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    FSS wie das Reizdarmsyndrom können mit einer früheren Traumatisierung zusammenhängen.

     

Funktionelle somatische Syndrome – Spielen psychische Traumata eine Rolle?

Funktionelle, d. h. organisch nicht hinreichend erklärte, somatische Syndrome (FSS) treten häufig auf. Schon länger gibt es Hinweise darauf, dass ein Zusammenhang zwischen FSS und psychischer Traumatisierung besteht. Die Forscher um N. Afari haben diese Assoziation in einer Metaanalyse umfassend evaluiert.

Psychosom Med 2014; 76: 2–11

 

Psychische Traumata im Kindes- wie auch im Erwachsenenalter sind mit FSS assoziiert. Dies belegen die Wissenschaftler von der University of California und dem Department of Veterans Affairs in San Diego in ihrer Metaanalyse.

Die systematische Literaturrecherche identifizierte 3166 Artikel, davon konnten 71 Studien mit Kontroll- oder Vergleichsgruppen-Design, beinahe ausschließlich Querschnittserhebungen, in die Analyse eingeschlossen werden. Die Einzelstudien erhoben FSS (Fibromyalgiesyndrom, chronisches Schmerzsyndrom, chronisches Erschöpfungssyndrom, temporomandibuläre Dysfunktion, Reizdarmsyndrom) aufgrund einer ärztlichen Untersuchung oder eines Interviews (72 %). Die Traumatisierung wurde teils mit validierten, teils mit nicht-validierten Methoden erhoben. Erfasst wurden emotionaler, sexueller und körperlicher Missbrauch, Kriegserlebnisse sowie eine bereits diagnostizierte Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Mithilfe eines Random-Effects-Modells berechneten die Wissenschaftler gepoolte Odds Ratios (OR) einschließlich 95 %-Konfidenzintervall (95 %-KI) als Maß für die Assoziation der genannten FSS mit traumatischen Erlebnissen. Potenzielle Moderatorvariablen wurden mittels Subgruppenanalysen und Meta-Regression erruiert.

 

FSS-Risiko nach Trauma erhöht

Die Wissenschaftler fanden heraus, dass Menschen, die traumatische Erlebnisse aus dem Kindes- oder Erwachsenenalter berichteten, eine 2,7-fach erhöhte Wahrscheinlichkeit (95 %-KI 2,27–3,10) haben, unter einem FSS zu leiden. Der Zusammenhang zwischen traumatischen Erlebnissen und FSS war für Männer (OR 4,68; 95 %-KI 2,28–9,59) mehr als doppelt so stark ausgeprägt wie für Frauen (OR 2,13; 95 %-KI 1,76–2,57).

Als weitere Moderatorvariablen erwiesen sich:

1. Die Art der Trauma-Erfassung: Studien mit selbst berichtetem Trauma oder nicht-validierten Instrumenten fanden stärkere Assoziationen mit FSS als Studien, die validierte Instrumente verwendeten:

  • selbst berichtetes Trauma (15 % der Studien; OR 2,75; 95 %-KI 2,12–3,56),
  • nicht-validierte Fragebögen (27 % der Studien; OR 2,68; 95 %-KI 2,26–3,16),
  • Interviews (18 % der Studien; OR 2,31; 95 % KI 1,71–3,11) und
  • validierte Fragebögen (39 % der Studien; OR 1,80; 95 %-KI 1,55–2,09).

2. Die Art des FSS: Das chronische Erschöpfungssyndrom (Chronic Fatigue Syndrom, CFS) zeigte die stärkste Korrelation mit psychischer Traumatisierung (OR 4,06; 95 %-KI 3,18–5,18).

3. Die Art der Traumatisierung: Stattgehabtes Exponiertsein gegenüber Kampfhandlungen / Krieg (OR 3,06; 95 %-KI 1,72–5,47) und bereits diagnostizierte PTBS (OR 2,93; 95 %-KI 2,38–3,61) zeigten die stärksten Assoziationen mit FSS.

Das Alter bei Traumatisierung schien keine bedeutende Rolle zu spielen: z. B. unterschied sich die Assoziation mit FSS bei Missbrauch im Kindesalter (OR 1,97; 95 %-KI 1,72–2,25) kaum von der Assoziation bei Missbrauch im Erwachsenenalter (OR 1,91; 95 %-KI 1,58–2,31).

 

Limitationen der Untersuchung

Eine wesentliche Limitation der Metaanalyse ist, dass ein relevanter Teil der Einzelstudien Traumatisierung mit nicht-validierten Methoden erfasste. Allerdings erwies sich die gefundene Assoziation als robust gegenüber der allgemein niedrigen methodischen Qualität der Studien wie auch gegenüber einem möglichen Publikationsbias. Eine weitere Limitation ist, dass die meisten Einzelstudien Koinzidenzen zwischen den verschiedenen traumatischen Erlebnissen sowie Komorbiditäten zwischen den verschiedenen FSS bzw. mit psychischen Störungen (vor allem Depression) nicht erhoben hatten.

 

Fazit

Die Metaanalyse von Afari et al. bestätigt die Assoziation zwischen FSS und im Kindes- oder Erwachsenenalter erlebten Traumata. Sie kann jedoch keinen Aufschluss zur Kausalität geben. Die Autoren fordern prospektive Studien, welche die Assoziation weiter differenzieren und hypothesengeleitet mögliche Pathomechanismen untersuchen. Interventionsstudien sollten darauf aufbauen.

 

Verena Zimmermann

Aus: PPmP - Psychotherapie Psychosomatik Medizinische Psychologie 2014; 64(07): 249

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