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Interventionen für Hinterbliebene nach einem Suizid

Suizidhinterbliebene weisen ein erhöhtes Risiko für psychische und somatische Folgeerkrankungen auf. Dennoch gibt es nur eine geringe Anzahl an Interventionen, welche sich spezifisch an diese Betroffenengruppe richten. Der systematische Review bewertet die Wirksamkeit von Interventionen, die speziell für jugendliche und erwachsene Suizidhinterbliebene entwickelt wurden.

In Deutschland sterben jährlich ca. 10 000 Personen durch Suizid. Während ältere Studien noch davon ausgingen, dass durch einen Suizid etwa 6–10 nahestehende Personen aus der Familie oder dem Freundes- und Bekanntenkreis betroffen sind, gehen neuere Studien von einem wesentlich höheren Betroffenheitskreis aus. Cerel und Kollegen zeigten in ihrer Studie, dass jeder Suizid ca. 135 Personen hinterlässt, die durch einen Suizid betroffen sind. Die Lebenszeitprävalenz, ein nahes Familienmitglied durch einen Suizid zu verlieren, liegt bei 3,9 %, während das Erleben eines Suizids innerhalb des Freundeskreises eine Prävalenz von 14,5 % aufweist. Das heißt, der Suizid einer nahestehenden Person betrifft jährlich in Deutschland einen relativ großen Kreis von Personen, die je nach Nähe zur verstorbenen Person unterschiedlich betroffen sind.

Seit 1989 bezeichnet die WHO Suizidhinterbliebene als Hochrisikogruppe für Suizide und beschreibt die Nachsorge dieser Betroffenengruppe als wesentlichen Bestandteil der nationalen und internationalen Suizidprävention. Der Suizid einer nahestehenden Person unterscheidet sich in der Trauerverarbeitung wesentlich von anderen Todesumständen. Suizide werden in der Literatur in die Kategorie der gewaltsamen Todesumstände eingeordnet. Oft gehen mit dem Suizid traumatische Erfahrungen einher (z. B. Auffinden der verstorbenen Person) und die Hinterbliebenen sind häufig mit traumatisierenden Bildern und Vorstellungen durch die Todesumstände konfrontiert.

Typische Reaktionen nach einem Suizid sind neben der Trauer beispielsweise das Erleben von Schuld und Mitverantwortung am Suizid, eigene Suizidalität und Nachsterbewünsche, Stigmatisierungserleben, aber auch psychische Erkrankungen wie beispielsweise die anhaltende Trauerstörung, posttraumatische Belastungsstörung, Depression oder Suchterkrankungen. Kersting, Brahler, Glaesmer fanden in einer bevölkerungsbasierten Studie in Deutschland, dass Hinterbliebene, welche eine nahestehende Person durch einen Suizid verloren haben, eine Prävalenz von 18 % für die anhaltende Trauerstörung aufwiesen. Eine bevölkerungsbasierte Studie aus Dänemark untersuchte die Zusammenhänge zwischen einem Suizid eines Ehepartners/-in und den mentalen, physischen und sozialen Gesundheitsfolgen für die hinterbliebenen Lebenspartner. Die Ergebnisse zeigten, dass Suizidhinterbliebene, im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung, einem signifikant höheren Risiko für die Entwicklung einer psychischen Erkrankung als Folge des Suizids ausgesetzt sind. Im Vergleich zu anderen Verlusten (z. B. Erkrankung, Unfall) wiesen die hinterbliebenen Lebenspartner/-innen nach einem Suizid auch eine erhöhte eigene Suizidalität auf. Darüber hinaus erfahren die Hinterbliebenen häufig lebenslange psychosoziale Belastungen (z. B. Arbeitsunfähigkeit, Frühberentung) als Folge des Suizids und nutzen das Gesundheitssystem häufiger als andere trauernde Angehörige. Zahlreiche Studien zeigten, dass der Suizid einer nahestehenden Person mit einer erhöhten Mortalität insbesondere durch Suizid einhergeht. Guldin, Li, Pedersen untersuchten die Folgen des Todes eines Elternteils in den ersten 18 Lebensjahren in Bezug auf die Suizidalität der erwachsenen Kinder (N = 7 302 033). Diese hatten ein 82 % höheres Risiko, ebenfalls durch einen Suizid zu sterben, wenn ein Elternteil sich durch Suizid das Leben nahm. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass der Tod durch Suizid langfristige Folgen bis hin zur erhöhten Mortalitätsrate für die Hinterbliebenen haben kann und mit einem erhöhten Risiko für Suizidalität einhergeht.

Aus diesem Grund spielen psychologische Interventionen, welche sich spezifisch an Hinterbliebene nach einem Suizid richten, eine wichtige Rolle in der Versorgung und der Suizidprävention. Dennoch ist es gerade diese Gruppe, welche am seltensten professionelle Hilfe in Anspruch nimmt. Eine Studie aus Großbritannien zeigte, dass insbesondere Suizidhinterbliebene seltener formelle (z. B. Psychotherapeuten, Ärzte) oder informelle Unterstützung (z. B. Freunde, religiöse Beratung) erhielten, und nur jede vierte befragte Person überhaupt irgendeine Form der Unterstützung in Anspruch nahm. Gründe für die geringe Inanspruchnahme professioneller psychologischer Unterstützung sind beispielsweise das mangelnde Versorgungsangebot oder die Angst vor Stigmatisierung. Trotz der Versorgungslücke gibt es bisher nur wenige Interventionen, welche sich spezifisch an die Gruppe der Suizidhinterbliebenen richten und empirisch validiert wurden. In den vergangenen Jahren wurden insgesamt 6 systematische Überblicksartikel, welche Interventionen für Suizidhinterbliebene untersuchten, publiziert. Die Qualität der eingeschlossenen Studien war jedoch insgesamt niedrig und die Studien wiesen methodische Einschränkungen auf wie beispielsweise geringe Stichprobengrößen oder eine fehlende Randomisierung.

Die vorliegende systematische Übersichtsarbeit untersucht die Wirksamkeit von randomisierten Kontrollgruppenstudien, welche sich spezifisch an Hinterbliebene richteten, die eine nahestehende Person durch Suizid verloren hatten. Die folgenden Forschungsfragen wurden untersucht:

  1. Welche Interventionen, die sich speziell an jugendliche und erwachsene Suizidhinterbliebene richten, gibt es?
  2. Wie groß sind die Behandlungseffekte der Interventionen für Suizidhinterbliebene?

Methodik

Ein- und Ausschlusskriterien

Bei der vorliegenden Übersichtsarbeit wurden Studien eingeschlossen, welche die folgenden Kriterien erfüllten: a) Vorliegen einer Interventionsstudie; b) Suizidhinterbliebene als Zielgruppe; c) Alter ≥ 13 Jahre; d) Erfassung von psychischer Gesundheit (z. B. Depression, Trauer, Suizidalität); e) Publikation in einem wissenschaftlichen Journal; f) ein randomisiertes kontrolliertes Studiendesign; g) mindestens 15 Punkte der Leitlinien des CONSORT 2010 erfüllt. Studien, die sich nicht ausschließlich auf jugendliche und/ oder erwachsene Suizidhinterbliebene fokussierten, sowie Studien, welche die Wirksamkeit schulbasierter Programme untersuchten, wurden ausgeschlossen. Es gab keine Einschränkung hinsichtlich des Verhältnisses der Trauernden zur verstorbenen Person (z. B. Familienangehörige, Freunde).

Lesen Sie hier den ganzen Beitrag: Wirksamkeit von Interventionen für Hinterbliebene nach einem Suizid: ein Systematischer Review
aus der Zeitschrift Psychiatrische Praxis 48(01) / 2021

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