• Psychose - Medikamente schuld an sexueller Dysfunktion?

    Sind Medikamente schuld an sexueller Dysfunktion?

     

Psychose - Medikamente schuld an sexueller Dysfunktion?

Für die sexuelle Dysfunktion bei psychotischen Störungen werden häufig Medikamente verantwortlich gemacht. Dass die Störung jedoch ein Symptom der Erkrankung selbst sein kann und auch ohne Medikamente auftritt, hat nun die Studie von T. R. Marques et al. vom King‘s College London gezeigt.

Bei Schizophrenie und anderen psychotischen Störungen sind etwa 30–80 % der Frauen und 45–80 % der Männer von sexuellen Funktionsstörungen betroffen. Dies betrifft sowohl das sexuelle Interesse, als auch die Erregung, die erektile Funktion sowie die Orgasmusfähigkeit. Die Ursachen hierfür sind umstritten. Die Autoren rekrutierten 31 Personen aus Beratungsstellen in London mit einem ultrahohen Risiko (UHR) für die Entwicklung einer Psychose. Die Patienten waren durchschnittlich 26,8 Jahre alt; 62 % von ihnen waren Männer. Das Psychoserisiko wurde zuvor mithilfe des „Comprehensive Assessment of At Risk Mental States“ ermittelt. Sechs dieser Patienten entwickelten später eine Psychose nach ICD-10-Kriterien.

Eine 2. Studiengruppe bestand aus 37 Patienten im Alter von durchschnittlich 28,5 Jahren mit einer ersten psychotischen Episode (ICD-10-Codes F20–F29 und F30–F33), wobei 60 % dieser Gruppe Männer waren. Von diesen Patienten erhielten 32 Antipsychotika, davon 19 Patienten prolaktinsteigernde und 13 Patienten prolaktinneutrale Medikamente. Die Behandlungsdauer in dieser Gruppe betrug durchschnittlich 33,7 Tage. Die mittlere tägliche Dosis betrug 322,9 mg Chlorpromazin-Äquivalente (Standardabweichung [SD] = 114,2). Als Kontrollgruppe dienten 56 Patienten aus der Allgemeinbevölkerung und aus allgemeinmedizinischen Praxen mit einem Durchschnittsalter von 27,6 Jahren. Die Hälfte der Gruppe bestand aus Männern.

Alle Studienteilnehmer füllten das „Sexual Function Questionnaire“ (SFQ) aus. Dieser aus 30 Items bestehende Fragebogen eruiert die sexuelle Funktion innerhalb des letzten Monats. Ein Gesamtscore von ≥ 8 wurde als sexuelle Dysfunktion gewertet. Die psychotischen Symptome erfassten die Autoren mithilfe der „Positive and Negative Syndrome Scale“ die ebenfalls aus 30 Items besteht. Die „Calgary Depression Scale“ wurde zur Erfassung depressiver Symptome, die insbesondere bei der Schizophrenie auftreten, genutzt. Der prämorbide Intelligenzquotient wurde mit dem „New Adult Reading Test“ ermittelt.

Insgesamt erfassten die Autoren die Daten von 124 Teilnehmern. Es zeigte sich eine deutliche Auswirkung der Gruppenzugehörigkeit auf die sexuelle Funktion (F = 13,36, df = 3, p < 0,001): Je deutlicher die psychotische Symptomatik ausgeprägt war, desto stärker zeigte sich auch die sexuelle Dysfunktion (p < 0,001). Dieser Zusammenhang zeigte sich bei Frauen und Männern gleichermaßen. Während aus der Kontrollgruppe nur 21 % der Teilnehmer sexuelle Dysfunktionen zeigten, waren es in der UHR-Gruppe 50 % und beiden Patienten mit einer ersten psychotischen Episode 65 %.

 

Ähnlichkeiten bei Hochrisiko und psychotischen Patienten

Im Gesamt-SFQ-Score unterschied sich die UHR-Gruppe statistisch signifikant von der Kontrollgruppe (p = 0,001). Auch in den einzelnen Bereichen der sexuellen Dysfunktion zeigten sich deutliche Unterschiede, bis auf die Bereiche „ejakulative Dysfunktion“, „vaginale Ansprechbarkeit“ und „Masturbation“.

Des Weiteren unterschied sich der SFQ Gesamt-Score der UHR-Gruppe nicht signifikant vom Score der Gruppe mit erster psychotischer Episode. Diejenigen der UHR-Gruppe, die psychotisch wurden, hatten allerdings einen deutlich höheren SFQ-Score als die Studienteilnehmer derselben Gruppe, die nicht psychotisch wurden (mittlerer SFQ-Gesamtscore: 13,16[SD = 6,7] vs. 7,5 [SD = 5,7]). Keine bedeutsamen Unterschiede in der sexuellen Funktion fanden sich bei Patienten, die prolaktinsteigernde Medikamente einnahmen im Vergleich zu denjenigen, die mit prolaktinneutralen Antipsychotika behandelt wurden. Die Autoren merken an, dass in dieser Studie keine Geschlechtshormonmessungen vorgenommen worden sind. Diese Tatsache könnte die Studienergebnisse in ihrer Aussagekraft limitieren. Dennoch lassen die Studienergebnisse vermuten, dass die sexuelle Dysfunktion ein Teil der psychotischen Störung selbst ist.

 

Fazit

Die sexuelle Dysfunktion ist möglicherweise als Teil der Symptompalette bei psychotischen Störungen anzusehen. Nach Angaben der Autoren konnte in der vorliegenden Studie nachgewiesen werden, wie die sexuelle Dysfunktion medikamentenunabhängig mit der Schwere der psychotischen Symptome zunehme.

Dr. D. Voos, Pulheim

Aus der Zeitschrift PPmP 2012; 62