist immer Angst vor … aber nicht vor diesem oder jenem … Die Unbestimmtheit dessen jedoch, wovor und worum wir uns ängstigen, ist kein bloßes Fehlen der Bestimmtheit, sondern die wesenhafte Unmöglichkeit der Bestimmbarkeit“. Jedoch hat Heidegger sich kaum zur Angst vor dem Tod geäußert, für ihn kommt der wirklich Daseiende in der entschlossenen Annahme des Seins zum Tod zu sich selbst.

Rollo May als ein Hauptvertreter der existenziellen Psychologie definiert als „Todesangst“ den emotionalen Zustand, der durch eine reale Gefahr ausgelöst wird (z. B. bei Geiselnahmen) und unterscheidet diese von der „Angst vor dem Tod“. Die Angst vor dem Tod wird als Reaktion auf eine unspezifische Bedrohung, die auf die gesamte Existenz der Person abzielt, verstanden. Hingegen ist die Furcht die Reaktion auf spezifische Bedrohungen, die im Zusammenhang mit Tod und Sterben stehen. „Furcht ist immer eine Furcht vor etwas, Angst ist immer eine Angst vor Nichts, demnach entspricht die Angst vor dem Tod der Angst vor dem Nicht-Sein.“. Entwicklungspsychologisch steht Angst vor der Furcht. Das meint, dass zunächst auf eine Bedrohung mit einer diffusen undifferenzierten emotionalen Reaktion reagiert wird und im Laufe der Lernentwicklung bilden sich differenzierte emotionale Reaktionen auf spezifische und lokalisierte Gefahren: „Die Angst vor dem Tod drängt danach sich zur Furcht vor dem Tod zu verwandeln: vor etwas Konkretem können wir uns selbst schützen.“. Für den Theologen Paul Tillich haben Angst und Furcht die gleiche ontologische Wurzel: Furcht bezieht sich aber auf ein bestimmtes Objekt, während die Angst kein Objekt hat; bzw. nach seiner Meinung ist das Objekt der Angst „die Negation jedes Objektes“. Im Zusammenhang mit dem Nicht-Sein als Bedrohung des Seins unterscheidet Tillich drei Typen von Angst: 

  • 1. die Angst des Todes, 
  • 2. die Angst der Sinnlosigkeit und 
  • 3. die Angst der Verdammung. 

Diese drei Formen der existentiellen Angst, die in „der Existenz des Menschen in seiner Endlichkeit und Entfremdung enthalten sind“, unterscheiden sich seiner Ansicht nach von der psychotischen bzw. neurotischen Angst im Rahmen eines „abnormen Geisteszustandes“. Interessanterweise versteht Tillich diese pathologischen Formen der Angst als das Ergebnis einer geringen Selbstbejahung und des geringen Mutes, sich der Angst des Nicht-Seins zustellen.

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Aus der Zeitschrift: Fortschritte der Neurologie Psychiatrie 04/2018

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