• Posttraumatische Störung

     

Komplexe posttraumatische und dissoziative Störungen

Wer in Deutschland an einer psychischen Störung erkrankt, hat das Recht auf professionelle Hilfe innerhalb eines vertretbaren Zeitrahmens. Die Bundespsychotherapeutenkammer formuliert jedoch ein Defizit von rund 3,5 Millionen Therapieplätzen und kaum zu tolerierende Wartezeiten von durchschnittlich 3 Monaten.

Dabei werden regionale Gegebenheiten im Sinne eines höheren Therapeutenmangels in ländlichen im Vergleich zu städtischen Regionen auffällig. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass Patienten mit schweren Störungen, die eigentlich den höchsten Therapiebedarf haben, am längsten auf einen Therapieplatz warten müssen und auch von Therapeuten eher abgewiesen werden als Patienten mit leichter zu behandelnden Störungen. So fanden Fydrich und Unger im Rahmen einer Therapeutenbefragung zur Häufigkeit verschiedener Diagnosen in psychotherapeutischen Hochschulambulanzen, dass über 80 % aller behandelten Patienten aufgrund einer Angst- oder depressiven Störung behandelt werden. Schizophrenien dagegen machten lediglich 1 % aller Diagnosen aus, während entsprechendes für Traumafolgestörungen bisher nicht erhoben wurde.

Solche Versorgungslücken führen dazu, dass auch Patienten mit moderater Symptombelastung, die grundsätzlich im ambulanten Setting behandelbar wären, stationär in Kliniken aufgefangen werden müssen, obwohl vom Störungsbild allein eine solche Indikation gar nicht gegeben wäre. Das betrifft insbesondere diejenigen Störungen, deren Ätiologie mit traumatischen Ereignissen assoziiert ist, wie die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), die komplexe PTBS (kPTBS; Störungskonzept nach Maercker et al.) und dissoziative Störungen (DIS). Diese Patienten profitieren gemäß ISSTD-Richtlinien und der S3-Leitlinie am ehesten von langfristig ausgerichteter ambulanter Psychotherapie, was psychiatrische Kliniken zumeist gar nicht leisten können.

Erste Studien weisen darauf hin, dass sich manche niedergelassen tätige Therapeuten nicht ausreichend ausgebildet fühlen, um bestimmte schwere Störungen zu behandeln. Entsprechend ergab eine kürzlich durchgeführte Befragung der Hamburger Psychotherapeutenkammer unter niedergelassenen Therapeuten eine geringe Zahl behandelter schwieriger Patienten (in diesem Fall schizophrene Psychosen) bei eigentlich vorhandenem Interesse an solchen Therapien. Die Befragten äußerten den Wunsch nach mehr diesbezüglicher Ausbildung, was der Autor als Hinweis auf Defizite in der Ausbildung in Bezug auf schwierig zu therapierende Diagnosen interpretierte.

Im Rahmen der vorliegenden Studie wurde einer diagnoseabhängigen Vergabe von Therapieplätzen nachgegangen, indem die Versorgungslage einfach und komplex posttraumatisch gestörter und dissoziativer Patienten aus der Perspektive der Therapeuten erfragt wurde. Neben der subjektiven Behandlungsbereitschaft wurden durchschnittliche Wartezeiten auf einen Therapieplatz analysiert. Es wurden regionale Besonderheiten, der Einfluss beruflicher Erfahrungsjahre sowie Unterschiede in Abhängigkeit von der therapeutischen Schule differenziert betrachtet. Schließlich wurden Therapeuten gebeten, eine subjektive Einschätzung der Qualität ihrer Therapieausbildung in Bezug auf die Behandlung schwerer Störungen abzugeben. Dabei wurde auch untersucht, ob durch eine spezifische Zusatzausbildung entsprechend der DeGPT (Deutschsprachige Gesellschaft für Psychotraumatherapie) zur Behandlung von Traumafolgestörungen messbare Unterschiede in der Behandlungsbereitschaft identifiziert werden können.

 

Methoden

Ablauf der Befragung und Beschreibung der Stichprobe

Über die Homepage www.psych-info.de wurden 500 niedergelassen tätige Psychotherapeuten identifiziert und per Mail kontaktiert. Die Mail enthielt eine Aufklärung über das Ziel der Untersuchung und den Hinweis auf die Anonymität der Daten. Zudem wurden die folgenden Einschlusskriterien formuliert:

  • Approbation als Psychologischer oder ärztlicher Psychotherapeut
  • ambulante Tätigkeit
  • Abrechnung über die Gesetzliche Krankenversicherung
  • Tätigkeit im städtischen Hamburg oder ländlichen Schleswig-Holstein

Die Therapeuten konnten dann einen Link zur Teilnahme an der Befragung anklicken, was von insgesamt 154 Therapeuten angenommen wurde. 54 vollständige Datensätze konnten letztlich ausgewertet werden. Damit liegt die bereinigte Rücklaufquote bei knapp über 10 %, was noch im zu erwartenden Bereich bei diesen Formen der Rekrutierung liegt. 24 Therapeuten waren männlich und 30 waren weiblich. Das Durchschnittsalter betrug 52,5 Jahre (SD = 8,54). Die Zahl der Patienten, die sie pro Jahr behandeln, variiert von 14 bis zu 200 Patienten (N = 53, M = 73,89, SD = 41,7). 25 Therapeuten waren im ländlichen Schleswig-Holstein tätig, während 29 Therapeuten in Hamburg arbeiteten. 26 Therapeuten gaben an, eine traumaspezifische Zusatzausbildung absolviert zu haben. 26 der befragten Therapeuten haben die Approbation über den Weg der staatlichen Ausbildung/Prüfung erhalten, während 28 Teilnehmer die Zulassung zur therapeutischen Arbeit über die Übergangsregelung im Jahr 1999 erhielten. Die durchschnittliche Zahl an Erfahrungsjahren lag bei 21,52 Jahren (SD = 7,80). Signifikante Mittelwertsunterschiede liegen zwischen Verhaltenstherapeuten und Tiefenpsychologen in Bezug auf die genannten Variablen nicht vor.

 

Lesen Sie hier den gesamten Beitrag: Bereitschaft niedergelassener Therapeuten zur Behandlung von Patienten mit komplexen posttraumatischen und dissoziativen Störungen

Aus der Zeitschrift Fortschritte der Neurologie Psychiatrie 9/2015

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