• S3-Leitlinie Diagnostik und Therapie der Essstörungen

    Psychotherapie gilt als die Behandlung der Wahl für Menschen mit Anorexie. Diese Empfehlung ist bislang jedoch nur unzureichend durch Studien belegt.

     

Anorexie: Welche Form der Psychotherapie wirkt am besten?

Eines der großen vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Psychotherapie-Forschungsnetze hat jetzt seine Ergebnisse in einem führenden medizinischen Fachjournal veröffentlicht. Stephan Zipfel von der Universität Tübingen berichtet zusammen mit Kollegen aus 10 weiteren deutschen Universitätskliniken in „The Lancet“ von ihrer randomisierten Studie zur ambulanten psychotherapeutischen Behandlung der Anorexie (ANTOP-Studie).

Psychotherapie gilt als die Behandlung der Wahl für Menschen mit Anorexie. Diese Empfehlung ist bislang jedoch nur unzureichend durch Studien belegt. Zipfel und Kollegen randomisierten daher 242 Patienten mit einer subsyndromalen oder voll ausgeprägten Anorexie auf einen von 3 Behandlungsarmen: fokale psychodynamische Therapie (FPT), erweiterte Kognitive Verhaltenstherapie (CBT-E) oder optimierte Standardbehandlung (TAU). Die Behandlung dauerte jeweils 10 Monate. Zum Verständnis der Ergebnisse ist es wichtig zu wissen, dass auch den Patienten in der Standardbehandlung Psychotherapie im Rahmen der üblichen Versorgung angeboten wurde. Das bedeutet, dass jeder Patient in der Studie ungefähr 40 Stunden Psychotherapie hatte.

Die in der Studie behandelten Patienten waren im Mittel ungefähr 28 Jahre alt, und etwa drei Viertel von ihnen hatte einen Body-Mass-Index (BMI) von unter 17,5 kg/m2. Patienten mit einem BMI unter 15 konnten nicht an der Studie teilnehmen. Etwa 60 % der Studienteilnehmer waren bereits länger als 6 Jahre erkrankt.

Der Erfolg der Behandlung wurde am BMI gemessen. Am Ende der Behandlung und 1 Jahr danach hatten die Patienten in allen Gruppen etwa gleich viel an Gewicht zugenommen (Ende der Studie: FPT 0,73 kg/m2, CBT-E 0,93 kg/m2, TAU 0,69 kg/m2; ein Jahr später: FPT 1,64 kg/m2, CBT-E 1,30 kg/m2, TAU 1,20 kg/m2; die Unterschiede waren statistisch nicht signifikant).
Neben dem wichtigsten Erfolgsparameter wurden zahlreiche andere Daten erhoben, die sich zwischen den Gruppen zum Teil auch statistisch signifikant unterschieden. So war unter Behandlung mit CBT-E die Geschwindigkeit der Gewichtszunahme schneller und die Abnahme der Essstörungssymptomatik stärker. Dieser Effekt konnte jedoch nach einem Jahr nicht mehr nachgewiesen werden. Die mit FPT behandelten Patienten waren ein Jahr nach Ende der Studie häufiger ganz gesundet (FPT 35 % vs. TAU 13 %).

 

Fazit

Die Autoren kommen zu dem Ergebnis, dass eine ambulante Psychotherapie zu einer relevanten Zunahme des Gewichts und Abnahme der Psychopathologie führt. Das etwas bessere Abschneiden der fokalen psychodynamischen Therapie ein Jahr nach Abschluss der Behandlung führen sie darauf zurück, dass diese Behandlung weniger direktiv sei und daher dem Autonomiestreben der Anorexiepatienten entgegenkomme. Ein klarer Vorteil einer spezifischen Psychotherapie konnte jedoch leider nicht gezeigt werden. Außerdem waren in dieser Studie die schwerer erkrankten Patienten von der Teilnahme ausgeschlossen.

Dr. J. P. Klein

 

Aus: PSYCH up2date 2014; 8(04): 206-207

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