• Polizei-Interventionen – jeder dritte Tote war psychisch krank

    Seit 2007 sind in Deutschland 16 psychisch Kranke in Auseinandersetzungen mit der Polizei ums Leben gekommen.

     

Polizei-Interventionen – jeder dritte Tote war psychisch krank

Seit 2007 sind in Deutschland 16 psychisch Kranke in Auseinandersetzungen mit der Polizei ums Leben gekommen. Sie wurden erschossen, weil die Einsatzkräfte keine andere Möglichkeit sahen, die Kranken, die fast alle Messer bei sich trugen, auf andere Weise zu entwaffnen. Die Folge waren traumatische Erfahrungen auch für die beteiligten Polizistinnen und Polizisten. Wir erfahren von solchen Vorfällen aus keiner offiziellen Statistik, sondern aus den „vermischten Meldungen“ der Medien oder – in großer Aufmachung – aus der Boulevard-Presse.

 

Tod im Neptunbrunnen

Ein Beispiel: Der Neptunbrunnen vor dem Berliner Roten Rathaus gilt als einer der schönsten Berlins. Am 28. Juni 2013 gegen 9:30 Uhr starb dort ein 31-jähriger psychisch kranker Mensch durch mehrere Schüsse aus Polizeiwaffen. Augenzeugen berichten, der junge Mann habe zunächst eine Weile auf einer Bank vor dem Brunnen gesessen. Schließlich habe sich er unvermittelt ausgezogen und sich ins Wasser gelegt. Er habe ein Messer in der Hand gehalten. Damit habe er sich selbst verletzt. Aber er sei allein im Brunnen gewesen und habe dort niemanden angegriffen. Als die Polizei anrückte, hätten 8 – 10 Beamte den Brunnen umstellt. Einer von ihnen sei unvermittelt in den Brunnen geklettert. Der junge Mann mit dem Messer sei langsam auf den Polizisten zugegangenen, bis er anderthalb Meter vor ihm gestanden habe. Der sei an den Brunnenrand zurückgewichen. Als er nicht mehr weitergekommen sei, habe er dem nackten Mann aus nächster Nähe in den Brustkorb geschossen. Der habe sich ein paar Sekunden lang aufrecht gehalten und sei dann in den Brunnen getaumelt. Erst dann hätten sich alle beteiligten Polizisten auf ihn gestürzt.

Der Mann war tot. In einer späteren Erklärung der Polizei hieß es, ein Messer gelte in Polizeikreisen als gefährlicher als eine Kugel: „In der Ausbildung lernen Polizisten, bei einem Messer-Angriff den Angreifer auf Distanz zu halten. Durch den Beckenrand hinter ihm konnte der Beamte diese Distanz nicht herstellen. Mit einem Beinschuss hätte der Angreifer weiterlaufen können und wäre weiterhin eine Gefahr für die Polizisten gewesen.“ Davon, dass der nackte Mann im Brunnen erst zum Angreifer wurde, dass der intervenierende Polizist unter Missachtung seines Ausbildungswissens in den Brunnen stieg, ist in der späteren Stellungnahme nicht die Rede. Dagegen von Notwehr. Polizisten, so heißt es, dürfen schießen, um ein Verbrechen zu verhindern. Aber nur wenn andere Maßnahmen keinen Erfolg hätten oder vergeblich wären. Oder eben aus Notwehr.

 

Die Einförmigkeit des Ablaufs

Seit 2007 sind 15 ähnliche Katastrophen dokumentiert (im Einzelnen nachzulesen auf der Website des Landesverbandes der Angehörigen psychisch Kranker Hamburg). Auffällig ist, dass es bei den berichteten Ereignissen fast immer um ein Messer geht. In Pressekommentaren werden immer wieder Zweifel laut, ob der tödliche Ausgang solcher Ereignisse wirklich unvermeidbar war. In dem Zusammenhang ist der Kommentar des Landesvorsitzenden der Berliner Polizeigewerkschaft vom August 2011 aufschlussreich. Er stellt fest: „Wer mit einem Messer Polizisten angreift, muss damit rechnen, erschossen zu werden. Allein die Tatsache, dass es eine geistig verwirrte Person war, rechtfertigt nicht, dass sich der Polizist hätte erstechen lassen müssen.“

Die tragischen Vorfälle haben gemeinsam, dass das Verhalten der Betroffenen unbeteiligten Beobachtern merkwürdig und bedrohlich vorkam. Nackt in einen Brunnen auf einem öffentlichen Platz zu steigen und dort mit einem Messer zu fuchteln und sich selbst Verletzungen beizubringen, ist mehr als auffällig. Auch der legendäre Tennessee Eisenberg (Regensburg 2009; vgl. Wikipedia) hat nach Aussagen seiner Mitbewohner mit dem Messer gefuchtelt, sodass der Mitbewohner sich bedroht fühlte (nach seinen Aussagen hat es keine direkten Angriffe gegeben). Er konnte die Wohnung unverletzt verlassen. Auch in den in der Chronologie aufgeführten Situationen verhielten sich die Betroffenen laut Medienberichten ganz anders als „normale“ Gewalttäter: Sie reagierten oft weder auf die Aufforderung der Polizei, ihre Waffen fallen zulassen, noch auf die konkrete Bedrohung durch die gezogenen Polizeiwaffen. In allen Fällen waren die Reaktionen alles andere als „normal“. Auch psychiatrischen Laien musste es klar sein, dass man es hier mit schwer psychisch gestörten Menschen zu tun hatte.

Die Hilflosigkeit der Polizei im Umgang mit psychisch Kranken ist ein Problem mit tödlichen Folgen. Umso erstaunlicher ist es, dass es an allem fehlt, was helfen könnte, das Problem zu bewältigen. Es gibt keine offizielle Statistik. Die Übersicht von Clemens Lorei (www.Schusswaffeneinsatz.de) über Tötungen durch Polizeibeamte, die die vergangenen 20 Jahre erfasst, ist hilfreich. Aber im Hinblick auf die Tötung von psychisch Kranken ist sie lückenhaft. Ein Aufsatz von Uwe Füllgrabe über den „polizeilichen Umgang mit psychisch Gestörten“ bietet keine Analyse. Aber würden seine Empfehlungen berücksichtigt, wäre mancher Zwischenfall mit schwerwiegenden Folgen zu vermeiden gewesen. Seine wichtigste und einfachste Empfehlung: Abstand halten! scheint bei allen tödlichen Einsätzen nicht oder nicht ausreichend beachtet worden zu sein. Angesichts der Bedeutung des Problems erstaunt die gänzlich fehlende wissenschaftliche Aufarbeitung. Das ist in anderen Ländern anders. Beispielhaft ist die Auseinandersetzung mit Polizeigewalt vor allem in Großbritannien, Kanada und Australien.

 

England

In England registriert und veröffentlicht die unabhängige IPCC (Independent Police Complaints Commission), präsidiert von einem Mitglied des Oberhauses, seit 20 Jahren jährlich Daten über Todesfälle im Zusammenhang mit polizeilichen Interventionen. Dabei sind Todesfälle von Menschen mit psychischen Störungen ein wesentlicher Faktor. 2012/2013 wurden erstmals seit Beginn der Aufzeichnungen keine Tötungsfälle registriert. Aber im Polizeigewahrsam starben 15 Menschen, davon sieben psychisch Kranke. Die Kommission betont: „Die Polizei wird oft gerufen, wenn Menschen akut psychisch krank sind und eine Gefahr für sich selbst oder andere darstellen, oder wenn sie sich merkwürdig oder auffällig verhalten. Deshalb ist es wichtig, dass die Polizisten in ihrer Ausbildung darauf vorbereitet werden.“

 

Kanada

Im Zusammenhang mit den ungeklärten Todesumständen eines 18-jährigen verweist der Toronto Star auf eine bemerkenswerte Ähnlichkeit zu anderen Polizeiaktionen, insbesondere den Tod eines 29-jährigen im Februar 2012, an dessen psychischer Erkrankung kein Zweifel bestanden habe. Dieser wurde in unmittelbarer Nähe eines psychiatrischen Krankenhauses erschossen, als er in Krankenhauskleidung mit zwei Scheren in der Hand durch die Straßen irrte. Er war zum Zeitpunkt der Schüsse von einem Dutzend Polizeibeamten eingekreist. Bereits Jahre zuvor hatte die Polizei in Toronto mobile Krisen-Interventions-Teams installiert, zu denen Beamte in Zivil und eine psychiatrische Pflegeperson gehören. Der Toronto Star erinnert in seinem Bericht an 10 tödliche Auseinandersetzungen der Polizei mit psychisch Kranken allein in der Region Toronto, davon vier innerhalb der letzten fünf Jahre. Alle wurden erschossen. Bis auf zwei trugen alle ein Messer oder eine andere Stichwaffe bei sich, ohne dass es zu gezielten Angriffshandlungen von ihnen gekommen war. Die Waffen der übrigen beiden waren ein Hammer und ein Brett.

 

Australien

Die umfassendsten Daten liegen über Australien vor. Dort werden tödliche Zwischenfälle unter Polizeibeteiligung seit 1990 von einer Regierungsorganisation zentral registriert (Australian Institute of Criminology ). Seither sind dort 105 Personen von der Polizei erschossen worden; 44 davon (42 %) waren psychisch krank, die meisten von ihnen psychotisch. Zwischen 2001 und 2011 wurden 46 Todesopfer registriert; von ihnen litten 23 (50 %) an psychischen Störungen. Von den 105 Getöteten (davon 89 bewaffnet) führten 41 der Bewaffneten (46 % ) ein Messer bei sich, 14 (13 %) eine Axt, eine Armbrust, Sprengstoff und ein Motorfahrzeug. Bedauerlicherweise fehlen separate Daten über die Waffen der psychisch kranken Todesopfer. Ähnliche Daten präsentiert eine Studie von Kesic u. a., die 48 tödliche Zwischenfälle in der Provinz Victoria untersuchte. Danach war „der Anteil von „Psychosekranken und Schizophrenen“ unter den Getöteten um das 17,3-Fache höher als in der Allgemeinbevölkerung. Detailliertere Daten sind aus dessen Project an der Monash University („Police Responses to the Interface with Mental Disorder“ zu erwarten (Teilergebnisse sind über das Internet abrufbar).

 

Was ist zu tun?

Nach allem, was wir wissen, handelt es sich bei den tödlichen Begegnungen zwischen psychisch kranken Menschen und den polizeilichen Einsatzkräften oft um tragische Missverständnisse – um schwerwiegende Störungen der Kommunikation zwischen „normalen“ und „gestörten“ Menschen. Polizisten sind im Umgang mit „normalen“ Kriminellen, auch Gewaltkriminellen, geschult. Wenn sie diese stellen, sind zwei Reaktionen erwartbar: Der Täter versucht zu flüchten oder er hantiert mit einer Waffe – in unseren Breiten am ehesten mit einer Waffe, die auf Distanz eingesetzt wird. Erwartbar ist aber auch, dass er die Waffe fallen lässt, wenn er dazu aufgefordert wird und sich einer polizeilichen Übermacht gegenüber sieht. Der „normale“ Straftäter plant seine Tat und kalkuliert sein Risiko in der Regel. Verzweiflungstaten, wie Waffengebrauch außerhalb der Flucht und Geiselnahme, sind seltene Ausnahmen. Auch im Verhalten mit solchen Situationen sind die Einsatzkräfte ausgebildet.

Wenn sie sich Menschen gegenüber sehen, die sich verhalten wie psychisch gestörte Menschen, ist an der Situation plötzlich nichts mehr normal. Auslöser der Situation ist nicht ein Diebstahl oder ein Raub, nur selten eine Eifersuchtshandlung. Auslöser ist die psychotische Angst, die der „Täter“ nicht kontrollieren kann, die er unter Kontrolle zu bringen versucht, indem er sich bewaffnet. Er wird von seiner inneren psychosebedingten Fehlwahrnehmung der Realität getrieben, sich zur Wehr zu setzen; da greift er zu einem „Verteidigungswerkzeug“, das zur Hand ist – fast immer einem Messer, eher selten einem Hammer oder einer Axt. Weil er von seiner Verfolgungsangst, seinem Wahn oder seinen Halluzinationen getrieben ist, kann er bei der Konfrontation mit der Polizei auch nicht reagieren wie ein „gewöhnlicher“ Straftäter.

Die Aufforderung die Waffe fallen zu lassen, verstärkt seine Angst. Er ist von Panik gelähmt; und je mehr Einsatzkräfte anrücken, und je näher sie ihm kommen, desto furchtbarer wird die Situation für ihn – und desto gefährlicher für ihn und seine Kontrahenten. Nicht ganz selten reagiert er – im vernünftigen Sinn – kontraproduktiv, in dem er die Beamten herausfordert, doch zu schießen oder ihnen droht. Weil ein psychisch kranker Mensch in dieser Situation oft nicht besonnen handeln kann, ist Besonnenheit vonseiten der Einsatzkräfte umso wichtiger. Es fällt auf, dass in den von mir berichteten Beispielen in keinem Fall von Verletzungen Dritter die Rede ist. Und es fällt auf, dass in den Berichten darüber – auch den internationalen – auffällig oft davon die Rede ist, dass ein Messer gezogen wurde, dass damit gefuchtelt, gewunken oder anderweitig gedroht, aber nicht angegriffen worden sei. Es kann nicht sein, dass in Situationen wie den oben geschilderten tödliche Schüsse die Methode der Wahl sind.

In anderen Ländern – Großbritannien, Kanada, Australien, wurden hochrangige Regierungskommissionen eingesetzt, um sich mit dieser tragischen Situation zu befassen. Es kann nicht sein, dass wir in Deutschland darüber zur Tagesordnung übergehen. Es gibt lokale Initiativen zur Zusammenarbeit zwischen Psychiatrischen Diensten, Selbsthilfe-Vereinigungen und der Polizei. Aber unabhängig davon ist die Einrichtung einer unabhängigen zentralen Erfassungsstelle von Polizeigewalt gegenüber psychisch Kranken und dazu wissenschaftliche Aufarbeitung dringend geboten.

 

Aus der Zeitschrift Psychiatrische Praxis 2014; 41(01): 50-52