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Diuretika-Missbrauch bei chronifizierter Bulimia nervosa

Kernsymptome der Bulimia nervosa (BN), die mit einem Verhältnis von 20:1 überwiegend Frauen betrifft und für die eine Lebenszeitprävalenz bei Frauen von ca. 1,5% angegeben wird, sind wiederholte Essanfälle und gegensteuernde Maßnahmen. Diesem Verhalten liegen eine übertriebene Beschäftigung mit dem Körpergewicht und ein ausgeprägtes Schlankheitsstreben zugrunde.

Bei den gegensteuernden Maßnahmen handelt es sich meistens um selbst induziertes Erbrechen, aber auch um die missbräuchliche Einnahme von Laxantien oder Diuretika (ICD-10). Sowohl Medikamente im engeren Sinn, als auch Tees, Nahrungsergänzungsmittel und andere, auch außerhalb von Apotheken frei verkäufliche Substanzen werden zum Abführen, Entwässern oder für eine vermeintliche Anregung des Grundumsatzes genutzt. Körperliche Folgeerscheinungen des gegensteuernden Verhaltens sind bei Patientinnen mit BN häufig zu beobachten (z. B. Elektrolytverschiebungen und Ödeme als Folge von Salzverlusten oder Zahnschäden und Schwellungen der Parotis als Folge des Erbrechens).

Die ersten Berichte über eine missbräuchliche Einnahme von Diuretika finden sich Anfang der 1970er Jahre in der Literatur. Die primär aus internistischem Blickwinkel verfassten Berichte beschreiben ein durch Diuretika verursachtes Bartter-Syndrom (charakterisiert durch Hypokaliämie, Alkalose, Hyperreninämie, Hyperaldosteronismus, normalen Blutdruck und Hyperplasie des juxtaglomerulären Apparats der Niere), das in Abgrenzung zu der idiopathischen Variante, bei dem eine kongenitale Schädigung der renalen Ionentransportmechanismen zugrunde liegt, später die Bezeichnung Pseudo-Bartter-Syndrom erhielt. In Einzelfällen wurde der Diuretikamissbrauch mit Magersucht in Verbindung gebracht. Im Rahmen von Veröffentlichungen zu sogenannten „idiopathischen Ödemen“, einem nach Ansicht der damaligen Autoren primär bei Frauen auftretenden Phänomen, wurde ebenfalls Diuretikamissbrauch beschrieben. Weitere Beobachtungen, z. B. dass diese normalgewichtigen Frauen quasi „von der Beschäftigung mit dem Körpergewicht besessen seien“, waren damals noch keiner eigenen diagnostischen Entität im Rahmen psychischer Erkrankungen zuzuordnen (zur Übersicht). Dies änderte sich erst mit der Erstbeschreibung der BN durch Russell 1979.

Jüngere Berichte beschreiben Fälle ungeklärter chronischer Hypokaliämien (teilweise auch erheblicher Ausprägung bis unter 2 mmol/l), für die letztendlich ein Diuretika-Missbrauch verantwortlich gemacht werden konnte. Eine nephrologisch geführte Fallserie beschreibt 18 Fälle von teils extrem langem Furosemid-Missbrauch (bis 25 Jahre); insbesondere hohe Dosen (im Mittel um über 500 mg Furosemid pro Tag) waren mit einer bilateralen medullären Nephrokalzinose vergesellschaftet.

Dass in den Fallberichten vor allem ein Missbrauch des Schleifendiuretikums Furosemid, das im aufsteigenden Teil der Henle-Schleife die Natrium-Rückresorption hemmt und somit stark entwässernd wirkt, berichtet wird, liegt am ehesten an der hohen Potenz und den damit verbundenen drastischen Auswirkungen auf den Wasser- und Elektrolythaushalt, der letztendlich zu Notfallaufnahmen in somatische Krankenhäuser führt.

Wie häufig Diuretikamissbrauch bei BN ist, ist letztendlich nicht bekannt. Gründe hierfür sind, dass auch trotz gründlicher Anamneseerhebung Patientinnen den Gebrauch von Diuretika nicht angeben oder mildere diuretische Maßnahmen wie die Einnahme von Entwässerungstees nicht entsprechend einordnen. Selbst in der S3-Leitlinie „Diagnostik und Therapie der Essstörungen“ wird keine Häufigkeit des Phänomens angegeben. In einer älteren Studie wurde die Häufigkeit von Diuretika-Einnahme bei College- und High-School Studenten allgemein mit 3–5% angegeben. Eine US-amerikanische Arbeitsgruppe publizierte zwei Arbeiten mit Angaben zum Diuretikamissbrauch bei Patientinnen mit BN, die sich in medizinischer Behandlung befanden. In der älteren Arbeit (n=275) wird beschreiben, dass ca. 34% zumindest einmalig diuretische Substanzen (von klassischen Diuretika bis hin zu over-the-counter-Medikamenten, Phytopharmaka und Koffein) zur Gewichtskontrolle eingesetzt hatten und ca. 10% dies auch über eine längere Zeit taten. In der jüngeren Arbeit (n=39) wird für den gelegentlichen Gebrauch eine Häufigkeit von ca. 30%, für einen Dauergebrauch von ca. 6% angegeben. Aufgrund der hohen Dunkelziffer bleiben diese Angaben aber allesamt vage.

 

Lesen Sie hier den gesamten Beitrag: Diuretika-Missbrauch bei chronifizierter Bulimia nervosa – Fallbericht und klinisches Management

Aus der Zeitschrift Psychotherapie • Psychosomatik • Medizinische Psychologie 9/2015

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