• Narzissmus

     

Gibt es eine Narzissmus-Epidemie?

Es wird oftmals ein Anstieg des Narzissmus in der Gesellschaft vermutet. Ein Forscherteam von Psychologen der Universität Konstanz hat diese Annahme nun jedoch anhand von Persönlichkeitstests von amerikanischen Studenten aus drei Jahrzehnten widerlegt.

Angeblich wird die Gesellschaft von Generation zu Generation narzisstischer und nicht selten ist sogar vom Ausbruch einer „Narzissmus-Epidemie“ die Rede. Eine Arbeitsgruppe um Dr. Eunike Wetzel von der Universität Konstanz hat dies nun anhand einer umfassenden Serie von Persönlichkeitstests untersucht. Die Psychologen kamen zu einem überraschenden Ergebnis: Narzissmus ist in den vergangenen 25 Jahren nicht etwa angestiegen, sondern ging sogar leicht zurück.


Der Rückgang verläuft kontinuierlich seit Anfang der 1990er Jahre und setzte somit bereits vor der Wirtschaftskrise ein. „Wir hatten erwartet, dass wir einen Anstieg im Narzissmus zwischen 1992 und den 2000er Jahren finden würden und anschließend einen möglichen Rückgang nach der Weltwirtschaftskrise. Wir waren daher überrascht von den Ergebnissen unserer Studie“, berichtet Wetzel als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Arbeitsgruppe Psychologische Methoden und Diagnostik am Fachbereich Psychologie der Universität Konstanz.


Für ihre Studie werteten die Psychologen Daten von drei amerikanischen Universitäten aus, die seit 1992 einen einheitlichen Narzissmus-Persönlichkeitstest durchführten. Die Daten stammen von insgesamt rund 60.000 Studierenden, die zum Zeitpunkt ihrer jeweiligen Befragung im Alter zwischen 18 und 24 Jahren waren. „Es geht uns nicht um den Narzissmus im Sinne einer klinischen Störung wie die narzisstische Persönlichkeitsstörung“, betont Wetzel und verdeutlicht: „Wir untersuchen Narzissmus in der allgemeinen Bevölkerung. Wir betrachten Narzissmus als Persönlichkeitseigenschaft, wie zum Beispiel auch Extraversion oder Gewissenhaftigkeit Merkmale eines Menschen sind: Manche Menschen sind gewissenhafter als andere, manche neigen stärker zu Narzissmus als andere“, erklärt die Psychologin.
Die klassischen Theorien gehen nach ihrer Darstellung davon aus, dass Zeiten des wirtschaftlichen Wachstums förderlich für die Entwicklung von Narzissmus sind, während Wirtschaftskrisen mit sinkendem Narzissmus in Zusammenhang gebracht werden. Wetzels Ergebnisse zeichnen jedoch ein anderes Bild: Der Rückgang im Narzissmus setzte bereits in den ökonomisch stabilen Zeiten vor der Wirtschaftskrise ein.

„Die bisherige Forschung betrachtete Narzissmus nur als Gesamtkonstrukt. Das ist problematisch, weil Narzissmus aus verschiedenen Aspekten besteht“, fährt Eunike Wetzel fort. Die Psychologin unterscheidet daher in ihrer Studie drei wesentliche Facetten des Narzissmus – Führungsverhalten („Leadership“), Eitelkeit („Vanity“) und Anspruchsdenken („Entitlement“) – und verfolgt die Ausprägung dieser Facetten über die drei untersuchten Jahrzehnte hinweg. Den deutlichsten Rückgang verzeichnet das Merkmal „Anspruchsdenken“, das ausdrückt, ob sich ein Mensch gegenüber seinen Mitmenschen als höherwertig und überlegen fühlt. „Das ist interessant, da dieses Merkmal gemeinsam mit Eitelkeit zum Kern des Narzissmus gehört. Dass gerade diese Aspekte zurückgegangen sind, widerspricht der These von einer Epidemie des Narzissmus“, verdeutlicht Wetzel.

Der Rückgang von Narzissmus zeichnet sich zudem gleichermaßen bei Männern und Frauen ab, insbesondere in den Aspekten Anspruchsdenken und Führungsverhalten. Abweichend von dem Schema stellten die Psychologen jedoch nur bei Frauen eine generelle Verringerung des dritten Aspekts, der Eitelkeit, fest.

 

Quellen:
- Pressemitteilung der Universitätsklinik Freiburg vom 3. November 2017
- Originalpublikation: Wetzel, E., Brown, A., Hill, P. L., Chung, J. M., Robins, R. W., & Roberts, B. W. (2017). The narcis-sism epidemic Is dead; long live the narcissism epidemic. Psychological Science, Advance online publication. doi:10.1177/0956797617724208

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