• Kindheitstrauma - Auswirkungen bis ins Erwachsenenleben

    Kindheitstraumata haben Auswirkungen bis ins Erwachsenenleben

     

Kindheitstrauma - Auswirkungen bis ins Erwachsenenleben

Das Erleben von Missbrauch und Verwahrlosung in der Kindheit und eine darauf folgende Betreuung in Heimen oder Pflegefamilien hinterlässt Spuren bis ins Erwachsenenleben. Eine Studie von A. Dregan et al. hat nun untersucht, welche Auswirkungen unterschiedliche Aspekte der Betreuung durch Heime und Pflegefamilien auf die emotionale Situation und das Verhalten im Alter von 30 Jahren haben.

Basis der Untersuchung ist eine britische Geburtenkohorte aus dem Jahr 1970 (BCS70), die bis zum Jahr 2000 insgesamt 7-mal untersucht worden war. An der Befragung hatten 10895 Personen der Kohorte im Alter von 30 Jahren teilgenommen, deren Betreuungssituation in der Kindheit  und Jugend dokumentiert war und die  nicht adoptiert worden waren. 431 von ihnen waren mindestens 4 Wochen lang aus der eigenen Familie entfernt und in Heimen oder Pflegefamilien untergebracht worden. Die Autoren untersuchten, inwieweit unterschiedliche Faktoren der Unterbringung einen nachweislichen Einfluss auf emotionale und Verhaltensmerkmale im Erwachsenenalter hatten: Die Art der Unterbringung, das Alter bei der ersten Fremdunterbringung, die Häufigkeit der Vermittlung in Heime und Pflegefamilien und die Gründe für das Herausnehmen aus der Familie.

Verhaltensauffälligkeiten

Kohortenteilnehmer, die eine Betreuung in Heimen oder Pflegefamilien erlebt hatten, stammten häufiger als Kinder ohne eine solche Erfahrung aus Familien mit niedrigem sozioökonomischem Status. Die zumindest vorübergehende Betreuung in Pflegefamilien oder Heimen erhöhte deutlich das Risiko, im Alter von 30 Jahren emotionale Probleme oder Verhaltensauffälligkeiten zu zeigen. Das galt insbesondere, wenn die Unterbringung außerhalb der Familie länger oder häufiger geschah. Eine Heimunterbringung zeigte insbesondere eine Assoziation mit einem erhöhten Risiko für Kriminalität (Odds Ratio [OR] = 3,09; 95 %-Konfidenzintervall [KI] 2,10–4,55) und Depression (OR = 1,91; 95 %-KI 1,23–2,68). Eine häufige Unterbringung außerhalb der eigenen Familie war außerdem assoziiert mit einer niedrigen Selbsteinschätzung bezüglich der Selbstwirksamkeit im Erwachsenenalter (OR = 3,57, 95 %-KI 2,29–5,56). Hatten die Kinder die erste Unterbringung in Heimen oder Pflegefamilien nach dem 10. Lebensjahr erlebt, war das  Risiko, bis zum Alter von 30 Jahren durch kriminelle Handlungen auffällig geworden zu sein, besonders hoch (OR = 6,03; 95-% KI 3,34–10,9). Zudem rauchten die Betroffenen auch besonders häufig (OR = 3,32; 95 %-KI 1,97–5,58).

Vorangegangene Belastungen werden nicht kompensiert

Bei der Interpretation der Ergebnisse ist zu berücksichtigen, dass die Kinder vor der Herausnahme aus den Familien bereits erheblichen Belastungen – Erkrankungen der Eltern, Missbrauch oder Vernachlässigung – ausgesetzt waren. Je später die familienferne Unterbringung erfolgt, desto länger sind die Kinder diesen Traumen unter Umständen ausgesetzt. Bei vielen können aber die Möglichkeiten der familienfernen Betreuung die vorher erlebten Belastungen nicht auffangen, insbesondere, wenn die Unterbringungen relativ spät erfolgte. Dennoch entwickeln sich viele Kinder erstaunlich gut, wie die Autoren betonen. Besonders Kinder, die bereits im ersten Lebensjahr zu Pflegefamilien kamen, durchliefen häufig eine weitgehend normale Entwicklung.

Fazit

Im Erwachsenenalter weisen Personen, die wegen Erkrankungen der Eltern, Missbrauch oder Vernachlässigung als Kinder Erfahrungen mit Heimen und Pflegefamilien gemacht haben, ein hohes Risiko für diverse emotionale Probleme und Verhaltensauffälligkeiten auf, so die Autoren. Das Risiko steigt je älter das Kind bei der Erstunterbringung war und je häufiger Unterbringungen stattfinden sowie bei Heimaufenthalten. Die Ergebnisse sprechen insgesamt eher für das Pflegekinderwesen, die Autoren machen aber deutlich, dass hierbei Hilfestellungen nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Pflegefamilien notwendig sind. Nur dann kann den Kindern das humane Kapital, wie sie es nennen, mitgegeben werden, das diese für ein erfülltes Erwachsenenleben brauchen.

F. Klein, München

Aus der Zeitschrift PPmP 2013; 63