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    Der Gebrauch von Antidepressiva ist nach der Warnung der FDA sowohl bei Jugendlichen als auch bei jungen Erwachsenen und Erwachsenen zurückgegangen.

     

Depression – SSRI: Warnung vor erhöhtem Suizidrisiko gerechtfertigt?

Sollte bei der Behandlung von Jugendlichen mit selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) vor einem erhöhten Suizidrisiko gewarnt werden? Die Kontroverse um dieses Thema reißt auch 10 Jahre nach einer entsprechenden Gefahrenmeldung der US-amerikanischen Food and Drug Administration (FDA) nicht ab.
BMJ 2014; 348: g3596

 

Im Jahr 2003 veröffentlichte die FDA eine Metaanalyse, die zu dem Ergebnis kam, dass bei mit SSRI behandelten Jugendlichen das Suizidrisiko höher ist als bei mit Placebo behandelten. Erwachsene Patienten hatten kein erhöhtes Risiko. Eine entsprechende Warnung für Jugendliche musste infolgedessen deutlich sichtbar in den Beipackzettel der SSRI aufgenommen werden (Black Box Warning).

 

Kritik an der FDA-Warnung

Kritiker sagen, die Warnung habe vor allem Schaden angerichtet. Immer wieder erscheinen Studien, die bspw. zeigen, dass das Risiko eines Suizidversuchs vor Beginn der Behandlung mit Antidepressiva höher ist als danach. Die Abnahme der SSRI-Verschreibungen infolge der FDA-Warnung sei daher besorgniserregend. Eine weitere Studie zu diesem Thema ist jetzt im British Medical Journal erschienen. C. Lu von der Harvard University und Mitarbeiter werteten standardisiert erfasste Daten von 7,5 Mio. Patienten aus, die von 11 regionalen Anbietern psychiatrischer Behandlung in den USA dokumentiert wurden. Die Dokumentation enthielt u. a. den Verlauf folgender Daten: die Verschreibung von Antidepressiva, die Häufigkeit von Überdosierungen mit Psychopharmaka und die Häufigkeit von vollendeten Suiziden. Die Häufigkeit von Überdosierungen betrachteten die Forscher als ein Maß für Suizidversuche. Letztlich war aber nicht bekannt, ob diese Überdosierungen bewusst vom Patienten herbeigeführt wurden oder eine andere Ursache hatten (z. B. einen Einnahmefehler).

 

Unerwünschte Auswirkungen des Warnhinweises

Die Auswertung kam zu dem Ergebnis, dass der Gebrauch von Antidepressiva nach der Warnung der FDA nicht nur bei Jugendlichen (10 – 17 Jahre), sondern auch bei jungen Erwachsenen (18 – 29 Jahren) und Erwachsenen (30 – 64 Jahren) zurückging. Der Rückgang war mit 14,5 % (Jugendliche) bis 31 % (Erwachsene) erheblich. Gleichzeitig nahm die Anzahl der Überdosierung mit Psychopharmaka zu und zwar bei Jugendlichen (21,7 %) und jungen Erwachsenen (33,7 %), aber nicht bei Erwachsenen. Die Anzahl der vollendeten Suizide blieb unverändert. Die Forscher schließen daraus, dass die FDA besser auf unerwünschte Wirkungen ihrer Warnhinweise achten sollte.

 

Fazit

Richard Friedman von der Cornell University in New York fordert in einem im New England Journal of Medicine erschienenen Kommentar zur Studie [ 1 ], die Warnung sollte ganz aus den Packungsbeilagen der SSRI entfernt werden. Das Risiko einer unbehandelten Depression sei deutlich größer als das geringe Risiko einer antidepressiven Behandlung. Das durch Antidepressiva hervorgerufene Risiko sei durch sorgfältige Beobachtung depressiver Patienten beherrschbar.

Marc Stone von der FDA weist die Kritik zurück. Er schreibt ebenfalls im New England Journal of Medicine [ 2 ], die im British Medical Journal veröffentlichten Beobachtungen von C. Lu würden auf einer unzureichenden Datengrundlage beruhen. Andere Studien würden zeigen, dass lediglich die versehentlich aufgetretenen Überdosierungen zugenommen haben. Absichtlich herbeigeführte Überdosierungen hätten bei Jugendlichen nach der Warnung ebenso abgenommen wie die Anzahl der Suizidversuche und der vollendeten Suizide. Stone erwartet weitere Studien zu dem Thema, die immer wieder dieselben Sorgen über etwas anfachen würden, was in Wahrheit gar nicht passiert sei: die schlechtere Behandlung depressiver Patienten durch die Warnung der FDA.

 

1 N Engl J Med 2014; 371: 1668-1671
2 N Engl J Med 2014; 371: 1666-1668

Aus der Zeitschrift Fortschritte der Neurologie · Psychiatrie

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