• Suchtmedizin: Mehr Ärzte für die Substitutionsbehandlung benötigt

    Die Substitutionsbehandlung Drogenabhängiger hat immer noch ein schlechtes Image, doch gerade diese Therapieform ist sehr erfolgreich.

     

Suchtmedizin: Mehr Ärzte für die Substitutionsbehandlung benötigt

Die Substitutionsbehandlung drogenabhängiger Patienten hat immer noch ein schlechtes Image. Dabei ist gerade diese Therapieform nach den Kriterien der evidenzbasierten Medizin sehr erfolgreich. Eine Initiative von Suchtmedizinern möchte nun über die Substitutionsbehandlung informieren, um ein positiveres Bild zu zeichnen. Und mehr Ärzte für diese Aufgabe gewinnen.

Laut dem Epidemiologischen Suchtsurvey (ESA) aus dem Jahr 2009 haben in Deutschland 26,5% der Erwachsenen im Alter bis 64 Jahren in ihrem Leben schon einmal Erfahrung mit illegalen Drogen gemacht. Dabei handelt es sich überwiegend um Cannabis und Cannabisprodukte, doch 7,4% haben auch andere illegale Substanzen wie Heroin, Kokain oder Amphetamine ausprobiert. Konsumenten sind häufiger männlich und in der Altersgruppe unter 30 Jahren anzutreffen. Erschreckend ist, dass bereits 7,2% der Kinder und Jugendlichen im Alter zwischen 12 und 17 Jahren Erfahrungen mit illegalen Drogen gemacht haben, auch hier meist Cannabis, wie die Drogenaffinitätsstudie aus dem Jahr 2011 berichtet. Schätzungen zufolge konsumieren in Deutschland rund 200 000 Personen illegale Substanzen, die meisten von ihnen spritzen Heroin. Zahlen des Substitutionsregisters zeigen, dass sich 75 400 Opiatabhängige zum Stichtag 1. Juli 2012 in einer Substitutionsbehandlung befanden.

 

Sehr effektive Behandlung

Doch diese Therapieform genießt unter den Medizinern nicht gerade den besten Ruf. Mehrere Suchtmediziner unter Federführung von Prof. Dr. med. Markus Backmund, erster Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Suchtmedizin, haben daher kürzlich die Initiative „Bitte substituieren Sie“ gestartet. Mithilfe der Kampagne möchten sie zum einen das Image der Substitutionstherapie in ein positiveres Licht rücken, zum anderen aber auch Ärztinnen und Ärzte gewinnen, die Drogenabhängigen in ihrer Praxis eine solche Therapie anbieten möchten. „Die Grundidee war, dass in den Medien immer nur die negative Darstellung von Suchtmedizin wahrgenommen wird. Das steht aber in starker Diskrepanz zur großen Effektivität, die eine Substitutionsbehandlung als Therapieform bietet“, erklärt Backmund. Eine Substitutionsbehandlung ist weit mehr als nur die kon-trollierte Abgabe einer Ersatzdroge. Ärzte, die Drogenabhängige substituieren, kümmern sich auch um Begleiterkrankungen wie beispielsweise Infektionen, die in dieser Gruppe häufiger als in der Allgemeinbevölkerung vorkommen, und koordinieren die psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung der Patienten oder die psychosoziale Betreuung durch Sozialpädagogen. Für viele opiatabhängige Patienten bedeutet die Substitution mit Ersatzstoffen überhaupt erst die Möglichkeit, ihre zahlreichen anderen Probleme in Angriff zu nehmen. Letztlich ist eines der Ziele der Initiative daher, sowohl bei Ärzten als auch in der Bevölkerung ein Umdenken zu bewirken, damit mehr und mehr die positiven Aspekte der Suchtmedizin gesehen werden.

 

Engagierte Ärzte nötig

„Leider gibt es aber viel zu wenig Ärzte, die eine Substitutionstherapie anbieten“, bedauert Backmund. Denn während die Rate an Substitutionspatienten unter den Drogenabhängigen steigt, geht die Zahl substituierender Ärzte stetig zurück. Da die Substitutionsbehandlung häufig in der Hausarztpraxis stattfindet, ist die abnehmende Zahl von Hausärzten sicher ein Grund für diese Problematik. Der Anteil an Ärzten mit der Zusatzqualifikation Suchtmedizin ist in den letzten Jahren zwar gestiegen, doch beteiligt sich nicht einmal die Hälfte von ihnen an der suchtmedizinischen Versorgung: So gab es im Jahr 2012 insgesamt 8416 Ärzte mit suchtmedizinischer Zusatzqualifikation, aber nur 2731 waren aktiv in der Substitutionstherapie tätig. Dabei sind die Erfolgschancen einer optimalen Versorgung und Substitution Opiatabhängiger - gemessen an den Kriterien der Evidence based Medicine - alles andere als schlecht. So konnte eine Arbeitsgruppe um H. Wittchen von der Universität Dresden zeigen, dass nach einem Jahr Substitutionstherapie 75% der Patienten im Programm geblieben waren, wobei sich der Beikonsum reduzierte, der Gesundheitszustand der Patienten besserte und auch die Mortalität sank (Drug Alcohol Depend 2008; 95: 245-257). „Es gibt weltweit zahlreiche Daten, die den Nutzen der Substitutionsbehandlung gut belegen“, erklärt Suchtmediziner Backmund.

Durch Fortschritte in der neurobiologischen Grundlagenforschung wird die Opiatabhängigkeit nicht mehr als Charakter- oder Willensschwäche aufgefasst, sondern als chronische rezidivierende Erkrankung des Gehirns. Wie Diabetes mellitus, Hypertonie oder andere chronische Erkankungen wird sie durch genetische, Verhaltens- oder Umweltfaktoren beeinflusst und bedarf einer lebenslangen Behandlung und Begleitung. Folglich bedarf es auch bei der Drogenabhängigkeit engagierter Ärzte, die diese Patienten fachgerecht und kompetent behandeln und beraten. „Wir haben daher als einer der ersten Schritte eine Postkartenaktion gestartet, mit der wir neue Kollegen für die Substitutionsbehandlung gewinnen wollen“, berichtet Backmund.

 

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Aus der Zeitschrift DMW Deutsche medizinische Wochenschrift 38/2013

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