• Neuer Wirkstoff Depression

     

Antidepressiva: Neuer Wirkmechanismus entdeckt

Seit rund 60 Jahren glaubt man zu wissen, wie herkömmliche Antidepressiva ihre Wirkung vermitteln. Nun haben Forscher des Universitätsklinikums Freiburg bei Mäusen einen zweiten, völlig unabhängigen Wirkmechanismus entdeckt. Er kann wahrscheinlich das Gehirn stressresistenter machen.

Ein zu geringer Serotoninspiegel gilt seit langem als Hauptursache für Depression und bislang war lediglich bekannt, dass Antidepressiva den Abbau von Serotonin verlangsamen. Die aktuellen Befunde zeigen nun jedoch, dass Antidepressiva zusätzlich den Kalziumtransport in Nervenzellen des Gehirns blockieren, wodurch die Zellen schwerer neue Verknüpfungen zu anderen Nervenzellen bilden können. Eine solche Vernetzbarkeit ist jedoch elementar, um sich an neue Reize und Stress anpassen zu können. Bei Depressionen ist diese Fähigkeit vermindert, wie sich in den vergangenen Jahren herausgestellt hat. Die neuen Erkenntnisse können möglicherweise dazu beitragen, innovative Therapieansätze entwickeln zu können.

„Fast alle Medikamente gegen Depressionen, die in den vergangenen Jahrzehnten auf den Markt kamen, waren lediglich Abwandlungen der ursprünglichen Substanzen. Unsere Erkenntnisse können helfen, Medikamente zu entwickeln, die gezielt den neu entdeckten Wirkmechanismus angreifen. Das könnte Menschen helfen, bei denen bisherige Medikamente nicht oder kaum gewirkt haben“, sagt Studienleiter Prof. Dr. Claus Normann, Geschäftsführender Oberarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Freiburg.

Da bereits in den 1960er Jahren erkannt wurde, dass sich im Gehirn depressiver Menschen zu wenig Serotonin bildet, wird versucht, durch Antidepressiva dessen Recycling-Prozess durch sogenannte selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, kurz SSRI, zu verstärken. Die Forscher des Universitätsklinikums Freiburg, der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und der Universität Basel hatten aber bereits aus Vorstudien die Vermutung, dass dies nicht der einzige Wirkmechanismus der Antidepressiva ist.

Deshalb untersuchten sie Mäuse, die keinen Serotonin-Aufnahmemechanismus besitzen und deshalb eigentlich nicht auf die SSRI-Gabe hätten reagieren dürfen. „Zu unserer großen Überraschung zeigte sich aber auch bei Tieren ohne Serotonin-Transporter ein antidepressiver Effekt“, erklärt Normann.
Die Forschergruppe ermittelte darüber hinaus, dass die Antidepressiva in die synaptische Plastizität des Gehirns eingreifen. Um neue Reize zu verarbeiten und sich an Stress anzupassen, müssen neue Nervenverknüpfungen im Gehirn gebildet werden. Bei Depressiven ist diese Fähigkeit schwächer als bei gesunden Menschen. „Wir haben entdeckt, dass die SSRI-Medikamente diesen Anpassungsprozess normalisieren, indem sie die Kalziumkanäle der Nervenzellen blockieren. Das verhindert eine stressbedingte Depression und hilft Tieren, die bereits depressionsähnliche Symptome zeigen“, sagt Prof. Normann. „Unsere Studie zeigt deutlich, dass diese Blockade ein wesentlicher Wirkmechanismus von Antidepressiva ist.“

Quelle: Pressemitteilung des Universitätsklinikums Freiburg, 7. Dezember 2017

 

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