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Potenziale und Herausforderungen von E-Mental-Health-Interventionen in der Versorgung psychischer Störungen

E-Mental-Health-Interventionen gelten als vielversprechende Optionen, um Zugangsbarrieren abzubauen und Versorgungslücken, z. B. durch eine Unterversorgung im ländlichen Raum, zu schließen. Sie können zeit- und ortsunabhängig angeboten werden und auch Menschen in Regionen mit geringer Versorgungsdichte oder Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen erreichen. Trotz des großen Potenzials von E-Mental-Health-Interventionen bestehen zahlreiche Herausforderungen, z. B. in Bezug auf den Datenschutz und die Präzisierung hinsichtlich begrifflicher, konzeptioneller und evaluativer Aspekte des sehr breiten E-(Mental)-Health-Sektors.

Die Digitalisierung ist nicht nur in unserem Alltag und weiten Teilen des gesellschaftlichen Lebens angekommen – 90 % der deutschen Haushalte besitzen einen Personalcomputer (PC) –, sondern auch zunehmend in der gesundheitlichen Versorgung von Menschen mit psychischen und körperlichen Beschwerden in Deutschland. Auch international betrachtet ist der Trend zu beobachten, dass im Bereich der Gesundheitsversorgung immer häufiger digitale Technologien verwendet werden, um bereits bestehende Versorgungsstrukturen zu unterstützen. Der Einsatz digitaler Technologien in der gesundheitlichen Versorgung hat nicht nur das Potenzial, einzelne Individuen und spezifische Subpopulationen (z. B. Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen) zu erreichen, sondern kann auch den Zugang zur Versorgung in Ländern, welche nur begrenzte Ressourcen besitzen, verbessern.

Ganz allgemein beschreibt der Begriff E-Health (Electronic Health) den Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) in gesundheitsrelevanten Feldern. Dabei hat E-Health zum Ziel, die Versorgung zu verbessern und somit die Gesundheit des Individuums und der Gesellschaft zu fördern. Trotz des stetigen Wachstums des E-Health-Sektors (und der zunehmenden Relevanz von E-Health im Forschungskontext) gibt es keine einheitliche Definition des Begriffs E-Health. In der Literatur kursieren daher viele „verwandte“ Begriffe (z. B. „Medicine 2.0“), die stark mit dem Konstrukt E-Health überlappen und z. T. auch austauschbar verwendet werden. Die Weltgesundheitsorganisation (2005) definiert E-Health folgendermaßen: E-Health bezeichnet die kosteneffiziente und sichere Nutzung von IKT zur Förderung von Gesundheit und gesundheitsbezogenen Bereichen; darunter fallen Gesundheitsdienstleitungen, Gesundheitsüberwachung, Gesundheitsliteratur, Gesundheitsbildung sowie Wissen und Forschung.

Der vorliegende Beitrag bezieht sich insbesondere auf E-Health-Anwendungen welche im Kontext der Gesundheitsversorgung psychischer Störungen eingesetzt werden, also dem Bereich E-Mental-Health zuzuordnen sind. Unter E-Mental-Health versteht man den Einsatz von IKT – insbesondere Technologien, die das Internet nutzen, um psychische Gesundheit und psychische Gesundheitsversorgung zu fördern. So werden im Rahmen von E-Mental-Health digitale Technologien eingesetzt, um z. B. frühzeitig Screenings durchzuführen, Gesundheit zu fördern, psychischen Störungen vorzubeugen, sie zu behandeln und eine Rückfallprophylaxe anzubieten. Zusätzlich umfasst der Bereich E-Mental-Health die Verbesserung der Erbringung von gesundheitlichen Dienstleistungen (z. B. über elektronische Patientenakten), die Schulung der Akteure im Gesundheitssystem (E-Learning) sowie die Onlineforschung zur psychischen Gesundheit. Beide Definitionen haben gemeinsam, dass ein sehr breites Feld abgedeckt wird – es reicht von rein administrativen Anwendungen (z. B. elektronische Patientenakte, Krankenhausinformationssysteme) bis zu gesundheitlichen Dienstleistungen (z. B. Fernbehandlungen / -konsultationen, Telemonitoring) und Forschung, die über IKT vermittelt werden. Der Unterschied liegt im Fokus der Definitionen: Erstere bezieht sich auf die Gesundheitsversorgung im Allgemeinen, während sich zweitere insbesondere auf die psychische Gesundheitsversorgung konzentriert.

Charakteristik von internet- und mobilbasierten Interventionen (IMI)

Internet- und mobilbasierte Interventionen (IMI) sind unterschiedlich ausgestaltet hinsichtlich ihrer technischen Umsetzung, der Theoriebasierung, ihrer Anwendungsbereiche und des Ausmaßes an menschlicher Unterstützung. Sie haben gemeinsam, dass sie an der Veränderung von kognitiven, emotionalen oder behavioralen Prozessen ansetzen und die Anwender unterstützen, erworbene Fähigkeiten mithilfe psychotherapeutischer Techniken in ihrem Alltag zu integrieren. Auch können Interventionen, die auf psychische Beschwerden bei körperlichen Erkrankungen zugeschnitten sind (z. B. Online-Interventionen für Depressionen bei Menschen mit Multiple Sklerose [MS]), über IMI abgebildet werden.

Technische Umsetzung & Theoriebasierung von IMI

Der Einsatz von IMI kann über verschiedene technische Medien stattfinden, wie eine Auflistung nach Ebert, Van Daele, Nordgreen und Kollegen zeigt:

  1. Darbietung evidenzbasierter Strategien in Form von Selbsthilfe-Sitzungen (z. B. über das Internet).
  2. Der Einsatz von virtueller Realität, um beispielsweise eine Konfrontation mit angstbesetzten Situationen im virtuellen Raum durchzuführen.
  3. Serious Games, wobei es zum Training von funktionalen psychologischen Techniken kommt.
  4. Avatar-gestützte Sitzungen, um z. B. Verhaltensänderungen der Teilnehmer zu fördern.
  5. Einsatz von Erinnerungs-, Feedback- und Verstärkungsmechanismen über Apps, E-Mails oder Textnachrichten (SMS), um den Transfer von Interventionsinhalten in den Alltag der Nutzer zu unterstützen.
  6. Sensoren in Smartphones und Wearables, oder auch Apps, welche störungsspezifische Symptome, oder gesundheitsbezogene Verhaltensweisen (z. B. Schlafverhalten über Bewegungssensoren, Bewegungsverhalten über Schrittzähler) erfassen und somit unterstützend im Rahmen der Therapie eingesetzt werden können (z. B. zur Motivationsförderung).

Die meisten IMI – speziell wissenschaftlich evaluierte – basieren auf den Grundsätzen der kognitiven Verhaltenstherapie (KVT). IMI können stark strukturiert und standardisiert dargeboten werden (z. B. über automatisierte Online-Programme), weshalb sich manualisierte verhaltenstherapeutische Ansätze besonders gut als theoretische Basis eignen. Darüber hinaus gibt es aber auch andere psychologische bzw. psychotherapeutische Ansätze, wie zum Beispiel achtsamkeitsbasierte (-assozierte) Ansätze, Akzeptanz- und Commitment-Therapie und psychodynamische Ansätze, die als theoretische Grundlage für IMI herangezogen werden können.

Lesen Sie den gesamten Beitrag hier: Potenziale und Herausforderungen von E-Mental-Health-Interventionen in der Versorgung psychischer Störungen

aus der Zeitschrift: Fortschritte der Neurologie • Psychiatrie 03/2019

 

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