• Neue Drogen und Substanzen

    Methylamphetamin wird als Salz (Methamphetaminhydrochlorid) meist nasal konsumiert, also geschnupft, kann aber auch in einer Pfeife ("Icepipe") geraucht werden. (Bild: © U.S. Drug Enforcement Administration)

     

Neue Drogen und Substanzen - Crystal Meth ist kein "normales Speed"

Crystal Meth dürfte mittlerweile Einzug in viele deutsche Haushalte gehalten haben - wenn auch zunächst nur als Überschrift von Zeitungsartikeln oder in Fernsehbeiträgen. Mit der zu befürchtenden Verdrängung des D-Amphetamins durch das N-Methamphetaminhydrochlorid in seiner hochkonzentrierten Form Crystal Meth in der deutschen Speedszene wird künftig auch die Behandlungsnachfrage steigen.

Als Stimulanz und Weckamin unterdrückt Methamphetamin die Müdigkeit und löst eine Euphorie mit erhöhtem Selbstwertgefühl aus. Bei erhöhtem Rede- und Bewegungsdrang sowie reduzierten sozialen Ängsten erleben sich die Konsumenten kontaktfreudig und sexuell angeregt. Bei vermindertem Schmerz und Hungergefühl "machen alle Tätigkeiten Spaß". In höheren Dosierungen kommt es zu einer gereizten Getriebenheit mit reduzierter Konzentrationsfähigkeit und Gedankendrängen sowie stereotypen Verhalten (Punding) mit zwanghaft anmutendem "Schrauben sortieren", "Mitesser ausdrücken" oder Putzen. Bei Überdosierung oder chronischem Konsum kommt es zu paranoiden Psychosen.

 

Eine neue Modedroge?

Die Methamphetamin-Abhängigkeit gilt als ein weltweites Problem mit hohen sozialen Folgekosten. Nach Cannabis ist Methamphetamin die weltweit am häufigsten konsumierte illegale Droge. Methamphetamin und D-Amphetamin wurden als Antidepressiva, Kaffeeersatz und Appetitzügler bereits vor dem 2. Weltkrieg in Dosierungen von 3 - 30 mg pro Tag als Medikament (z. B. unter der Marke Pervitin) oral eingesetzt. Die Erkenntnisse über die rasche Toleranz- und Abhängigkeitsentwicklung sowie Auslösung von Psychosen auch in diesen "therapeutischen" Dosierungen führte in Deutschland bereits 1942 zur Unterstellung in das Betäubungsmittelgesetz (BtMG).

Crystal-User nehmen bei der ersten "Line" rund 100 mg der Substanz nasal ein, Abhängige bis zu 1,5 g. Kristallines Methamphetaminhydrochlorid kann im Gegensatz zum klassischen Speed verdampft und geraucht werden, mit noch höheren Wirkstoffkonzentrationen und schneller Erreichung eines Wirkungspeaks mit entsprechend starker Euphorie.

Zeitgleich mit der liberalisierten Betäubungsmittelgesetzgebung der Tschechischen Republik im Januar 2010 sind nicht nur von Polizei und Zoll vermehrte Schmuggelfälle und größere Sicherstellungsmengen gemeldet worden, sondern über Suchthilfeeinrichtungen in Sachsen auch von einer vermehrten Behandlungsnachfrage von Meth-Usern.

Als Quelle dieser hochdosiert eingenommenen Straßensubstanz "Crystal", "C", "Meth", "Crystal Speed" werden in der Regel die Asiamärkte direkt hinter der deutschen Grenze auf der Seite der Tschechischen Republik genannt, obgleich jüngste Funde von Rohstoffen wie Apaan in Drogenlaboren in Deutschland auch auf Produzenten im Westen des Landes hindeuten. Aus den an die Tschechische Republik grenzenden Bundesländern Sachsen, Bayern und Thüringen war bereits in den späten 1990er Jahren auf eine mögliche Ausbreitung des dort seit ca. 1995 endemischen kristallinen Methamphetamins ins Bundesgebiet hingewiesen worden.

 

Von Ecstasy zu Crystal Meth

Die Hauptsubstanz ist und war bisher das D-Amphetamin, das klassische Speed. Die ständige Zunahme der mit dieser Droge polizeilich erstauffälligen Konsumenten in den 1990er Jahren könnte auch mit dem Wandel der Konsumgewohnheiten in der ursprünglichen Techno-Raver-Szene zusammen hängen: Vom oral eingenommenen niedrig dosierten XTC- und Speedpillen über einen nasalen Amphetaminkonsum mit stärkerer Euphorie und höherem Abhängigkeitspotenzial zum noch schneller abhängig und zu psychiatrischen Komplikationen führendem kristallinen Methamphetamin. Dieser in anderen Ländern bereits erfolgte Umstieg der Konsumenten auf kristallines Methamphetamin ist also nicht nur eine Frage des Angebotes (organisierte Kriminalität), sondern auch der Nachfrage. Diese wäre über zielgruppenspezifische Prävention veränderbar. Der weltweite Trend zu den amphetaminartigen Substanzen konnte aus den epidemiologischen Statistiken für Deutschland bisher jedoch nicht belegt werden.

 

Wirkung und Folgen

Die zentralen Wirkungen des Methamphetamins sind hauptsächlich dopaminerg vermittelt, in höheren Dosierungen auch serotonerg. Die noradrenerge periphere Wirkung (Tachykardie) wird i. d. R. als unangenehm erlebt und begrenzt die Dosierung bei Drogenkonsumenten. Für die Abhängigkeit scheinen eher die zentralen dopaminergen Wirk-eigenschaften verantwortlich zu sein. Eine in Vitro bessere Fettlöslichkeit des Methamphetamin gegenüber dem D-Amphetamin wird für die stärkere Wirksamkeit mitverantwortlich gemacht.

Bei regelmäßigem Amphetaminkonsum sind verschiedene neuroadaptive Prozesse beschrieben, wie Hoch- und Runterregulationen. Diese begründen die Toleranzentwicklung. Da die Toleranzentwicklung für die verschiedenen Wirkbereiche mit unterschiedlicher Geschwindigkeit einsetzt, führt die "getriebene, überreizte Wachheit bei körperlicher Erschöpfung" häufig in ein polyvalentes Konsummmuster mit dem Übergang in Opiat- und Benzodiazepinkonsum. Auch THC wird dann "zum Runterkommen" in hoher Dosierung als Selbstmedikation konsumiert, was dann die sichere diagnostische Zuordnung entstehender Psychosen erschwert.

Durch die Verdrängung des D-Amphetamins durch Methamphetamin ist wie in den USA und Australien möglicherweise mit einer Zunahme von Todesfällen kardialer Ursache und mit intrazerebralen Blutungen in der Szene zu rechnen, ebenso mit einer Zunahme der Amphetaminpsychosen. Bei Methamphetaminabhängigen konnten neurokognitive Störungen nachgewiesen werden. In Bildgebungsstudien fanden sich neben der Zuordnungsmöglichkeit funktioneller Einschränkungen zu Hirnbereichen auch strukturelle Veränderungen, die mit der klinischen Erfahrung korrelieren. Die Überlegungen zu einer bereits in den 1980er Jahren bei den XTC-Konsumenten postulierten Auslösung einer Parkinsonerkrankung durch amphetaminartige Stimulanzien mussten mit nun ausreichendem zeitlichen Verlauf bestätigt werden.

 

Entzugssymptome und Behandlung

Durch den Dopamin-, Noradrenalin- und Serotoninverbrauch treten folgende Symptome auf: Anhedonie, Antriebslosigkeit, psychomotorische Verlangsamung im Wechsel mit hyperkinetischen Phasen, ein generelles Schwächegefühl, gereizt- depressive Stimmung mit reduziertem Selbstwertgefühl und Suizidgedanken sowie Kopfschmerzen. Diese führen zum Craving und dem erneuten Konsum, um o.g. Symptome zu lindern. Im Entzug sind vegetative Entgleisungen kaum zu erwarten, aber suizidale Ideationen häufig und im Praxisalltag zu berücksichtigen. Gesteigertes Hungergefühl führt zu einer häufig von Patientinnen nicht tolerierten Gewichtszunahme über das ursprüngliche Gewicht hinaus. Belastend sind auch die Schlafstörungen im Entzug. Nach wenigen Tagen kommt es zu einem REM-Rebound mit nächtlichem Erwachen und vermehrten Drogenträumen, die ein Risiko für Rückfälle und Therapieabbrüche darstellen. Die Patienten sind durch die bei chronischem Konsum häufig zu bemerkenden kognitiven Störungen beeinträchtigt, die subjektiv durch erneuten Konsum gelindert werden. Durch die Neurotoxizität ist die Dauer der verschiedenen Symptome variabel.

Für die ambulante Behandlung ist eine Terminvergabe innerhalb von 24 Stunden empfohlen. Amphetaminpatienten gelten im intoxikierten Zustand als wenig zuverlässig bezüglich Termineinhaltung. Moderne Kommunikationsmittel mit Erinnerungs-SMS und -anrufen, können die Teilnehmerquote verbessern. Größere aussagekräftige Studien zu Psychotherapieergebnissen liegen aus Deutschland nicht vor.

Forschungsgruppen im angelsächsischen Raum bemühen sich auch um die Dopamin-Analogabehandlung, die Amphetaminsubstitution. Bei weiterer Ausbreitung des Methamphetaminproblems sollte Substitution mit retardiertem Amphetaminsulfat in betroffenen Großstädten Ziel von Forschungsvorhaben werden.

Die Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung ermöglicht dies jedoch bisher nicht. Anders als bei der Opiatsubstitution liegen keine ausreichend positiven Studien vor, die eine Amphetaminsubstitution vor Evaluierung derartiger genehmigter Studien in Deutschland rechtfertigen würden und einen Verordner im sicher drohenden BtMG-Strafverfahren entlasten könnten. Es wäre eine naive Vorstellung, die Prinzipien der homologen Opiatbehandlung einfach auf das "Dopaminsystem" übertragen zu wollen. Vor einer Verordnung von dem BtMG unterliegenden Amphetaminderivaten an Methamphetaminabhängige ist gegenwärtig daher noch dringend abzuraten. Auch die Neurotoxizität, im Gegensatz zur Opiatsubstitution, muss hierbei zukünftig abgewogen werden.

 

Dr. Roland Härtel-Petri, Bayreuth

Aus der Zeitschrift Suchttherapie 2013; 14(03): 100-101

Bücher zum Thema