• Trauriges Kind

     

Körper und Sexualität – Pädosexualität

Aus der Perspektive des Psychoanalytikers, der mit pädosexuellen Männern arbeitet, folgt der Vortrag assoziativ einigen Motiven – Literatur, Schlager, veröffentlichte Meinungen, Aussagen von Patienten –, die mein Denken und meine Auseinandersetzung mit dem Thema Pädosexualität angeregt und beeinflusst haben.

Die Motive sind gleichsam „zeitlos“ – sie reichen von 1905 bis heute. Die ausgewählten Beispiele zielen nicht auf Allgemeingültigkeit, sie zeigen nur, wie ich damit arbeite und wie sie in mir arbeiten. Und so soll der Beitrag etwas transparent machen, von dem ich annehme, dass es auch für andere PsychotherapeutInnen gilt, die mit ihren Motiven in einer vergleichbaren Auseinandersetzung mit der Pädosexualität sind. Denn auch das Vermeiden der Psychotherapie mit pädosexuellen Männern folgt Vorstellungen, die wir uns als PsychotherapeutInnen von ihnen machen. Die Fallgeschichte, die am Ende des Vortrags steht, zeigt den Psychonalytiker bei der Arbeit. Sie ist nicht „rund“, aber vielleicht aufschlussreich für alle, die mit pädosexuellen Männern arbeiten, sowie auch für diejenigen, die sich nicht oder noch nicht darauf einlassen wollen oder können.

Ich beginne mit den Aussagen von zwei pädosexuellen Männern im Erstinterview:

„Sie können ja nicht wollen, dass ich durchdrehe.“ (Herr A., 41)

„Sie dürfen mich gar nicht wegschicken, ich bin ja gefährlich.“ (Herr B., 56)

Pädosexualität konfrontiert infantile und erwachsene Sexualität, kleine und große sexuelle Körper und Geschlechtskörper. Wir können uns dieser Konfrontation nur vor dem Hintergrund unserer eigenen infantilen Sexualität, unseres eigenen sexuellen und geschlechtlichen Körpers, der auch einmal klein war, annähern. Vielleicht ist es deshalb so schwer, in der Begegnung mit pädosexuellen Männern als Therapeut gefasst zu sein.

Ein Ausschnitt aus „Letzte Ausfahrt Brooklyn“ von Selby soll das illustrieren:

„Harry betrachtete seinen Sohn, der auf dem Tisch lag und mit einer Windel spielte. Er bedeckte seinen Kopf damit und lachte. Harry sah einige Augenblicke zu, wie er mit der Windel hin und her wedelte. Er sah auf den Penis seines Sohnes. Er starrte ihn an und berührte ihn. Er fragte sich, ob ein Kind von 8 Monaten dort wohl etwas Besonderes empfinden könne. Vielleicht empfand es überall dasselbe, ganz gleich, wo man es berührte. Wenn er Wasser lassen musste, wurde er manchmal steif, doch das hatte wohl nichts zu bedeuten. Seine Hand lag noch immer auf dem Penis seines Sohnes, als er seine Frau hereinkommen hörte. Er zog die Hand fort und trat einen Schritt zurück. Mary nahm dem Kind die saubere Windel aus der Hand und küsste es auf den Bauch. Harry sah zu, wie sie ihre Wange am Bauch des Kindes rieb, wobei ihr Hals gelegentlich den Penis streifte. Es sah aus, als würde sie ihn gleich in den Mund nehmen. Er wandte sich ab. Sein Magen zog sich zusammen und er empfand leichte Übelkeit“ ([Selby 2011]: 95).

Harry wird seinen Sohn in der ganzen Erzählung nicht mehr so betrachten und vor allem nicht mehr berühren. Was er bei der Berührung des Penis seines Sohnes, der ihn anzieht, den er anstarrt, empfunden hat, erfahren wir nur indirekt: Er fragt sich, ob der Sohn etwas dabei empfindet. Doch als er Mary hereinkommen hört, zieht er die Hand fort und tritt einen Schritt zurück. Gesehen werden will er von ihr nicht, mit der Hand auf dem Penis des Jungen. Ganz anders Mary. Sie küsst den Jungen auf den Bauch, reibt ihre Wange daran, wobei ihr Hals gelegentlich den Penis streift: „Es sah aus, als würde sie ihn gleich in den Mund nehmen.“ Harry wird es, als Zuschauer dieser intimen Szene zwischen Mary und ihrem gemeinsamen Sohn, übel. Eine heftige, sich im weiteren Verlauf der Erzählung immer mehr steigernde körperliche Reaktion – doch worauf? Auf Mary, die keine Scheu zeigt und sich Harrys Blick auf die Intimität mit ihrem Sohn nicht entzieht, oder auf etwas in ihm selbst, das er noch nicht kennt, aber das von Mary nicht gesehen werden soll? Seine Intimität mit der Hand auf dem Penis seines Sohnes?

Würde Harry diese Szene einem Therapeuten erzählen müssen, weil Mary ihn doch gesehen hat und das Gesehene deutet, dann vermutlich zumindest wegen des Verdachts auf sexuellen Missbrauch des Jungen. Würde Harry seine Version von Marys Intimität mit dem Jungen erzählen, man fände vermutlich nichts dabei. Seine Fantasie – „als würde sie ihn gleich in den Mund nehmen“ – sie bekäme allenfalls den Wert, sich zu entlasten, indem er seine Frau verdächtig macht.

 

Lesen Sie hier den gesamten Beitrag: Körper und Sexualität – Pädosexualität

Aus der Zeitschrift für Sexualforschung 02/2017

 

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