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Body Integrity Identity Disorder (BIID): Befragung von Betroffenen und Erklärungsansätze

Apotemnophilie, Amputee Identity Disorder oder Body Integrity Identity Disorder (BIID) bezeichnen das intensive Gefühl, der Körper wäre „kompletter” nach der Amputation eines Gliedes. Der Artikel diskutiert die Frage nach übereinstimmenden Persönlichkeitseigenschaften Betroffener und fragt nach Motiven. Anhand von Aussagen von 9 Personen werden Beispiele für auslösende Erfahrungen zitiert.

„Die Seele fühlt sich zu einem Körper mit nur einem Bein (…) gehörig. Der Körper entspricht dieser inneren Wirklichkeit nicht”, schrieb ein Betroffener. Aus bislang völlig unbekannten Gründen empfinden manche Menschen ein Glied nicht als Teil des Selbst. Dieses Gefühl kann so intensiv sein, dass die Betroffenen eine Amputation anstreben oder, wenn das Gesundheitssystem dies verweigert, selbst versuchen, sich einen Finger, Arm oder ein Bein zu entfernen. Diese Personen sind der festen Überzeugung, dass ihr Körper erst nach einer Amputation ihrem mentalen Körperbild entspricht.

Von Money u. Mitarb. wurde diese Störung zunächst als „Apotemnophilie” bezeichnet („Freund des Abschneidens”); Furth u. Mitarb. bzw. Smith vergaben die Bezeichnung „Amputee Identity Disorder” (AID). Heute gibt man meist der Bezeichnung BIID („Body Integrity Identity Disorder”) den Vorrang. Die Betroffenen bezeichnen sich selbst als „Wannabe” (von engl. want to be). Mitunter wird im Vorfeld versucht, durch Gebrauch von Krücken (bei hochgeschnürtem Bein), Prothese oder Rollstuhl ein Gefühl der erwünschten Beeinträchtigung zu erzeugen („pretending”). Bei einem Teil ist auch eine erotische Komponente vorhanden, dann werden Menschen mit sichtbaren Behinderungen als sexuell attraktiv empfunden (Amelotismus, Akrotomophilie, bzw. „devotee”) oder die Betroffenen erregen sich selbst durch die Vorstellung des eigenen, amputierten Körpers.

Bis zur Jahrtausendwende gab es nur ein rundes Dutzend Arbeiten, die sich mit dem Phänomen beschäftigte . Durch Presseberichte und insbesondere durch Internet-Foren hat das Phänomen inzwischen breite Aufmerksamkeit erfahren, so dass sich seit der Jahrtausendwende auch die Anzahl wissenschaftlicher Arbeiten potenziert hat.

Die bislang breiteste Untersuchung stammt von First, der strukturierte Telefon-Interviews mit 52 Betroffenen durchführte. 17 % hatten eine Amputation, hiervon war immerhin ein Drittel von Ärzten durchgeführt worden. First wies darauf hin, dass der Amputationswunsch keiner akuten psychotischen Störung entstammte; nach seiner Einschätzung wirkte keiner der Befragten wahnhaft. Bei nahezu allen bestand der Wunsch nach Amputation schon seit früher Kindheit. Dies unterscheidet BIID-Betroffene stark von Psychotikern, die sich z. B. im Verlauf eines akuten Schubes eine Hand, die Brust oder den Penis abschneiden bzw. sich selbst blenden.

Die Ursachen sind unbekannt. Die aktuelle Literatur diskutiert, ob BIID die Folge einer psychischen Störung sein könnte, genannt wurden z. B. Persönlichkeits-, körperdysmorphe oder neurotische Störungen, Depression, Wahn oder Psychosen. In einer eigenen Studie wurde versucht zu erfassen, ob und in welchem Ausmaß BIID-Betroffene tatsächlich psychische oder psychiatrische Abweichungen zeigen (Kasten, subm.). Hierfür konnten 7 Personen untersucht werden, die diverse standardisierte psychologische Fragebogen ausfüllten: FBL-R („Freiburger Beschwerde Liste – Revision”,), Gießen-Test, Becks Depressions-Inventar, TIPI („Trierer Integriertes Persönlichkeits-Inventar”), SCL-90-R („Symptom Checkliste”) und der „Rosenzweig Picture Frustration Test” (PFT). Darüber hinaus kam ein selbstentwickelter Fragebogen zur Anwendung, der Fragen hinsichtlich Entstehung, Art und Auswirkungen des Amputationswunsches enthielt.

Die Teilnehmer dieser Befragung können kaum rationale Beweggründe für den Amputationswunsch nennen, die Argumente lagen eher auf einer emotionalen Ebene. So schrieb z. B. der Befragte-1: „Ich weiß es wirklich nicht. Ich will es ganz einfach. Ich fühle, wo der Stumpf in meinen Oberschenkeln enden würde und habe das Gefühl einer starken ‚Begierde‘ (…) mit 2 Oberschenkelstümpfen zu leben.” Proband-2: „Ich fühle einfach, dass mein linkes Bein ‚zuviel‘ ist, dass es nicht da sein sollte, sondern stattdessen nur ein Stumpf. (…) Es gehört nicht zum wahren Bild meines Körpers. Aber ich finde es nicht abstoßend und hasse es auch nicht.” Proband-3: „1. Nie mehr ohne Krücken auch nur einen Schritt laufen zu können. 2. Dieses elegante leichte Schwingen zwischen den Krücken. 3. Eine grenzenlose Neugier zu erfahren wie es ist, amputiert zu sein. 4. Das zufriedene Gefühl, das ich beim Pretenden erfahre – und das Wissen, dass ich es einbeinig packen werde. 5. Die Herausforderung anzunehmen und zu bestehen. 6. Die leichtere Möglichkeit, andere Amputierte kennenzulernen. 7. Die Asymmetrie des eigenen Körpers wahrzunehmen.”

 

Lesen Sie hier den gesamten Beitrag: Body Integrity Identity Disorder (BIID): Befragung von Betroffenen und Erklärungsansätze

Aus der Zeitschrift Fortschritte der Neurologie Psychiatrie 1/2009

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