• Der Teufelskreis von Arbeitslosigkeit und Suchtverhalten.

     

Für Sie gelesen - 20 Jahre: Arbeitslosigkeit und Suchtverhalten

Es wird schon lange über die Frage diskutiert, inwiefern Arbeitslosigkeit und Suchtverhalten zusammenhängen. Fördert Arbeitslosigkeit das Suchtverhalten und/oder das Suchtverhalten die Arbeitslosigkeit? D. Henkel fasst die Studienergebnisse der vergangenen 20 Jahre zusammen(Current Drug Abuse Reviews 2011; 4: 4-27).

Es ist nicht einfach, die zum Teil sehr komplexe Diskussion nachzuvollziehen, auch und vor allem weil ein zusammenfassender Überblick über die Arbeiten der letzten 20 Jahre bisher gefehlt hat. Es ist daher ein großer Verdienst der hier vorliegenden Arbeit von D. Henkel, diese Lücke zu schließen. Die Fleißarbeit ist schon daran zu erkennen, dass der Beitrag insgesamt 24 Seiten, 4 große Tabellen und 207 Literaturstellen umfasst.

Entwicklung der wissenschaftlich fundierten Analyse
Die wissenschaftliche Diskussion dieser Zusammenhänge begann erst relativ spät in den 1980er Jahren, und sie ist heute sehr breit geworden. Beim Suchtverhalten stand früher der Alkoholkonsum im Mittelpunkt; heute werden auch Rauchen, Drogenkonsum und sogar der Konsum verordneter Arzneimittel betrachtet. Der Blick richtet sich heutzutage nicht nur auf den Suchtmittelkonsum, sondern auch auf die Suchtmitteltherapie. Ein weiterer Diskussionsstrang beschäftigt sich mit dem Zusammenhang zwischen Wirtschaftszyklus und Suchtmittelkonsum in der Bevölkerung.

Fragestellungen des Reviews
In seiner Übersichtsarbeit unterscheidet D. Henkel 6 Fragestellungen:

  1. Wie groß sind die Unterschiede im Suchtmittelkonsum zwischen Arbeitslosen und Berufstätigen?
  2. Inwieweit erhöht problematischer Suchtmittelkonsum das Risiko, die Arbeit zu verlieren?
  3. Inwieweit erhöht dieser das Risiko, bei bestehender Arbeitslosigkeit keine neue Arbeit zu finden? Inwieweit erhöht Arbeitslosigkeit das Risiko für problematischen Suchtmittelkonsum?
  4. Inwieweit erhöht Arbeitslosigkeit das Risiko, nach einer Suchttherapie wieder rückfällig zu werden?
  5. Inwieweit reduziert Arbeitslosigkeit die Wahrscheinlichkeit, das Rauchen zu beenden?
  6. Inwieweit hängen Alkohol-, Tabak- und Drogenkonsum mit den Veränderungen bei der Arbeitslosenrate zusammen?

Zu jeder Frage ist eine eigene Literatursuche durchgeführt worden, mit jeweils eigenen Einschluss- und Ausschlusskriterien. Berücksichtigt wurden sowohl englisch- als auch deutschsprachige Publikationen.

Ergebnisse des Reviews
Die Ergebnisse lassen sich entsprechend der oben genannten Fragestellungen wie folgt zusammenfassen:

  1. Der Suchtmittelkonsum ist bei Arbeitslosen zumeist höher als bei Berufstätigen (bezogen auf Alkohol, Rauchen, illegale Drogen und verordnete Arzneimitteln). Das Ausmaß dieser Unterschiede variiert von Studie zu Studie - u. a. abhängig von den verwendeten Definitionen. Weiterer Forschungsbedarf besteht beispielsweise bei der genaueren Erfassung des Suchtmittelkonsums, der statistischen Kontrolle von Angaben zum sozialen Status (wie beispielsweise dem Einkommen) und der Erreichung höherer Responseraten bei arbeitslosen und/oder kranken Personen.
  2. Problematischer Suchtmittelkonsum (Alkohol, illegale Drogen) erhöht das Risiko, von Arbeitslosigkeit betroffen zu sein. Es besteht ein höheres Risiko den Arbeitsplatz zu verlieren und bei bestehender Arbeitslosigkeit keine neue Arbeit zu finden.Jugendliche mit problematischem Drogen- und/oder Alkoholkonsum erreichen häufig keinen guten schulischen bzw. beruflichen Abschluss; ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt sind daher erheblich eingeschränkt. Weiterer Forschungsbedarf besteht beim Erfassen der kausalen Zusammenhänge: z. B. der Trennung zwischen den Effekten des Suchtmittelkonsums per se und den Effekten der gesundheitlichen Folgen des Konsums, sowie der Analyse des Einflusses weiterer Variablen wie "Verletzung arbeitsrechtlicher Bestimmungen".
  3. Bei der Wirkung von Arbeitslosigkeit auf problematischen Suchtmittelkonsum lassen sich 2 mögliche kausale Pfade unterscheiden: a. Über die Erhöhung der Stressbelastung könnte Arbeitslosigkeit zu höherem Suchtmittelkonsum führen. b. Über die Verringerung des Einkommens und der arbeitsbedingten Belastungen könnte Arbeitslosigkeit auch zu niedrigerem Suchtmittelkonsum führen.Die empirischen Studien zeigen jedoch, dass der Verlust des Arbeitsplatzes häufig zu erhöhtem Suchtmittelkonsum führt. Die meisten dieser Arbeiten beziehen sich auf den Alkoholkonsum und die wenigsten auf den Konsum verordneter Arzneimittel. Weiterer Forschungsbe-darf besteht bei der Identifizierung der Personengruppen, die bei Arbeitslosigkeit besonders gefährdet sind.
  4. Bezogen auf Alkohol- und Drogentherapie ist bekannt, dass der Anteil von Arbeitslosen überproportional hoch ist. Zur Frage, ob und wie Arbeitslosigkeit den Erfolg einer Suchttherapie beeinflusst, liegen bisher aber nur relativ wenige Studien vor. Sie zeigen vor allem, welchen positiven Einfluss die Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt auf den Erfolg einer Alkohol- und Drogentherapie haben kann. Weiterer Forschungsbedarf besteht in der Entwicklung spezifischer Therapieangebote für spezifische Gruppen von Arbeitslosen mit problematischem Alkohol- und Drogenkonsum.
  5. Es ist bereits häufig gezeigt worden, dass der Anteil von Rauchern bei den Arbeitslosen besonders hoch ist. Kaum untersucht wurde jedoch die Frage: Wird der Versuch, das Rauchen zu beenden, durch Arbeitslosigkeit positiv oder negativ beeinflusst? Und wie stark sind diese Effekte? Die vorhandenen Studien liefern zudem ein etwas widersprüchliches Bild. Hier besteht also generell noch großer Forschungsbedarf.
  6. In den 1970er Jahren wurde gezeigt, dass höhere Arbeitslosenraten häufig mit höherem Alkoholkonsum einhergehen. Aus methodischen Gründen sind diese Ergebnisse jedoch nicht sehr belastbar. In den letzten 20 Jahren wurden ausgereiftere Methoden verwendet, die Ergebnisse sind etwas widersprüchlich. Die meisten Studien weisen jedoch darauf hin, dass der Alkoholkonsum in Zeiten wirtschaftlicher Erholung eher zunimmt (z. B. in Folge der steigenden finanziellen Ressourcen). Forschungsbedarf besteht hier in Bezug auf Analysen zum Rauchen und zum Konsum von illegalen Drogen.

Fazit Das Thema "Arbeitslosigkeit und Suchtverhalten" ist so komplex geworden, dass es den Nichtspezialisten zunehmend schwer fällt, den Überblick über den Stand der wissenschaftlichen Diskussion zu behalten. Auch aus Sicht der Sozialepidemiologie, die sich auf das Thema "Soziale Ungleichheit und Gesundheit" konzentriert, füllt der hier vorgelegte Überblick daher eine wichtige Lücke. Es werden vielfältige Anregungen für die künftige Forschung gegeben und auch viele Hinweise zur gesundheitspolitischen Umsetzung der bereits heute vorliegenden Erkenntnisse. Es bleibt zu hoffen, dass viele dieser Anregungen aufgegriffen werden.

 

Andreas Mielck

 

Aus Zeitschrift Suchttherapie 2011, Vol. 12, Nr.4, S. 146-147.

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