• Künstlicher Jet-Lag zur Erforschung Bipolarer Störungen

     

Künstlicher Jet-Lag zur Erforschung Bipolarer Störungen

Ob Bipolare Störungen durch nicht-visuelle Lichteffekte zu beeinflussen sind, wird an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Dresden erforscht. Es werden noch weitere Studienteilnehmer gesucht.

Ausgangspunkt des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung BMBF geförderten Forschungsprojektes „NIVIL“ sind sogenannte nicht visuelle Funktionen des Lichts. Diese umfassen zum Beispiel die Regulation von Wachheit und Schlaf sowie die Synchronisierung zirkadianer Rhythmen wie allgemein den Schlaf-Wach-Rhythmus. Bipolare Störungen sind dabei mit verschiedenen saisonalen Auffälligkeiten und auch mit Besonderheiten der inneren Rhythmen assoziiert. Daher wird vermutet, dass eine veränderte Wahrnehmung nicht-visueller Lichtreize diese Besonderheiten erklären könnte.

Der zirkadiane Rhythmus des Menschen ist dabei, soweit bekannt, genetisch determiniert und nur bedingt beeinflussbar. Jede Zelle enthält quasi eine innere Uhr, die dominante sogenannte „Master-Clock“ befindet sich jedoch im Suprachiasmatischen Nukleus (SCN), einer kleinen Region im Hypothalamus des Gehirns.
Der stärkste Zeitgeber der „inneren Uhr“ ist Licht. Die „intrinsisch photosensitiven Ganglienzellen“ mit dem Pigment Melanopsin registrieren anhaltendes starkes Licht im blauen Spektrum und sind damit geeignet, die allgemeinen Lichtbedingungen, insbesondere Tageslicht, zu erkennen. Anders als die anderen Pigmente, die in Stäbchen und Zapfen enthalten sind, wird diese Information jedoch nicht-visuell verarbeitet, sie dient also nicht der Erzeugung eines Bildes im Kopf. Vielmehr stimulieren die Melanopsin-haltigen Zellen die „innere Uhr“ des Menschen. Durch das einfallende Licht wird der SCN somit täglich justiert, sodass er im Einklang mit der Außenwelt steht. Bei weiten Reisen über Zeitzonen hinweg in westlicher oder auch östlicher Richtung kann diese Justierung einige Tage dauern und es kommt zum sogenannten Jet-Lag. Über das autonome Nervensystem und den Botenstoff Melatonin teilt der Suprachiasmatische Nukleus allen anderen Zellen im Körper die „aktuelle Uhrzeit“ mit und sorgt dafür, dass die Zellen synchron laufen.

Die Bipolare Störung, an der etwa 0,5 bis 1 Prozent der Bevölkerung leiden, geht mit Besonderheiten der zirkadianen Rhythmik und dem Ansprechen auf Licht einher. Die Patienten leiden überproportional häufig an Schlafstörungen, brauchen länger um einzuschlafen und haben einen weniger kontinuierlichen Schlaf. Das Auftreten von Krankheitsepisoden weist meist zudem ein saisonales Muster mit Gipfeln im Frühjahr und (etwas weniger ausgeprägt) im Herbst auf. Solche Befunde führten zu der Hypothese, dass die Bipolare Störung mit Veränderungen – vermutlich einer Hypersensitivität – im System der nicht-visuellen Lichtverarbeitung assoziiert ist.

In der nunmehr in Dresden geplanten Studie soll ermittelt werden, ob Patienten mit einer Bipolaren Störung eine veränderte Tendenz zur sogenannten Phasenverschiebung haben. Die Phasenverschiebung tritt beispielsweise bei Reisen in ost- und westlicher Richtung auf, kann aber auch künstlich erzeugt werden, wenn der Betreffende am Abend oder früh am Morgen für mehrere Stunden einer starken Lichtquelle ausgesetzt wird. Da Patienten häufig die Erfahrung schildern, sich in ihrer Stimmung durch Fernreisen deutlich verändert zu fühlen, wurde die Hypothese einer stärkeren Phasenverschiebung durch abendliche Lichtexposition formuliert.

Die Untersuchung der Probanden findet an drei aufeinanderfolgenden Abenden statt. Während am ersten Abend bei Dunkelheit serielle Blutentnahmen erfolgen, um den Anstieg der Melatonin-Ausschüttung zu messen, werden die Studienteilnehmer am zweiten Abend zwischen 21.00 und 23.15 Uhr einfarbigem Licht ausgesetzt (Wellenlänge 480 nm). Am dritten Abend erfolgt erneut die serielle Bestimmung von Melatonin-Werten, anhand derer die Verschiebung der Phase ermittelt werden kann. Geplant ist, zirka 100 Probanden, davon 40 mit einer Bipolaren Störung, einzuschließen. Die Teilnehmer erhalten 150 Euro als Aufwandsentschädigung.

Kontakt: Universitätsklinikum Carl Gustav Carus, Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Telefon Studienzentrum: 0351 458-3595, E-Mail Nivil@uniklinikum-dresden.de.

Quelle: idw-Pressemitteilung des Universitätsklinikums Dresden, Januar 2017
Weitere Informationen unter http://www.uniklinikum-dresden.de/psy

 

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