• Wenn Eltern an Krebs erkranken

    Auch wenn viele Jugendlich sich erstaunlich gut an die Situation mit einem krebskranken Elternteil anpassen, schätzen sie ihr Befinden dennoch schlechter ein als ihre Eltern. Diese unterschätzen oftmals das Leid ihrer Kinder.

     

Krebserkrankung der Eltern – Wie kommen Kinder mit der Belastung klar?

Wenn Eltern an Krebs erkranken, erhöht sich beim Nachwuchs das Risiko für eine problematische Entwicklung. Doch wie gehen Jugendliche mit der Krebserkrankung der Eltern um? Wie sehen ihre Coping-Strategien aus? T. Krattenmacher und Kollegen aus Hamburg sind diesen Fragen nachgegangen.

J Psychosom Res 2013; 74: 252–259

 

Als "Coping" werden kognitive und Verhaltens-Strategien bezeichnet, die dabei helfen sollen, mit einem Stressor fertig zu werden. Ist ein Elternteil an Krebs erkrankt, geraten viele Familien aus dem Gleichgewicht. Einige Studien haben gezeigt, dass ältere Kinder oft stärker leiden als jüngere; Töchtern geht es oft schlechter als Söhnen. Andere Studien wiederum konnten keinen Geschlechtsunterschied feststellen. Krattenmacher et al. suchten auch hier nach mehr Klarheit.

Die Wissenschaftler wandten sich an onkologische Krankenhausstationen, um Jugendliche für die Teilnahme an ihrer Studie zu gewinnen. Schließlich nahmen 214 Jugendliche im Alter zwischen 11–18 Jahren aus 167 Familien teil. 52 % dieser Jugendlichen waren eingebunden in ein Interventionsprogramm für Kinder krebskranker Eltern. Um die Coping-Strategien der Studienteilnehmer zu erfassen, verwendeten die Forscher den KIDCOPE-Fragebogen. Außerdem setzten sie den Strengths and Difficulties Questionnaire (SDQ) sowie den Fragebogen "KIDSCREEN" ein, um sich ein Bild über das psychische Wohlbefinden der Jugendlichen zu verschaffen.

 

Coping-Strategien

Von den Befragten zeigten 29 % emotionale und Verhaltensauffälligkeiten; 13 % dieser Auffälligkeiten waren klinisch bedeutsam. Zu den Coping-Strategien gehörten: aktives Problemlösen, Ablenkung, Akzeptanz, Wunschdenken sowie die Suche nach sozialer Unterstützung. 57 % der Jugendlichen sagten von sich selbst, dass sie aktiv versuchten, ihre Probleme zu lösen. Bei 47 % war diese Strategie aus subjektiver Sicht effektiv (r = 0,522, p < 0,001). 39 % der Jugendlichen zogen sich zurück, was aber nur von 19 % als effektiv bewertet wurde (r = 0,229, p < 0,001). 53 % der Jugendlichen konnten den Krebs ihres Vaters oder ihrer Mutter akzeptieren, wobei diese Akzeptanz von 34 % als hilfreich empfunden wurde (r = 0,412, p < 0,001). Eine kognitive Restrukturierung nahmen 40 % vor, was 38 % als eine effektive Strategie wahrnahmen (r = 0,654, p < 0,001). Ablenkung und Wunschdenken war die Strategie von 53 % bzw. 54 % der Jugendlichen, doch nur bei 21 % bzw. 34 % davon führte dies zu einer Verbesserung des Befindens (r = 0,40, p < 0,001). Aktives Problemlösen war assoziiert mit einer niedrigeren Internalisierungsrate (p = 0,009), einer höheren Externalisierung (p < 0,001), mit weniger Problemen insgesamt (p < 0,001) und einer besseren Health-Related Quality of Life (HRQoL) (p = 0,39). Mädchen beschrieben häufiger Internalisierungen als Jungen. Es zeigte sich, dass die aktive Auseinandersetzung mit den Problemen effektiver war als die Vermeidung. Jugendliche, die Unangenehmes vermeiden wollten, wiesen eine schlechtere psychische Gesundheit auf als Jugendliche, die aktiv ihre Probleme angingen.

 

Eltern unterschätzen die Probleme

Viele Jugendliche hatten sich der gegebenen Situation erstaunlich gut angepasst. Dennoch schätzten die Eltern das Befinden der Jugendlichen oft besser ein, als die Jugendlichen selbst. Häufig unterschätzten die Eltern die Probleme ihrer Kinder – es gab einige Diskrepanzen. Während Mütter besonders häufig davon berichteten, dass ihre Söhne stark externalisierten, konnte dieser Eindruck aus Sicht der Väter und auch aus Sicht der betroffenen Jugendlichen nicht bestätigt werden. Im Gegensatz zu den Jungen suchten Mädchen häufiger nach sozialer Unterstützung.

 

Fazit

Knapp ein Drittel der Jugendlichen in dieser Studie, deren Eltern an Krebs erkrankt sind, leiden an emotionalen und Verhaltensauffälligkeiten, so die Autoren. Die Jugendlichen bedienen sich effektiver und weniger effektiver Verhaltensstrategien. Während aktives Problemlösen mit einem besseren psychischen Wohlbefinden assoziiert ist, führt der Rückzug anscheinend zu einem reduzierten Wohlbefinden. Zukünftige Forschungsarbeiten sollten nach Meinung der Autoren die Coping-Strategien noch genauer durchleuchten. Außerdem sollten im Hinblick auf zukünftige Interventionsprogramme lösungsorientierte Strategien unterstützt werden.

Aus der Zeitschrift PPmP 2013; 63(11): 419