• Angstzustand

    Beim Vorherrschen körpernaher Ängste müssen Diagnosen aus der Gruppe der somatoformen autonomen Störungen gewählt werden.

     

Diagnostische Klassifikation der Angst

Mit der Abschaffung des Neurobegriffs in den Klassifikationssystemen DSM und ICD verfiel das ursprüngliche Bild der Angstneurose in drei Bereiche: Bezogen auf ängstliche Persönlichkeitszüge entstanden die Diagnosen der ängstlichen (vermeidenden) und der abhängigen Persönlichkeitsstörung. Beim Vorherrschen körpernaher Ängste müssen nunmehr Diagnosen aus der Gruppe der somatoformen autonomen Störungen gewählt werden. Mit Blick auf die Angstsymptomatik wurden unterschiedliche Angststörungen (nach ICD-10) formuliert.

 

Panikstörung (episodisch paroxysmale Angst, F41.0)

Als Kriterium gilt, dass mehrere schwere vegetative Angstanfälle aufgetreten sind in Situationen, die keine objektive Gefahr beinhalteten. Bei Vorliegen einer Phobie wird die Panikattacke dieser untergeordnet und als Ausdruck der Schwere der Phobie gewertet. Wenn zugleich die Kriterien für eine depressive Störung erfüllt sind, wird die Panik der Depressionsdiagnose untergeordnet.

 

Phobische Störung (F40)

Die phobische Angst reicht vom leichten Unbehagen bis zur panischen Angst, die durch die Erkenntnis nicht gemildert wird, dass andere Menschen die fragliche Situation nicht als bedrohlich betrachten. Phobische Angst tritt häufig gleichzeitig mit Depression auf. Da als Kriterium gilt, dass die angstmachende Situation außerhalb der eigenen Person liegt, handelt es sich bei den Krankheitsbefürchtungen (z.B. AIDS-Phobie) oder den Entstellungsbefürchtungen (Dysmorphophobie) im Grunde nicht um Phobien, sondern um hypochondrische Störungen (F45.2).

 

Agoraphobie (F40.0)

ICD-10 verwendet den Begriff in einer weiter gefassten Bedeutung und meint nicht nur die Angst vor offenen Plätzen oder breiten Straßen, sondern eine zusammenhängende, sich häufig überschneidende Gruppe von Phobien, mit der Angst, das eigene Haus zu verlassen, Geschäfte zu betreten, sich in Menschenmengen zu begeben, alleine in Zügen, Bussen und Flugzeugen zu reisen, in der Öffentlichkeit zusammenzubrechen. Durch die strikte Vermeidung der Angstorte und Angstsituationen kann das Erleben von Angst vermieden werden, was jedoch zwangsläufig zu einer deutlichen Einengung des Lebensspielraums führt.

 

Soziale Phobien (F40.1)

Es sind in der Regel kleine Gruppen und nicht Menschenmengen, die Angst auslösen und ängstlich gemieden werden. Sie sind häufig verbunden mit Beschwerden wie Erröten, Vermeiden von Blickkontakt, Händezittern, Harndrang etc. Das Vermeidungsverhalten kann zu weitgehender sozialer Isolierung führen.

 

Isolierte Phobie (F40.2)

Dabei handelt es sich um Angst vor Tieren, Dunkelheit, geschlossenen Räumen, Türmen, Brücken, bestimmten Speisen, bestimmten Anblicken und vielem anderen. Diese angstauslösenden Situationen werden, wenn immer möglich, gemieden.

 

Generalisierte Angststörung (F41.1)

Hier importiert die ängstliche Spannung als Dauerzustand mit körperlicher Unruhe, Spannungskopfschmerz, Zittern, Unfähigkeit, sich zu entspannen, vegetativen Zeichen, Oberbauchbeschwerden, Schwindelgefühl. Häufig werden Befürchtungen, Sorgen und Vorahnungen geäußert, die Unglücke des Betreffenden oder seiner Angehörigen zum Gegenstand haben.

 

Angst und depressive Störung gemischt (F41.2)

Auf das gleichzeitige Vorkommen von Angst und Depression wurde schon verwiesen. Diese Kategorie F41.2 soll Verwendung finden, wenn keine der Störungen das Ausmaß erreicht, das eine einzelne Diagnose rechtfertigen würde, so dass weder das eine noch das andere eindeutig vorherrscht.

 

Gemischte Angststörungen (F41.3)

Die Kategorie soll für Störungen verwendet werden, welche die Kriterien für eine generalisierte Angststörung (F41.1) erfüllen und zugleich Aspekte anderer Störungen zeigen (z.B. Zwangsstörungen, Somatisierungsstörungen, hypochondrische Störungen), die aber nicht ausreichend stark ausgeprägt sind, um eine eigene Diagnose zu rechtfertigen.

 

Anpassungsstörung (F43.2)

Wenn die Angstsymptome in enger Verbindung mit außergewöhnlichen Lebensveränderungen oder belastenden Lebensereignissen auftreten, wird diese Kategorie vorgeschlagen. Die Störung beginnt innerhalb eines Monats nach dem Ereignis. Die Symptome halten meist nicht länger als 6 Monate an. Außer der Angstreaktion spielen depressive Reaktionen und Beeinträchtigungen des Sozialverhaltens eine wichtige Rolle.

 

Posttraumatische Belastungsstörung (F43.1)

Die Angst ist hier Bestandteil einer verzögerten Reaktion auf ein katastrophales traumatisches Ereignis. Sie tritt innerhalb von 6 Monaten nach dem Ereignis auf. Charakteristisch sind sich aufdrängende Erinnerungen, Alpträume, Zustände, vegetativer Überregbarkeit und Schreckhaftigkeit, aber auch Gleichgültigkeit und emotionale Stumpfheit.

 

Somatoforme autonome Funktionsstörung des kardiovaskulären Systems (F45.30)

Hier handelt es sich um die „Herzneurose“ oder „Herzangstneurose“, die im ICD-10 nicht unter Angst, sondern unter somatoforme Störung abgehandelt wird. Bei dieser Störung stehen die auf das Herz projizierte Angst, verbunden mit Schmerzen in der Herzgegend und ängstlicher Beobachtung des beschleunigten Pulsschlags, sowie die angstvolle Überzeugung des nahenden Herztodes im Vordergrund. Sie können begleitet werden von weiteren vegetativen Beschwerden wie Hitzegefühl, Brennen, Schwere, Enge, Zittern, etc.

 

Ängstliche Persönlichkeitsstörung (F60.0)

Diese Persönlichkeitsstörung wird durch folgende Merkmale charakterisiert:

  • andauernde und umfassende Gefühle von Anspannung und Besorgtheit
  • gewohnheitsmäßige Befangenheit und Gefühle von Unsicherheit und Minderwertigkeit
  • andauernde Sehnsucht nach Zuneigung und Akzeptiertwerden
  • Überempfindlichkeit gegenüber Zurückweisung und Kritik
  • Weigerung zur Aufnahme von Beziehungen, solange der betreffenden Person nicht unkritisches Akzeptiertwerden garantiert ist
  • sehr eingeschränkte persönliche Bindung
  • gewohnheitsmäßige Neigung zur Überbetonung potenzieller Gefahren oder Risiken alltäglicher Situationen bis zur Vermeidung bestimmter Aktivitäten, ohne das Ausmaß phobischer Vermeidung
  • eingeschränkter Lebensstil wegen der Bedürfnisse nach Gewissheit und Sicherheit

Abhängige Persönlichkeitsstörung (F60.7)

Diese Persönlichkeitsstörung wird durch folgende Merkmale charakterisiert:

  • Überlassung der Verantwortung für wichtige Bereiche des eigenen Lebens an andere
  • Unterordnung eigener Bedürfnisse unter die anderen Personen, zu denen eine Anhängigkeit besteht, und unverhältnismäßige Nachgiebigkeit gegenüber den Wünschen anderer
  • mangelnde Bereitschaft zur Äußerung angemessener Ansprüche gegenüber Personen, zu denen eine Abhängigkeit besteht
  • Selbstwahrnehmung als hilflos, inkompetent und schwach
  • häufige Ängste vor Verlassenwerden und ständiges Bedürfnis, sich des Gegenteils zu versichern
  • beim Alleinsein sehr unbehagliche Gefühle
  • Erleben von innerer Zerstörtheit und Hilflosigkeit bei der Beendigung einer engen Beziehung
  • bei Missgeschick neigen diese Personen dazu, die Verantwortung anderen zuzuschieben

 

Ängstliche und abhängige Persönlichkeitsstörung zeigen als vorherrschende Persönlichkeitszüge jene Elemente, die oben als charakteristisch für den Grundkonflikt der Autonomie skizziert wurden. In dem Bild der ängstlichen Persönlichkeitsstörung werden Selbstunsicherheit, Ängstlichkeit, Vermeidungstendenz in den Vordergrund gestellt und mit dem Bedürfnis nach Gebundenheit verknüpft. Im Bild der abhängigen Persönlichkeitsstörung werden das Anlehnungsbedürfnis und die Unterordnung, die Betonung eigener Inkompetenz und Verlassenheitsängste betont.

 

Merke:

Wichtig für die Diagnose der Persönlichkeitsstörung ist die Tatsache, dass diese Auffälligkeiten nicht auf Krankheitsepisoden begrenzt sind, sondern beginnend in Kindheit und Jugend sich auf Dauer im Erwachsenenalter manifestieren und dort viele persönliche und soziale Situationen nachdrücklich prägen und beeinträchtigen.

 

Für das psychodynamische Verständnis dieser Störungen ist von Bedeutung, dass sie offenbar das Thema des Grundkonflikts der Autonomie chronifizieren und unverändert weitertragen, ohne dass zwischenzeitlich ausgeprägte Formen der Verarbeitung und Bewältigung sichtbar wurden. Das bedeutet, dass diese Patienten bisher ein Leben in einer eingeschränkten Autonomie gelebt haben und sich dabei oft auf den sozialen Rückhalt ihrer Eltern, Partner oder Kinder beziehen konnten. Die Prognose einer geplanten Psychotherapie hängt zweifellos mit davon ab, ob der Wunsch, die lange bestehende Situation gerade jetzt zu verändern, stark und begründet genug ist, um das bisher bestehende neurotische interpersonelle Arrangement infrage zu stellen.
Andere Formen der Persönlichkeitsstörung wie etwa die zwanghafte Persönlichkeit, die unter Umständen eine ausgeprägte und sehr fixierte Abwehr/Bewältigung eines Autonomiekonflikts darstellt, werden im Zusammenhang mit den Zwangsstörungen besprochen.

Aus dem Buch: Psychotherapeutische Medizin und Psychosomatik

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