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Mediale Stigmatisierung psychisch Kranker im Zuge der „Germanwings“-Katastrophe

Trotz einer zunehmenden Akzeptanz psychiatrischer Krankheiten müssen sich die Betroffenen sowohl in ihrem persönlichen Umfeld als auch auf dem Arbeitsmarkt mit Problemen der Stigmatisierung auseinandersetzen. In der gesellschaftlichen Meinungsbildung kommt der medialen Verarbeitung und Präsentation psychiatrischer Erkrankungen eine Schlüsselrolle zu.

Im Jahr 1990 fielen die beiden bundesweit bekannten Politiker Oskar Lafontaine und Wolfgang Schäuble jeweils einem Attentat zum Opfer. Beide Anschläge wurden von psychiatrisch erkrankten Personen verübt. Im Zuge der vielfältigen medialen Verarbeitung der Attentate konnte Angermeyer zeigen, wie sich die öffentliche Meinung gegenüber psychiatrisch erkrankten Menschen im Sinne einer deutlich zunehmenden sozialen Abgrenzung veränderte.

Der durch den Kopiloten vorsätzlich herbeigeführte Absturz des „Germanwings“-Flugzeugs am 24.3.2015, bei dem alle 149 Insassen und der Kopilot selbst ums Leben kamen, hat eine in der Geschichte der Bundesrepublik bislang nicht erreichte öffentliche Berichterstattung und Diskussion um die meist nur indirekt genannte Frage „Verbrechen und/oder psychiatrische (depressive) Erkrankung“ nach sich gezogen. Die mediale Berichterstattung drehte sich insbesondere um die Frage nach dem „Warum?“ der Tat. Konnte es möglich sein, dass ein psychisch gesunder Mensch eine derart schwerwiegende Tat begeht? Nachdem erste Hinweise öffentlich geworden waren, wonach der Kopilot bewusst den Absturz der Maschine herbeiführte, fokussierte sich die Berichterstattung auf eine psychische Krankheit als möglichen Erklärungsansatz für den Absturz. Viele Printmedien waren sich in der Bewertung einig, dass dies nicht die Tat eines „normalen“ Menschen gewesen sein könne. Es musste die Tat eines, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 7.4.2015 schrieb, „Geisteskranken“, eines „kranken Gehirns“ sein. Zahlreiche Fachleute aus der Psychiatrie, wie beispielsweise die Präsidentin der „Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde“ (DGPPN), Dr. Iris Hauth, sahen sich ob der Berichterstattung gezwungen, die mediale Stigmatisierung psychisch Kranker zu kritisieren und auf die Erkenntnis, dass psychisch Erkrankte im Durchschnitt nicht häufiger Gewalttaten begehen als psychisch gesunde Menschen, zu verweisen.

Studien aus England haben gezeigt, dass im Verlauf der letzten 20 Jahre ein rückläufiger Trend medialer Stigmatisierungen psychisch Erkrankter zu verzeichnen gewesen ist. Für Deutschland liegen diesbezüglich keine Daten vor.

Eine Studie aus dem Jahr 2013 konnte aber zeigen, dass in Deutschland trotz Aufklärungskampagnen eher eine zunehmende Tendenz der Stigmatisierung psychisch Erkrankter zu verzeichnen ist. In diesem Kontext erscheint die Berichterstattung der Medien (als maßgebliche öffentliche Meinungsbildner) über psychische Krankheiten von zentraler Bedeutung. Die vorliegende Arbeit geht daher der Frage nach, wie führende deutsche Printmedien nach der „Germanwings“-Katastrophe über psychische Krankheiten und Erkrankte berichtet haben und ob es hierbei möglicherweise zu einer Stigmata begünstigenden Berichterstattung gekommen ist. Von Interesse ist hierbei auch die Frage, ob die bestehenden Richtlinien der journalistischen Selbstverantwortung ausreichend erscheinen.

Die vorliegende Arbeit analysiert insoweit die Stärken, Schwächen und Gefahren der Berichterstattung einiger Leitmedien in einem solchen Kontext. Nicht verkannt werden soll bei dieser Analyse die äußerst schwierige Aufgabe der Medien einerseits eine rasche und gründliche Information bereitzustellen, andererseits aber nicht skandalisierend oder stigmatisierend zu berichten.

Lesen Sie hier den gesamten Beitrag: Mediale Stigmatisierung psychisch Kranker im Zuge der „Germanwings“-Katastrophe

Aus der Zeitschrift Psychiatrische Praxis 01/2016

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