• Furcht

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Mechanismen der Furcht analysiert

Eine Forschergruppe der Universität Tübingen untersucht Mechanismen des bedingten Lernens auf Zellebene, besonders des emotionalen Gedächtnisses. Nun haben die Wissenschaftler einen großen Schritt hin zum besseren Verständnis von erlernten Furchtreaktionen gemacht. Sie analysierten spezielle Nervenzellcluster im Gehirn von Mäusen, die ähnlich auch im menschlichen Gehirn vorkommen.

Emotionale Reaktionen werden im Gehirn in vielen Fällen erst via Konditionierung erlernt. Ähnlich wie bei der Reiz-Reaktions-Verknüpfung beim Pawlow´schen Hund scheint das Gehirn auch auf bestimmte Reize hin Furchtreaktionen zu entwickeln. Dieser Mechanismus scheint speziesübergreifend zu funktionieren, was hinsichtlich der Evolution von Vorteil gewesen sein dürfte: So haben offenbar Tiere gelernt, in bestimmten Situationen auf der Hut zu sein, sich zu erschrecken und instinktiv Abstand zu halten.

Wenig hilfreich ist der Automatismus der Furchtentstehung hingegen bei Menschen, die unter posttraumatischen Belastungsstörungen oder anderen Angststörungen leiden. Die Tübinger Arbeitsgruppe um Dr. Ingrid Ehrlich versucht daher, ein tieferes Verständnis dafür zu gewinnen, was im Gehirn beim Erlernen der Furcht wie auch beim sogenannten Extinktionslernen geschieht. Den aktuellen Befunden zufolge ist im menschlichen Gehirn ein vergleichsweise kleiner Bereich für die emotionale Bewertung von Sinneseindrücken verantwortlich: Er ist in der Amygdala lokalisiert und modifiziert unter anderem das „Furchtgedächtnis“. So werden bei bestimmten Reizen exzitatorische Neurone in der basolateralen Amygdala (BLA) angeregt. Diese senden einen Impuls in die zentrale Amygdala, wodurch Angstreaktionen induziert werden. Geschieht das wiederholt, verstärkt sich die Erregbarkeit und Vernetzung der Neurone.

Die Neurowissenschaftler haben an die BLA angelagerte Nervenzellcluster, die sogenannten medial- paracapsularen intercalierten Zellen (mpITCs), analysiert und erstmals zeigen können, dass diese Zellen nicht nur auf exzitatorische Reize aus der BLA, sondern auch direkt auf Sinnesreize reagieren. Die mpITCs senden einen inhibitorischen Impuls an die exzitatorischen Zellen in der BLA und gleichzeitig an die zentrale Amygdala. Die Inhibition durch die mpITCs kann dabei je nach Reiz unterschiedlich ausfallen, sodass dem Zellcluster quasi eine Art Gatekeeperfunktion für Furchtreaktionen zukommt.

„Wie bei allen Lernprozessen sind auch das Erlernen von Furcht und die Extinktion sehr komplex“, so Ehrlich. „Hätten wir einen simplen Mechanismus, könnte man bei der Entwicklung zukünftiger Behandlungsmethoden gezielt dort ansetzen“. Doch die Wissenschaftlerin ist zuversichtlich: „Wir beginnen gerade erst die Zusammenhänge zu verstehen.“

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