Facharztfragen

Testen Sie Ihr Wissen mit unseren Prüfungsfragen zur Facharztprüfung!

Psychiatrische Rehabilitation

  • Was versteht man unter "Spätrehabilitation", was unter "Frührehabilitation"?
    • Der Begriff Spätrehabilitation bezieht sich auf Personen die schon lange, vorwiegend stationär, in psychiatrischer Behandlung gestanden sind und über Wohn-, Beschäftigungs- bzw. Tagesstrukturierungsmaßnahmen in die Gemeinde reintegriert werden sollen.
    • Unter Frührehabilitation versteht man den Ansatz, dass vom ersten Tag einer psychiatrischen Behandlung an, besonders einer stationären psychiatrischen Behandlung, auf die Rückkehr in das normale Alltagsleben hingearbeitet wird.

    Die gesetzlichen Rahmenbedingungen für den gemischten Einsatz von rehabilitativen und Akutbehandlungsinterventionen gelten für Ersterkrankungen mit schweren Störungen und Erkrankungen mit großem Risiko für chronische Verläufe. Das trifft in hohem Maß auf Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis zu. Die Psychiatrie hat deshalb besonders in diesem Bereich Modelle integrierter Praxis entwickelt. Die Förderung der Frührehabilitation als Routine in Behandlung und Rehabilitation sollte in Zukunft den Bedarf an spätrehabilitativen Maßnahmen reduzieren.

  • Was versteht man in der Psychiatrie unter Angehörigengruppen und welchem Zweck dienen sie?

    Angehörigengruppen sind regelmäßig stattfindende Gruppensitzungen von Angehörigen psychisch Kranker ohne die Anwesenheit der kranken Familienmitglieder, mit dem Zweck der Wissensvermehrung, sowie der gegenseitigen emotionalen und alltagspraktischen Unterstützung.

    Angehörigengruppen können in psychiatrischen und psychosozialen Einrichtungen stattfinden - und werden dort in der Regel von den professionellen Helfern organisiert und moderiert - oder im Rahmen von Selbsthilfeorganisationen mit Moderation durch Angehörige.

    Häufige Themen sind: Wissensaustausch über die Erkrankung und die Behandlungsmöglichkeiten; Schuldgefühle; Stigmatisierung/Diskriminierung und der adäquate Umgang damit; Erfahrungsaustausch über den optimalen Umgang mit Symptomen (Halluzinationen, Wahnideen, Minussymptomatik) und Möglichkeit der Korrektur dysfunktionaler Verhaltensweisen durch Feedback von "erfahrenen" Angehörigen.

    Ein wichtiger Zweck von Angehörigengruppen ist es auch, das Selbstwertgefühl der Angehörigen zu stärken. In Angehörigengruppen, die von Professionellen in psychiatrischen Einrichtungen organisiert und moderiert werden, sollte besonders darauf geachtet werden, dass sich die Angehörigen Ihrer Rolle als aktive Mitgestalter des Rehabilitationsprozesses bewusst werden (und sich nicht einfach als Empfänger von Anweisungen der Fachleute sehen); auch sollte in diesen Gruppen beachtet werden, dass Probleme mit der "Offenheit" entstehen können (Angehörige halten vielleicht manche Informationen zurück, da sie fürchten, dass diese ihrem kranken Familienmitglied schaden könnten) und auch Loyalitätskonflikte entstehen können (was darf der Therapeut des Patienten in der Gruppe über den Patienten erzählen?).

Soziotherapie

  • Beschreiben Sie die Notwendigkeit und Strukturen der Koordination und Kooperation psychiatrischer Versorgung in regionaler Perspektive.
    • Um eine angemessene personenzentrierte, ausreichende und sparsame psychiatrische Versorgung bezogen auf eine definierte Region zu ermöglichen, sind verbindliche Absprachen und Steuerungsprozesse erforderlich.
    • Sie dienen der Herstellung einer ausreichenden Versorgung und der Vermeidung von Mehrfachangeboten und Ressourcenvergeudung.
    • Bezogen auf den einzelnen Hilfesuchenden, sind Informationen über das bestehende Hilfeangebot und Beratung zur Inanspruchnahme notwendig.

    Die Anforderung an eine regionale Steuerung und Koordination der psychiatrischen Versorgung wird in den einzelnen Ländern der Bundesrepublik Deutschland unterschiedlich gelöst und ist nur teilweise verbindlich geregelt. Angestrebt werden u.a. Gemeinde- bzw. sozialpsychiatrische Verbünde, wie sie in den Landespsychiatriegesetzen einiger Länder verbindlich vorgeschrieben sind. Ihre Einrichtung geschieht zögerlich. Ihr Nutzen ist umstritten.

  • Was bedeutet "ICF"? Beschreiben Sie Grundgedanken und Zielrichtung des Ansatzes.
    • Unter ICF versteht man die "Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit" der Weltgesundheitsorganisation.
    • ICF beschreibt Beeinträchtigungen der funktionalen Gesundheit infolge von Krankheit oder als angeborene Behinderung in der Abfolge von Störungen körperlicher und psychischer Strukturen und Funktionen, aus denen Beeinträchtigungen relevanter und üblicher Aktivitäten und schließlich Einschränkungen der Teilhabe an relevanten Lebensbereichen wie Leben in der Gemeinschaft oder Teilhabe am Arbeitsleben resultieren.
    • Der Zusammenhang wird dabei interaktionell unter Berücksichtigung von Ressourcen und Defiziten der betroffenen Person, von Einwirkungen der sozialen Umgebung sowie von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verstanden.
    • Das System dient der Beschreibung von Krankheitsfolgen und lässt den Bedarf an Maßnahmen der Rehabilitation und der Integrationshilfen abschätzen.

    ICF löst die bisherige Klassifikation der Behinderungen (ICIDH) ab und ergänzt die nosologische Klassifikation nach ICD oder DSM um den funktionalen Aspekt.

Gruppentherapie

  • Was versteht man unter einem Kommunikationstraining?

    Im Kommunikationstraining wird v.a. durch Rollenspiele versucht, angemessene Kommunikationsformen zu erlernen.

    Die Grundannahme ist, dass inhaltliche Aspekte (z.B. Konflikte in der Gruppe, Paarkonflikte) erst dann besprochen werden können, wenn formale Kommunikationsregeln beherrscht werden (Prinzip der Deeskalation).

  • Diskutieren Sie das Angebot störungsspezifischer Angehörigengruppen (z.B. bei der Schizophrenie) vor dem Hintergrund eines allgemeinen Vulnerabilitäts-Stress-Modells.

    Das Vulnerabilitäts-Stress-Modell der Schizophrenie nimmt an, dass neben genetischen und sozialisationsbedingten Variablen die soziale Situation (Stress, familiäre Auseinandersetzungen usw.) eine entscheidende Rolle in Vermittlung und Verlauf der Erkrankungen spielt.

    Angehörige schizophrener Patienten leiden häufig unter bestimmten Ängsten, Sorgen, Schuld- und Schamgefühlen sowie Überforderungsgefühlen aufgrund der Erkrankung, die längerfristig zu einer „angespannten familiären Atmosphäre“ führen können, Störungsspezifische Angehörigengruppen sollten daher

    • zu einer emotionalen Entlastung beitragen (z.B. vermitteln, dass sie mit ihren Problemen nicht allein und an der Erkrankung nicht schuld sind),
    • spezifisches störungsspezifisches Wissen vermitteln (z.B. Behandlungsmöglichkeiten, Hinweise auf einen bevorstehenden Rückfall) mit dem Ziel der Entlastung und Entemotionalisierung.

    „Entlastete und informierte“ Angehörige tragen zu einem positiven Verlauf der Erkrankung bei.

Klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie

  • Umreißen Sie „Inkongruenz“ als Störungsbegriff und beschreiben Sie die therapeutische Funktion der Kongruenz des Therapeuten.
    • Inkongruenz beschreibt einen Zustand, in dem bedeutsame Erfahrungen nicht in das Selbstkonzept integriert werden können. Daraus entstehen psychische Störungen.
    • Die Therapie soll hier förderliche Entwicklungsbedingungen schaffen. Durch die Realisierung der „Basisvariablen“ durch den Therapeuten soll der Patient lernen, sein Selbstkonzept zu erweitern und möglichst angstfrei neue Erfahrungen zuzulassen.

    Selbstkonzepte enthalten wichtige und stabile Annahmen der Person über sich selbst. Sind diese aufgrund ungünstiger Entwicklungsbedingungen sehr rigide oder dysfunktional, können neue und insbesondere selbstkonzeptdiskrepante Erfahrungen nicht integriert werden.

  • Welche Aspekte der Empathie können nach Greenberg unterschieden werden?

    Greenbergs Konzept einer „process-experiental psychotherapy“ stellt Annahmen zur gestörten Emotionsverarbeitung in den Mittelpunkt.

    Aspekte der Empathie:

    • emotionsgerichtete Empathie
    • kognitionsgerichtete Empathie

    Empathische Interventionen des Therapeuten sollen die Wahrnehmung und Akzeptanz des Patienten für spezifische Emotionen fördern sowie die Emotionsregulation unterstützen:

    • Emotionsgerichtete Empathie fokussiert dabei auf primäre Emotionen (Angst, Trauer, Wut…) oder interpersonell überformte sekundäre Emotionen (z.B. appellatives Weinen).
    • Kognitionsgerichtete Empathie richtet sich auf die Bedeutung der Emotionen für die Person sowie auf Grundüberzeugungen und Selbstkonzepte.

    Empathische Interventionen können Emotionen des Patienten evozieren, intensivieren oder lediglich benennen. Sie können sich an sichtbaren Emotionen orientieren oder Vermutungen über Emotionen zum Ausdruck bringen.

Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie

  • Was ist mit „containing“ (im Sinne von Bion/Winicott) in einer therapeutischen Beziehung gemeint?

    Damit ist die Bereitschaft und Fähigkeit des Therapeuten gemeint, negative, unerträgliche Gefühle (Angst, Scham, Schuld, Aggression u.a.) des Patienten zu erkennen und diese auf sich zu nehmen, indem er sich über das innere Erleben des Patienten verstehend äußert, ohne es gleich zu deuten.

    Der Therapeut stellt sich als Hilfs-Ich zur Verfügung und verarbeitet zunächst stellvertretend für den Patienten diese Anteile.
    Diese Inhalte werden erst zu einem späteren Zeitpunkt verarbeitet an den Patienten wieder zurückgegeben. Therapeuten können durch Anbieten von mütterlich-haltenden Funktionen bei sehr schwer gestörten Patienten besser positive Beziehungserfahrungen vermitteln. Winicott bezeichnet dies als „holding“ und Bereitstellung einer förderlichen Umwelt.

  • Nennen Sie die Unterschiede zwischen einer tiefenpsychologisch fundierten und einer analytischen Psychotherapie.

    Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie:

    • Ziele: Symptomreduktion und begrenzte Verhaltensänderung.
    • Im Vordergrund steht die Erarbeitung der Verbindung zwischen Symptomatik und aktueller Situation/Belastung.
    • Inhaltliche Fokussierung.
    • Engere zeitliche Begrenzung.
    • Keine Förderung einer regressiven Übertragungsneurose.
    • Der Therapeut geht aktiver und direktiver vor.
    • Kognitive, edukative und störungsspezifische Elemente werden mehr einbezogen.

    Psychoanalyse:

    • Ziel: strukturelle Persönlichkeitsveränderung.
    • Die Entwicklung einer regressiven Überträgungsneurose wird durch deutende Techniken und hochfrequentes (3 – 4h/Woche) und jahrelanges Therapiesetting gefördert.

Suchterkrankungen

  • Wie beurteilen Sie den Ansatz des kontrollierten Alkoholkonsums?

    Das Therapieziel eines kontrollierten Alkoholkonsums ist nur für Patienten möglich, die einen problematischen Alkoholkonsum (Alkoholmissbrauch), aber noch keine Abhängigkeit entwickelt haben.

    Risiken bestehen

    • in der Anwendung des therapeutischen Vorgehens bei alkoholabhängigen Personen, die hierdurch keine Bewältigung ihrer Abhängigkeit erwarten können,
    • in der Schwierigkeit, im Einzelfall Missbrauch und Abhängigkeit sicher differenzialdiagnostisch zu trennen.
  • Erklären Sie das kognitiv-behaviorale Rückfallmodell von Marlatt und Gordon (1985).

    Marlatt und Gordon gehen davon aus, dass Rückfälligkeit ein hierarchischer Prozess ist, in dem folgende Aspekte und Bereiche den Rückfall beeinflussen:

    • interpersonale Bereiche (gesellschaftliche Bedingungen, Herkunftsfamilie, soziale Beziehungen)
    • intrapersonale Aspekte (Persönlichkeit, Lebensstil, kognitive Voraussetzungen)
    • rückfallgefährdende Risikosituationen

    Ein erster Rückfall geht nach Marlatt und Gordon mit einem kognitiv-emotional gesteuerten Abstinenz-Verletzungs-Effekt einher, der das weitere Trinken begünstigt.

    Ein Lebensstil mit zahlreichen belastenden Elementen (Stressoren) fördert das Auftreten von Gefährdungssituationen. Eine rigide Alltagsgestaltung provoziert negative Gefühle. Bei fehlenden oder ineffektiven Coping-Strategien besteht in Risikosituationen die gesteigerte Gefahr eines erneuten Substanzkonsums. Positive Erwartungen an die Wirkung des Suchtmittels begünstigen den Rückfall.
    Rückfallpräventionsmaßnahmen zielen nach diesem Modell somit auf die Vermittlung von Coping-Strategien und auf die Schaffung von Alltagsbedingungen, welche durch eine ausgeglichene Bilanz von positiven und negativen Ereignissen das Rückfallrisiko mindern, sowie auf die kognitive Bewältigung von Versuchungssituationen.

Alle Facharztfragen für Ihre Prüfungsvorbereitung finden Sie hier:

Der sichere Weg zum Facharzt

Psychiatrie und Psychotherapie compact
Siegfried Kasper, Hans-Peter Volz, Bernhard Blanz, John Peter Doerr, Martina de ZwaanPsychiatrie und Psychotherapie compact

Das gesamte Facharztwissen

EUR [D] 44,99Zum Warenkorb hinzufügenInkl. gesetzl. MwSt.

Memorix Psychiatrie und Psychotherapie
Gerd Laux, Hans-Jürgen MöllerMemorix Psychiatrie und Psychotherapie

EUR [D] 19,99Zum Warenkorb hinzufügenInkl. gesetzl. MwSt.

PSYCH up2date
PSYCH up2date

EUR [D] 135,00Zur ProduktseiteInkl. gesetzl. MwSt.