• Depressive Frau

    Entsprechend der Vielzahl von ängstigenden Situationen gibt es zahlreiche Bewältigungsmöglichkeiten.

     

Die Bewältigung von Angst

Die Persönlichkeit reagiert auf die Innenwahrnehmung von Ängsten und versucht, im Gegenzug Einstellungen zu finden und Realitäten zu schaffen, welche die Angst überflüssig machen. Entsprechend der Vielzahl von ängstigenden Situationen gibt es zahlreiche Bewältigungsmöglichkeiten, die entweder situativ aktiviert werden oder als Dauerhaltungen die Bedeutung von Charaktermerkmalen gewinnen. Manche der nachfolgend genannten Bewältigungsmechanismen sind miteinander verknüpft.

 

Verdrängung von Angstvorstellungen

Angst zu haben, wird als kindlich, beschämend, unerwachsen, unmännlich abgelehnt und, weil es mit dem Selbstbild in den Augen der wichtigen Objekte unvereinbar wäre, verdrängt. Es resultiert eine Form von Angstfreiheit, die bis zur „Heldenhaftigkeit“ reichen kann.

 

Verleugnung von Gefahren

In einer Art von doppelter Buchführung weiß der Betroffene um die Gefahr und schafft es doch, sie nicht zur Kenntnis zu nehmen. Der Schwerkranke, dem ein bedrohlicher Befund mitgeteilt wurde, ist am nächsten Tag überzeugt davon, nichts gehört zu haben. Die Verleugnung vermag als Notfallreaktion Affektmengen beiseite zu halten, die anders nicht zu verkraften wären.

 

Aufbau von Omnipotenzfantasien

Fantasien von narzisstischer Allmacht schaffen eine Selbstaufwertung in dem Gefühl, unschlagbar, unverwüstlich, unsterblich zu sein und begegnen damit Ängsten vor Hilflosigkeit und Sterblichkeit.

 

Aufbau forcierter Autonomie

Als Gegengewicht gegen die Angst vor allzu enger Bindung, vor Abhängigkeit vom anderen und vor Unterwerfung unter ihn wird die eigene autonome Selbstbestimmung in allem und jedem unterstrichen.

 

Externalisierung von Triebgefahren

Eigene aggressiv-destruktive, sexuelle oder habgierige Impulse werden anderen Menschen zugeschrieben. Als Projektionsfläche bietet sich der jeweils Fremde an, an dem unter Umständen ein Feinbild aufgebaut wird; gegen diesen Außenfeind gilt es dann, sich mit defensiver Aggressivität zu wehren. Es entsteht eine misstrauische bis paranoide Haltung, aus der heraus die anderen verächtlich gemacht, abgewertet, im Extremfall auch angegriffen oder vernichtet werden. Dieser Vorgang hat gesellschaftspolitisch große Bedeutung.

 

Externalisierung von Über-Ich-Aspekten

Die moralische Verantwortung wird an andere abgegeben, es werden Autoritäten aufgebaut, denen man sich gerne unterordnet, Gehorsam und Pflichterfüllung werden idealisiert. Damit werden Gewissensentscheidungen und die entsprechenden Ängste überflüssig gemacht.

 

Vermeidung

Durch konsequentes Ausweichen vor Konflikten, Risiken, gefährlichen Situationen, auch bedrohlichen Gedanken werden Angst machende Risiken vermieden.

 

Somatisierung

Von der angstgetönten Erregung wird nur der körperliche Aspekt wahrgenommen und hervorgehoben, der Patient erlebt nicht „ich habe vor lauter Angst weiche Knie“, sondern „ich habe einen schwachen Kreislauf“. Die forcierte Verkörperlichung des Angsterlebens nimmt die eigene Verantwortung ab und rechtfertigt es, das Körpersymptom dem Arzt zur Behandlung zu übergeben.

 

Selbstmedikation und Medikation

Der im Alltag am häufigsten verwendetet Angstlöser ist zweifellos der Alkohol, der in vielen Lebenssituationen zum Auflockern, Entspannen, Abbau von Hemmungen, Lösungen von Beklommenheiten eingesetzt wird. Auch der Griff zur Zigarette dient dem Raucher häufig zur Abfuhr von Spannungen und zur Wiedergewinnung der Kontrolle über die Situation. Das wichtigste ärztlich verschriebene Entängstigungsmittel stellen die Tranquilizer dar, die in der gesamten Gesellschaft vom Kleinkind bis zum alten Menschen in großem Umfang eingenommen werden. Nach der ungeheuren Menge der eingenommenen angstlösenden Medikamente zu urteilen, muss in der aktuellen gesellschaftlichen Situation oder im menschlichen Leben schlechthin sehr viel Angst vorhanden sein.

 

Selbstaktivierung und Selbststimulierung

Wenn das Selbst sich basal bedroht fühlt und es unter Druck der inneren Unlustspannungen zu zerspringen droht, erfolgt als Abwehr dagegen ein Besetzungsentzug, der zu dem Gefühl der Leere und der Unlebendigkeit führt. Dieses Leeregefühl kann seinerseits wieder große Angst machen. Durch forcierte Aktivität (Selbstaktivierung), durch intensive berufliche Arbeit, durch ausgiebige sportliche Betätigung wird eine äußere Struktur geschaffen, die beruhigend auf die innere strukturelle Leere oder Dissoziation wirkt.

Im Extremfall bleibt der Weg der Selbststimulierung, wobei die Grenzen des Schmerzhaften überschritten oder im Extremfall Selbstverletzungen zugefügt werden, die ihrerseits entängstigend wirken. „Wenn ich mir dann eine Glasscherbe in die Handfläche drücke und das Blut warm herunterläuft, werde ich wieder ganz ruhig“, äußert eine Borderline-Patientin.

 

Sich als gutes Objekt anbieten

Die Bewältigung zielt darauf ab, sich im Umgang mit dem wichtigen anderen, speziell dem Partner, so zu verhalten, dass eine gute harmonische dauerhafte Beziehung resultiert und die Ängste vor einer drohenden Störung der Beziehung überflüssig gemacht werden.

Das Selbst kann sich zur Verfügung stellen, sich unterordnen und anbieten, damit das gute Objekt keinen Anlass hat, sich abzuwenden oder zu strafen. Das Selbst kann sich seinem Objekt in überfürsorglich altruistischer Weise zuwenden, um konflikthaften oder zerstörerischen Impulsen in der Beziehung zu begegnen. Das Selbst kann sich bemühen, eine Beziehung als zeitlose Idylle zu gestalten, in der ewige Harmonie herrscht und in der nie ein Gedanke an Trennung und Verlust aufkommen kann.

Aus dem Buch: Psychotherapeutische Medizin und Psychosomatik

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