• Angstzustand

    Das Hormon Oxytocin hemmt das Angstzentrum im Gehirn und lässt Furchtreize stärker abklingen.

     

Oxytocin hilft, Ängste zu bewältigen

Das Hormon Oxytocin hemmt das Angstzentrum im Gehirn und lässt Furchtreize stärker abklingen. Diese Befunde Bonner Wissenschaftler können möglicherweise zu neuen Behandlungsstrategien bei Angststörungen führen.

Große Angst gräbt sich ins Gedächtnis ein und führt zur Konditionierung. Erst allmählich kommt es zur Extinktion, also zum aktiven Überschreiben der angstbesetzten Reize im Gehirn. „Die ursprünglichen Gedächtnisinhalte werden dabei nicht ausradiert, sondern lediglich durch positivere Erfahrungen überlagert“, erläutert Professor Dr. Dr. René Hurlemann von der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Bonn. Tritt erneut eine angstbesetzte Situation auf, flammen die schon überwunden geglaubten Ängste häufig wieder auf.

Das Phänomen der Extinktion wird bei der Konfrontationstherapie bereits bei Angststörungen genutzt. „Das kann jedoch sehr lange dauern, weil die Konfrontation mit der Angstsituation häufig erlebt werden muss. Außerdem kann es zu Rückfällen kommen, weil die ursprüngliche Angstspur noch im Gedächtnis verankert ist“, berichtet Hurlemann. Es wird deshalb intensiv nach Möglichkeiten gesucht, die Extinktion schneller und dauerhaft induzieren zu können.

Dem Hormon Oxytocin könnte dabei Bedeutung zukommen. So ist schon länger bekannt, dass dieses Hormon in der Mutter-Kind-Beziehung wie auch bei Sexualpartnern eine bindungsfördernde Wirkung besitzt und zugleich angstlösende Effekte vermittelt. Anhand von Untersuchungen bei 62 männlichen, gesunden Probanden, bei denen eine Angstkonditionierung induziert wurde, konnten die Bonner Wissenschaftler gemeinsam mit Kollegen des Deutschen Krebsforschungszentrums Heidelberg und der Universität Chengdu (China) die anxiolytische Wirkung von Oxytocin belegen.

Im Hirnscanner betrachteten die Testpersonen über eine Videobrille Fotos, wobei ihnen bei 70 Prozent der Bilder über Elektroden an der Hand ein sehr kurzer, unangenehmer Elektroschock versetzt wurde. „Auf diese Weise wurden im Gedächtnis der Testpersonen bestimmte Bilder mit einer Angsterfahrung verknüpft“, erläutert Hurlemann. Dass die Kombination eines bestimmten Bildes und Schmerz tatsächlich im Gehirn der Probanden verankert war, wiesen die Wissenschaftler mit zwei Methoden nach: Die Elektroschockerwartung zeigte sich durch vermehrten Angstschweiß, der über die Hautleitfähigkeit gemessen wurde. Außerdem ergaben die Hirnscans, dass bei einem solchen Reiz die Angstregionen im Gehirn besonders aktiv sind.

Der Hälfte der Probanden wurde anschließend via Nasenspray Oxytocin verabreicht, die übrigen bekamen Placebo. Anschließend wurden den Testpersonen mehrfach die gleichen Bilder wie zuvor gezeigt, jedoch ohne Elektroschocks. Das Ergebnis: Bei Männern unter Oxytocin-Einfluss war die Amygdala deutlich weniger aktiv als bei der Kontrollgruppe, furchthemmende Regionen waren hingegen erregter. Das Hormon bewirkte somit zunächst eine etwas verstärkte Angst, die dann jedoch deutlich rascher abklang als ohne Oxytocin. Die Wissenschaftler erklären dies durch die spezielle Wirkung des Botenstoffs: „Oxytocin verstärkt zunächst die bewussten Eindrücke der Probanden und damit die Reaktion auf die Elektroschocks. Nach wenigen Minuten aber überwiegt die angstlösende Wirkung“, so Hurlemann. Die Wissenschaftler hoffen, mit Hilfe von Oxytocin Angstpatienten schneller helfen und einem Rückfall besser vorbeugen zu können.

 

Literatur:

“Oxytocin Facilitates the Extinction of Conditioned Fear in Humans”, Biological Psychiatry 2014; DOI:
10.1016/j.biopsych.2014.10.015

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