• familienmedizinischer Interventionsbedarf

     

Erfassung des familienmedizinischen Interventionsbedarfs durch eine direkte Befragung von Patienten mit einer psychischen Störung

Wie stark ist die Belastung von Familien psychisch Kranker? Ziel dieser Studie war es, die Versorgungssituation von Kindern und den familiären Interventionsbedarf stationär behandelter Eltern mit psychischer Erkrankung zu erfassen.

Einleitung

Für psychische Erkrankungen wird aktuell von einer 12-Monats-Prävalenz von 27,7 % im Erwachsenenalter zwischen dem 18. und 79. Lebensjahr ausgegangen. Das bedeutet, dass fast 18 Millionen in Deutschland lebende Menschen eine psychische Störung aufweisen, wobei nach Gühne et al. bis zu 1 Million Deutsche unter einer schweren behandlungsbedürftigen psychischen Störung leiden. Die häufigsten psychischen Störungen sind dabei Angststörungen, affektive Erkrankungen sowie stoffgebundene Suchterkrankungen. Trotz der hohen Zahl begibt sich mit 36 % nur ein relativ kleiner Teil der psychisch erkrankten Menschen in fachpsychiatrische bzw. psychotherapeutische Behandlung, wobei die Gründe hierfür vielgestaltig sind.

Erst in den letzten 20 Jahren wurde die Erforschung der Wechselwirkung im Zusammenhang zwischen intrafamiliärer Belastung und Krankheitsverlauf vor allem im Bereich der psychoedukativen Therapiekonzepte intensiviert. Die meisten der bisher dazu veröffentlichten Studien umfassen die Untersuchung von Patientenangehörigen, die an einer Erkrankung aus dem schizophrenen Formenkreis bzw. depressiven Störung oder einer demenziellen Erkrankung leiden. Nach Östmann et al. sind die Gründe, die zu einer subjektiven Belastung der Angehörigen eines psychisch Erkrankten führen, nosologie-unspezifisch und auch nicht unbedingt von der Schwere der Symptomatik abhängig. Selbst ein Suizidversuch oder gegen Angehörige gerichtete Gewalt scheinen keinen Einfluss auf die subjektive Belastung zu haben. Die latente Sorge, selbst psychisch zu erkranken bzw. für diese Erkrankung genetisch prädisponiert zu sein, scheint hingegen einen größeren belastenden Einfluss auf den subjektiven Leidensdruck der Angehörigen zu haben.

Noch weniger wissenschaftlich erforscht sind die Auswirkungen der elterlichen psychischen Erkrankung auf die Entwicklung und Versorgung der Kinder trotz mittlerweile zahlreicher Hinweise, dass das Risiko für ein Kind, selber psychisch zu erkranken, deutlich höher ist, wenn ein Elternteil oder beide Elternteile psychisch erkrankt sind. Interessant hierbei ist z. B. der wiederholt beschriebene Befund, dass die Behandler/Therapeuten häufig kein bzw. unzureichendes Wissen über die familiären Hintergründe ihrer Patienten wie beispielsweise Anzahl von minderjährigen Kindern im gemeinsamen Haushalt und Versorgung dieser Kinder während der stationären Behandlungen des Patienten verfügen, obwohl standardisierte Fragen zur Familien- und Sozialanamnese zu den routinemäßigen Aufnahmemodalitäten gehören. Im Gegensatz zu der Situation in Deutschland sind Ärzte z. B. in Finnland und Norwegen mittlerweile per Gesetz verpflichtet, sich aktiv nach Kindern und deren Lebenslage ihrer psychisch kranken Patienten zu erkundigen und bei Bedarf auf die bestehenden familienmedizinischen Projekte zu verweisen. Ein Aspekt, warum gerade von Patienten, aber auch von Psychiatern Hilfseinrichtungen wie Jugendämter gemieden werden, ist die Furcht, ein Aufdecken des Hilfebedarfs könnte eine Kindeswegnahme provozieren.

Eltern wiederum, die für ihr psychisch krankes Kind (nicht selten lebenslang) sorgen, stehen vor der Herausforderung, das elterliche Pflichtgefühl und den Wunsch nach einem eigenen, selbstbestimmten Leben miteinander zu vereinen. Diesen Konflikt bewältigen sie meist alleine, da sie aufgrund von Scham und Schuldgefühlen mit Personen außerhalb der Familie wenig über eine psychische Erkrankung sprechen. Betroffene Eltern empfinden nicht selten eine Macht- und Hilflosigkeit durch mangelnde Unterstützung der Gesundheitsbehörden, Schuldgefühle, Wut und Isolation, begleitet von einem tiefen Gefühl des Verlustes und Trauer. Die besonderen Bedürfnisse der Eltern psychisch Erkrankter wurden ebenfalls lange Zeit nicht berücksichtigt. Dabei zeigt sich für den Kranken eindeutig ein positiver Effekt, wenn die Familie als Ressource in die Behandlung miteinbezogen wird. Eindrucksvoll konnten Pilling et al. zeigen, dass bei Patienten mit einer Erkrankung aus dem schizophrenen Formenkreis bei Miteinbeziehung der familiären Bezugspersonen einerseits die Zahl der psychotischen Episoden sowie der stationären Aufnahmen sank und andererseits die Medikamenten-Compliance stieg.

Ziel unserer Untersuchung war es zunächst, durch die direkte Befragung von Patienten mit einer psychischen Erkrankung den familienmedizinischen Interventionsbedarf zu ermitteln. Gezielt sollte geklärt werden, ob psychisch kranke Menschen während des stationären Aufenthalts einen familienbezogenen Interventionsbedarf für sich erkennen und deklarieren, dabei Sorgen und Versorgungsprobleme deutlich gegenüber den Therapeuten formulieren und sich diesbezüglich und im Hinblick auf Hilfsangebote von diesen unterstützt fühlen. Hierbei sollte auch untersucht werden, inwieweit nosologie-spezifische Unterschiede bestehen und welche Rolle ein möglicher deklarierter Bedarf im Rahmen des Therapieprozesses einnimmt.

Lesen Sie den gesamten Beitrag hier: Erfassung des familienmedizinischen Interventionsbedarfs durch eine direkte Befragung von Patienten mit einer psychischen Störung

Aus der Zeitschrift: Psychiatrische Praxis 03/2020

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