• Burnout

     

„Man gesteht sich ja heutzutage keine Depression mehr ein, sondern nennt es Burnout“

Im Juni 2018 hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die 11. Revision der Internationalen Klassifikation der Krankheiten ICD-11 vorgestellt, die ab Januar 2022 in Kraft treten soll und nun auch Störungen klassifiziert, die bislang noch nicht als solche anerkannt wurden. Schenkt man einer nicht unerheblichen Anzahl von Medien – darunter auch Onlineformate populärer Tageszeitungen – Glauben, erkennt die WHO nun auch Burnout als Krankheit an. Dass es sich dabei um eine Fehlinterpretation und damit gleichzeitig um eine Falschmeldung handelt, ahnen viele Leser nicht. In der ICD-11 wird Burnout als Syndrom beschrieben, das aus chronischem Stress am Arbeitsplatz hervorgeht, der noch nicht erfolgreich bewältigt wurde. Damit gilt Burnout wie auch schon in der ICD-10 lediglich als Faktor, der den Gesundheitszustand beeinflusst – und somit nicht als Krankheit.

Die Rolle, die den Massenmedien als Informationsquelle bei der Vermittlung von Wissen und Bildung von Einstellungen zukommt, ist groß. Das zeigt nicht nur das direkte Medienecho auf die Revision der ICD, sondern auch die Tatsache, wie viele Stellungnahmen und Richtigstellungen zu den Falschmeldungen zu finden sind. Die Medien bilden mit ihrer Verunsicherung auch ab, was die Wissenschaft zum Thema Burnout beschäftigt: die Suche nach Souveränität und Konsens in Bezug auf den Umgang mit dem Phänomen Burnout. Denn bislang fehlen sowohl eine einheitliche Definition von Burnout als auch Erklärungsansätze oder geeignete Diagnoseinstrumente und -kriterien.

Seitdem der Psychoanalytiker Herbert J. Freudenberger mit einer Veröffentlichung im Jahr 1974 den Begriff Burnout popularisierte, wurden zahlreiche Definitionsversuche unternommen, aus denen Schaufeli und Enzmann wesentliche Aussagen in folgender Definition zusammenfassen: „Burnout ist ein dauerhafter, negativer, arbeitsbezogener Seelenzustand ‚normaler‘ Individuen. Er ist in erster Linie von Erschöpfung gekennzeichnet, begleitet von Unruhe und Anspannung (distress), einem Gefühl verringerter Effektivität, gesunkener Motivation und der Entwicklung dysfunktionaler Einstellungen und Verhaltensweisen bei der Arbeit. Diese psychische Verfassung entwickelt sich nach und nach, kann dem betroffenen Menschen aber lange unbemerkt bleiben. Sie resultiert aus einer Fehlpassung von Intentionen und Berufsrealität.“ Die hier anklingenden Symptome von Burnout weisen große Ähnlichkeit zu den Leitsymptomen einer Depression auf, die mit gedrückter Grundstimmung, Interessenverlust und Freudlosigkeit sowie Antriebsminderung und erhöhter Ermüdbarkeit beschrieben werden [19]. Bei Burnout lässt sich jedoch sowohl in Übereinstimmung mit der WHO und der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) als auch in einem weiteren Definitionsversuch von Maslach (1982) ein starker Bezug zu Arbeitsüberforderung erkennen. Damit korrespondieren auch Befunde von Bahlmann et al. aus einer 2011 realisierten repräsentativen Bevölkerungsumfrage, in der den Befragten eine Fallvignette vorgelegt wurde, die unter anderem eine Person mit einer depressiven Episode beschrieb, ohne dass die Diagnose benannt wurde. 10,2 % der Befragten bezeichneten den Zustand der beschriebenen Person als Burnout, wovon ein Großteil (74 %) den Zustand auch als Krankheit im medizinischen Sinne einschätzte. Nur wenig mehr (77 %) von denjenigen Befragten, die in dem Problem eine Depression sahen, bezeichneten diese ebenfalls als Krankheit. Der Wunsch nach sozialer Distanz war bei den Befragten, die den Zustand der beschriebenen Person als Burnout wahrnahmen, geringer als bei den Befragten, die darin eine Depression sahen.

 

Lesen Sie den gesamten Beitrag hier: Burnout in deutschen Printmedien

Aus der Zeitschrift Psychatrische Praxis

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