• Fantasiereisen

    Fantasiereisen sind Vorstellungsübungen und gehören zu den imaginativen Verfahren.

     

Fantasiereisen - Eine hilfreiche Technik bei zahlreichen Störungsbildern

Nutzen, Indikation und Zielsetzungen

Fantasiereisen sind einsetzbar im Rahmen von Genusstraining und Achtsamkeitsübungen (z. B. bei depressiven Erkrankungen) sowie zur Ressourcenaktivierung bei traumatisierten Patientinnen und Patienten. Bei chronischen Schmerzen können Fantasie­reisen als Mittel der Schmerzablenkung bzw. -umlenkung unterstützend wirken.

Da Fantasiereisen alle Wahrnehmungs­kanäle (Sehen, Hören, Berührung, Geruch, Geschmack) aktivieren, können sie v. a. bei stark kognitiv ausgerichteten Menschen als wohltuend empfunden werden.

Je nach Störungsbild und Bedürfnislage können folgende Ziele erreicht werden:

  • Entspannung und innere Ruhe
  • Ablenkung von unangenehmen Zuständen und Situationen
  • Förderung der inneren Wahrnehmung
  • Fokussierung auf angenehme Vorstellungen und Körpergefühle
  • Reduzierung von Schmerzzuständen
  • Aktivierung von Ressourcen
  • emotionale Umstrukturierung belastender Erinnerungen (Veränderung in der Vorstellung)
  • Herausarbeiten positiver Zielzustände
  • Verdeutlichung psychosomatischer Zusammenhänge (Auswirkung von Gedanken auf körperliche Reaktionen, z. B. Vorstellen einer Zitrone erzeugt Speichelfluss).

Therapeutische Durchführung

Vorbereitung

Da für viele Patienten die Durchführung einer Fantasiereise eine neue Erfahrung darstellt, müssen das Vorgehen und die damit verbundene Zielsetzung ausführlich erklärt werden. Fragen und Unsicherheiten sollten besprochen, Widerstände gegen die Technik ernstgenommen und bearbeitet werden. Nützlich ist es, Patienten zu dieser neuen Erfahrung zu ermutigen.

 

Inhalte

Der Inhalt der Fantasiereise sollte in der Einführung kurz umrissen werden („Wir könnten z. B. jetzt eine Reise mit einem Ballon unternehmen, ist das für Sie eine angenehme Vorstellung?“) Dies ist auch deswegen notwendig, weil nicht alle Vorstellungen für alle Patienten angenehm sind (z. B. kann eine Bootsfahrt Symbol für Aufbruch sein und positive Empfindungen aktivieren, bei manchen aber löst diese Vorstellung Schwindelzustände und Verunsicherung aus).

 

Entspannungsinduktion

Ist der Patient bereit, erfolgt eine kurze Einstimmungs- und Entspannungsphase (bequeme Sitz- oder Liegeposition, Augen schließen, auf Atmung fokussieren, Gedanken kommen lassen, anschauen und weiterziehen lassen). Ist der Patient mit Progressiver Muskelentspannung oder Autogenem Training vertraut, können Elemente dieser Entspannungsverfahren für eine Kurzentspannung genutzt werden.

 

Eigentliche Vorstellungsübung

Es handelt sich i. d. R. um eine gelenkte Fantasie­reise, die Empfindungen anregt, aber auch Raum für die eigene Ausgestaltung lässt (z. B. „Schauen Sie sich die Lichtung genau an – was sehen Sie, was hören Sie, was riechen Sie, was spüren Sie? Fühlen Sie das weiche Moos? Die Wärme der Sonne?“ usw.). Es wird eine Geschichte erzählt oder eine angenehme Situation geschildert (z. B. Waldspaziergang). Die Fantasiereise kann improvisiert oder vorgelesen werden. Sie kann allgemein formuliert oder auf die speziellen Belange von Patienten ausgerichtet sein.

Die Fantasiereise sollte mit ruhiger Stimme, langsam und mit vielen Pausen vorgetragen werden, damit die „Reisenden“ Zeit haben, sich auf die Vorstellungen einzulassen und eigene Bilder und Wahrnehmungen zu entwickeln.

  • Bei der Durchführung ist auf Entspannungs- bzw. Anspannungszeichen bei den Patienten zu achten (z. B. Mimik), diese Beobachtungen können in die Nachbesprechung einfließen.
  • Die Fantasiereise sollte mit einer möglichst angenehmen Vorstellung und Empfindung enden („Wenn Sie möchten, können Sie jetzt nochmals an die Stelle zurückkehren, an der Sie sich am wohlsten gefühlt haben“).

Rückführung

Das Ende der Fantasiereise wird angekündigt („Die Reise geht jetzt zu Ende“). Wie bei jeder Entspannungsübung erfolgt dann die Rückführung zur Umschaltung der Entspannungsreaktion in einen wachen, entspannten Zustand und zur Kreislaufaktivierung: Die Patienten werden aufgefordert, tief durchzuatmen, Arme und Beine zu bewegen und dann die Augen zu öffnen.

 

Nachbesprechung

Je nach zeitlichen Möglichkeiten und der Zielsetzung folgt eine Nachbesprechung. Zumindest sollte gefragt werden, wie der Patient die Übung erlebt hat, ob es leicht- oder schwergefallen ist, sich auf die Reise zu begeben, was angenehm war, ob unangenehme Wahrnehmungen und Empfindungen aufgetreten sind. Weiter kann erfragt werden, ob Erinnerungen oder frühere Erlebnisse aufgetaucht sind. Auch hier sollte auf Nachfragen oder Irritationen individuell eingegangen werden. Abschließend ist es wichtig, die Integration der Erfahrungen in den Alltag anzuregen („Könnten Sie sich vorstellen, sich in diese oder eine ähnlich entspannende Situation zu begeben, wenn Sie das nächste Mal nachts wach im Bett liegen?“).

 

Günstige Voraussetzungen

Bei Patientinnen und Patienten

  • Menschen, die bereits Erfahrungen mit Entspannungsmethoden haben, gelingt es i. d. R. leichter, sich auf die innere Vorstellungswelt einzulassen. Daher kann es günstig sein, Entspannungsübungen vorzuschalten.
  • Patienten, die loslassen können und den Mut und die Bereitschaft haben, sich auf Neues einzulassen, können meist bei der ersten Fantasiereise schon profitieren und sich diese Übungen im Alltag zunutze machen. Bei ängstlicheren und unsicheren Menschen muss oft durch wiederholtes Üben eine entsprechende Fähigkeit gefördert werden.
  • Unabdingbare Voraussetzung ist das Einverständnis der Patienten, sich auf Vorstellungsübungen einzulassen. Dazu gehört eine positiv ausgerichtete Zielorientierung, der Patient sollte nicht nur mitmachen, weil er sich nicht traut, dem Vorschlag zu widersprechen.

Fantasiereisen sollten nur durchgeführt werden, wenn eine stabile, vertrauensvolle therapeutische Beziehung besteht.

 

Bei Therapeutinnen und Therapeuten

  • Günstig sind eigene Erfahrungen mit Fantasiereisen u. a. Vorstellungsübungen.
  • Weiterhin sollte Klarheit darüber bestehen, warum eine Fantasiereise zum jetzigen Zeitpunkt im Therapieprozess durchgeführt wird. Auch der Therapeut sollte eine positive Zielvorstellung haben, was erreicht werden soll, und die Technik nicht aus therapeutischer Hilflosigkeit einsetzen.
  • Die Durchführung sollte in einer ruhigen Atmosphäre ohne Störungen möglich sein.
  • Fantasiereisen können in (kleinen) Gruppen durchgeführt werden. Aber auch dann ist es wichtig, Zeit für eine Nachbesprechung zu geben und von jedem Teilnehmer zumindest einen kurzen Bericht über Befinden und Erleben zu erhalten.

 

Mögliche Schwierigkeiten und Lösungsmöglichkeiten

Schwierigkeiten treten eher selten auf; wenn, dann ähneln sie denen bei Entspannungsübungen.

Wichtig zur Vorbeugung von Schwierigkeiten sind Vorbereitung und Nachbesprechung. In der Vorbesprechung sollte nicht auf alle Eventualitäten eingegangen werden – eher sollte Mut gemacht werden, sich auf neue Erfahrungen einzulassen, mit der Versicherung, danach noch auf die Erfahrungen eingehen zu können.

  • Selten kommt es vor, dass Patienten die Übung abbrechen. Meist sind sie dann stark mit Themen beschäftigt, die sie von der Fantasiereise ablenken und die dann mit Priorität therapeutisch bearbeitet werden sollten. Oft ist dies auch mit der Angst vor dem verbunden, was in der Vorstellung kommt (z. B. bei Reisen in die Zukunft). Dann sollten weitere Fantasie­reisen in Absprache mit den Patienten zunächst weniger ängstigende Inhalte haben.
  • Werden in der Nachbesprechung unangenehme Erfahrungen, negative Gedanken und Gefühle berichtet, so ist der Hinweis wichtig, dass dies durchaus vorkommen, sich aber auch verändern kann. Für den weiteren Therapieprozess ist es gewinnbringend, diese Erfahrungen miteinzubeziehen. Unmittelbar nach der Übung ist aber darauf zu achten, dass auch positive Empfindungen fokussiert werden.
  • Menschen mit einem hohen Kontrollbedürfnis fällt es oft schwer, sich auf die Entspannung einzulassen und sich den Worten des Therapeuten zu überlassen. Hier helfen das Angebot, die Augen geöffnet zu lassen, oder auch die „Erlaubnis“, sich von den Vorgaben der Fantasiereise zu lösen und eigene Vorstellungen zu entwickeln.
  • Eine Kontraindikation besteht bei allen Störungsbildern, die mit einem Realitätsverlust einhergehen (z. B. akute Psychosen). Ebenso ist vom Einsatz von Fantasiereisen abzusehen, wenn dadurch von vordringlichen Themen in schädlicher Weise abgelenkt wird (z. B. Abklärung von Suizidalität, dringende Regelung von Alltagsdingen).

Aus der Zeitschrift PiD – Psychotherapie im Dialog 2013; 14(04): 10-11