• Psychisch kranke Menschen in Deutschland

     

Wie viele Menschen in Deutschland sind schwer psychisch krank?

Aktuelle Zahlen zur Verbreitung psychischer Erkrankungen in Deutschland bei Erwachsenen zwischen 18 und 79 Jahren zeigen (bei Einschluss aller Krankheitsschweregrade), dass nahezu jede vierte männliche (22,0 %) und jede dritte weibliche (33,3 %) erwachsene Person im Erhebungsjahr zumindest zeitweilig unter voll ausgeprägten psychischen Störungen gelitten hat.

Die geschätzte Gesamtprävalenz für die 18- bis 79-jährigen Erwachsenen in Deutschland liegt bei 27,7 %. Am häufigsten sind Angst- (15,3 %) und depressive Störungen (7,7 %), gefolgt von Störungen durch Alkohol- und Medikamentenkonsum (5,7 %), Zwangs- (3,6 %) und somatoformen Störungen (3,5 %). Bevölkerungsbezogen vergleichsweise selten sind posttraumatische Belastungsstörungen (2,3 %), bipolare (1,5 %), psychotische (2,6 %) und Essstörungen (0,9 %). Dies macht die Public-Health-Relevanz psychischer Erkrankungen im Allgemeinen deutlich.

Eine besondere Rolle spielen dabei Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen (engl. severe mental illness, SMI). Diese Patientengruppe ist hauptsächlich durch die Auswirkungen ihrer schweren und anhaltenden psychischen Erkrankung gekennzeichnet, die sich durch deutliche Einschränkungen in verschiedenen Funktions- und Lebensbereichen zeigen und aufgrund der komplexen Behandlungsbedarfe oft mit einer intensiven Inanspruchnahme medizinischer und psychosozialer Hilfen verbunden sind. Für die Versorgungsplanung psychiatrisch-psychotherapeutischer und psychosozialer Hilfen nehmen sie eine Sonderstellung ein. Historisch gesehen sind diejenigen psychisch Kranken gemeint, die vor der Psychiatrie-Enquete über viele Jahre in psychiatrischen Anstalten lebten und heute gemeindenah versorgt werden. Die gesundheitsökonomische Relevanz dieser Gruppe ist bedeutend. Allein für schizophrene Erkrankungen liegen die direkten Krankheitskosten pro Patient und Jahr bei 14 000 – 18 000 Euro. Zusätzlich entstehen Privatausgaben durch Angehörige in Höhe von 950 – 1700 Euro und Produktivitätsverluste von 25 000 – 30 000 Euro. Obgleich diese Patientengruppe den Behandlern allgegenwärtig ist, ist für eine Versorgungsplanung die Schätzung der Anzahl schwer psychisch Kranker unumgänglich. Der Bezug auf die eingangs genannten epidemiologischen Zahlen, die psychisch Kranke aller Schweregrade einbeziehen und damit über ein Fünftel der Erwachsenenbevölkerung ausmachen, könnte hier sogar kontraproduktiv wirken. Vor dem Hintergrund dieser Zahlen droht die Kerngruppe psychisch Kranker mit ihren besonderen, komplexen und damit ressourcenintensiven Bedarfen in der Versorgungsplanung zu wenig Berücksichtigung zu finden.

Der folgende Beitrag geht auf der Grundlage einer systematischen Recherche folgenden Fragen nach: (1) Wie werden schwere psychische Störungen in klassischen konzeptionellen und empirischen Arbeiten definiert und operationalisiert? (2) Welche Ansätze der Weiterentwicklung gibt es und zu welchen Ergebnissen kommen neuere Arbeiten? (3) Gibt es weitere Datenquellen, die für eine Schätzung der Zahl schwer psychisch Kranker in Deutschland interessant sein könnten? Aus den Ergebnissen soll abgeleitet werden, wie viele Menschen in Deutschland schätzungsweise schwer psychisch krank sind. Weiterer Forschungsbedarf soll ausgelotet werden.

Methoden

Zur Beantwortung der ersten beiden Fragestellungen erfolgte eine systematische Suche nach konzeptionellen und epidemiologischen Arbeiten in verschiedenen Datenbanken: Embase, MEDLINE und PsycInfo. Folgende Suchterme wurden eingesetzt: severe mental illness, severe persistent mental illness, chronic mental illness, serious mental illness, definition, prevalence und epidemiol*. Es wurden deutsche, niederländische und englische Arbeiten berücksichtigt. Der Fokus richtete sich auf Erwachsene zwischen 18 und 65 Jahren; dementsprechend wurden häufige psychische Erkrankungen des höheren Lebensalters, wie die demenzieller Erkrankungen, nicht explizit betrachtet. Zudem erfolgten die Prüfung der Literaturverzeichnisse identifizierter Artikel und der Austausch mit ausgewiesenen Experten.

Der Beantwortung der dritten Fragestellung liegen Annahmen zugrunde, wo schwer und chronisch psychisch Kranke typischerweise behandelt oder auch öffentlich erfasst werden. Nach entsprechenden Angaben zur Behandlungsprävalenz bzw. zur Schwerbehinderung aufgrund einer psychischen Erkrankung erfolgte eine freie Schlagwortsuche im Internet.

Ergebnisse

Mithilfe der systematischen Suche wurden 156 Treffer angezeigt, von denen 68 Duplikate waren. Aufgrund der definitorischen Bedeutung der Übersichtsarbeit von Schinnar und Kollegen (1990) (s. u.) werden in der vorliegenden Arbeit lediglich die Arbeiten berücksichtigt, die nach 1990 erschienen sind. Nach eingehender Analyse der identifizierten Literatur aus den Treffern der systematischen Suche sowie der Referenzlisten und dem Austausch mit Experten wurden 9 Arbeiten eingeschlossen, wobei es sich bei 6 der Arbeiten schwerpunktmäßig um konzeptionelle und bei 3 um epidemiologische Arbeiten handelt.

Lesen Sie hier den gesamten Beitrag: Wie viele Menschen in Deutschland sind schwer psychisch krank?

Aus der Zeitschrift Psychiatrischen Praxis 8/2015

 

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