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Kognitive und affektive Prozesse bei Body Integrity Dysphoria

Personen mit Body Integrity Dysphoria (BID) haben den lang anhaltenden, intensiven Wunsch nach einer spezifischen körperlichen Behinderung, z. B. einer Amputation (BID-A) oder Lähmung (BID-L).

BID-A umfasst vorrangig ein Bein, seltener beide Beine oder einen Arm. BID-L bezieht sich überwiegend auf das Erlangen einer Querschnittslähmung. Bei beiden Gruppen findet sich ein starker Wunsch danach, eine körperliche „Behinderung“ zu haben, allerdings ohne im Alltagsleben wirklich behindert sein zu wollen, sondern, um zu zeigen, dass sie im Alltagsleben trotz der körperlichen Einschränkung weitgehend funktionsfähig geblieben sind. Die Behinderung ist nicht beliebig; jemand mit Wunsch nach Amputation eines Beins wäre ebenso unglücklich wie jemand ohne BID, wenn er z. B. durch einen Unfall einen Arm verlieren würde. Erhebungen der Geschlechterverteilungen deuten derzeit darauf hin, dass bei Männern mit BID der Anteil mit unilateraler BID-A höher ist, bei Frauen mit BID hingegen der Anteil mit bilateraler BID-A und BID-L. Es ist derzeit nicht geklärt, ob diese unterschiedlichen Wünsche auch unterschiedlichen Subtypen der Erkrankung entsprechen. Es gibt einige Merkmale, die potenzielle Unterschiede bei BID darstellen könnten, wie z. B. die – relativ betrachtet – einfachere Herbeiführung einer Amputation im Vergleich zu einer Lähmung oder das unterschiedliche Geschlechterverhältnis. Aus diesem Grund kann es sinnvoll sein, nach diesen primären Körpermodifikationswünschen innerhalb der Gruppe von Personen mit BID zu unterscheiden, um besser zu verstehen, ob es sich um unterschiedliche Subtypen handelt oder lediglich um andere Wünsche bei ansonsten relativ homogenen klinischen Merkmalen.

Als primären Grund für ihren Wunsch geben Personen mit BID an, dass sie diesen Körperteil/diese Körperfunktion nicht als zu sich gehörend empfinden, sexuelle Erregung wird von einigen als sekundäre Motivation genannt. Viele Personen mit BID haben einen ausgeprägten Körpermodifikationswunsch: sie möchten ihre Identität (wieder) herstellen, in dem die Körperform/-funktion ihrer Wunschvorstellung angeglichen werden soll. Dabei wies eine Befragung von 80 Personen mit BID darauf hin, dass diejenigen, die sexuelle Erregung im Zusammenhang mit dem (modifizierten) Körperbild angaben, auch häufiger einen Ausweg in einer Amputation (auch selbst-induziert) angaben.

In der therapeutischen Praxis wird BID häufig mit der Körperdysmorphen Störung (KDS) verwechselt. Im Gegensatz zu Personen mit KDS, empfinden Personen mit BID den unerwünschten Körperteil nicht als hässlich, sondern als „zu viel“. Klinisch betrachtet kann sich je nach Schwerpunktsetzung ausgewählter klinischer Merkmale eine Nähe zu unterschiedlichen anderen, klinisch relevanten Störungen ergeben. Hier ist zum einen die Nähe zu Paraphilien zu nennen (wenn der Schwerpunkt auf das Merkmal der mit der BID einhergehenden sexuellen Erregung gelegt wird), zum anderen die Nähe zu den Geschlechtsidentitätsstörungen (wenn der Schwerpunkt auf die Diskrepanz zwischen der gefühlten/gewünschten und der vorhandenen/gegebenen Identität im Körperbild gelegt wird) [3] [9]. Manche Autoren sprechen auch von wahnhaften Anteilen, die wiederum von anderen verneint werden.

Es gibt Hinweise auf neuronale Veränderungen bei Personen mit BID. Diese lassen aber keine kausale Interpretation zu, d. h. sie könnten sowohl der Auslöser des Behinderungswunsches sein als auch die Folge der jahrelangen Ablehnung des Körperteils bzw. der -Funktion. Selbst unter der Annahme, dass die Veränderungen kausal für BID wären, kann eine rein neurologische Perspektive nicht alle beschriebenen Phänomene, z. B. die Möglichkeit eines Seitenwechsels des Amputationswunsches, ausreichend erklären. Dies spricht dafür, dass ein Erklärungsmodell von BID nicht ausschließlich neurologisch sein kann, sondern eine psychologische Perspektive zusätzlich notwendig ist.

Das kognitiv-verhaltenstherapeutische Modell zur Erklärung von Entstehung und Aufrechterhaltung von BID (KVT-Modell) nach Thiel postuliert die neurobiologischen Prädispositionen als einen der auslösenden Faktoren in der Kindheit. Dazu zählen auch kindliche Lernerfahrungen und elterliches Erziehungsverhalten. Fantasien über die gewünschte Behinderung, Pretenden (das Nachspielen der gewünschten Behinderung), Selbstwertdienliche Kognitionen und Stressverarbeitung durch das Denken an die gewünschte Behinderung werden als aufrechterhaltende Bedingungen im Erwachsenenalter angenommen. Für diese Annahmen gibt es unseres Wissens bisher kaum experimentelle bzw. als Laboruntersuchungen durchgeführte Überprüfungen. Studien zu psychischem Erleben bzw. zu psychischen Prozessen bei Personen mit BID liegen fast ausschließlich in Form von Selbstberichten vor und unterliegen damit dem bewussten und erwünschten Zugang der Person. Daher sollen in dieser Pilotstudie Möglichkeiten getestet werden, kognitive und affektive Prozesse bei Personen mit BID zu untersuchen, die nicht primär auf Selbstberichten beruhen. Ausgehend von der Annahme, dass BID eine psychische Störung sein könnte, die wie andere psychische Störungen auch durch spezifische kognitive und affektive Prozesse gekennzeichnet sein könnte, haben wir in Anlehnung an das KVT-Modell Prozesse ausgewählt, die bei der kindlichen Lernerfahrung und den Amputationsfantasien eine Rolle spielen könnten. Ob das subjektive Erleben des Körperteils/der Körperfunktion, auf das/die sich die BID bezieht, als unerwünscht sich auch in spezifischen affektiven Prozessen zeigt, soll ebenfalls untersucht werden.

Lesen Sie hier den ganzen Beitrag: Kognitive und affektive Prozesse bei Body Integrity Dysphoria (BID): Eine Pilotstudie
aus der Zeitschrift PPmP - Psychotherapie • Psychosomatik • Medizinische Psychologie (09/10)/2020

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