• Bild: Paavo Blåfield / Thieme Verlagsgruppe

    Eine intensivmedizinische Behandlung mit künstlicher Beatmung setzt die Patienten enormen Stress aus.

     

Psychische Morbidität – Herausforderung für die Intensivmedizin

Dank der modernen Medizin überleben immer mehr Menschen schwerwiegende Erkrankungen. Dass sich der Stress, dem die Patienten dabei ausgesetzt sind, auf die Psyche auswirken kann, ist vorstellbar. Ob es Zusammenhänge zwischen psychischer Morbidität und einer intensivpflichtigen Erkrankung gibt, wurde bisher allerdings nicht untersucht. Die Forscher um H. Wunsch haben psychiatrische Diagnosen und psychoaktive Medikationen von Patienten vor und nach einer nicht chirurgisch bedingten intensivmedizinischen Behandlung überprüft.
JAMA 2014; 311: 1133–1142

 

Basis war eine populationsbasierte Kohortenstudie in Dänemark, die zwischen 2006 und 2008 schwerwiegend erkrankte und intensivmedizinisch betreute, mechanisch beatmete Patienten erfasste und bis 2009 weiter verfolgte. Als Kontrolle dienten 2 Kohorten, eine von stationär behandelten Patienten und eine aus der Allgemeinbevölkerung. Ausgewertet wurde die um die Einflussfaktoren Alter, Geschlecht, Geburtsland und Bildungsgrad adjustierte Prävalenzrate (aPR) von psychiatrisch diagnostizierten psychischen Erkrankungen und Verschreibungen für psychoaktive Substanzen in den 5 Jahren vor der intensivpflichtigen Erkrankung. Bei Patienten ohne psychiatrische Diagnose in der Vorgeschichte ermittelten die Autoren außerdem die vierteljährliche kumulative Inzidenz (Risiko) und die adjustierte Hazard Ratio (aHR) für eine Neudiagnose einer psychischen Erkrankung und Verschreibung einer psychoaktiven Medikation im folgenden Jahr.

 

Die psychische Erkrankung als Ursache oder Folge?

Von insgesamt 24 179 kritisch kranken Patienten wiesen 6,2 % in den 5 Jahren vor der Intensivtherapie mit mechanischer Beatmung eine oder mehrere psychische Diagnosen auf. Bei stationär behandelten Patienten allgemein war die Rate mit 5,4 % signifikant niedriger (aPR 1,31; 95 %-Konfidenzintervall [KI] 1,22–1,42; p < 0,001) und in der Allgemeinbevölkerung mit 2,4 % nochmal niedriger (aPR 2,57; 95 %-KI 2,41–2,73; p < 0,001). Verordnungen psychoaktiver Substanzen waren bei den Intensiv- und den übrigen Krankenhauspatienten vergleichbar häufig (48,7 vs. 48,8 %; aPR 0,97; 95 %-KI 0,95–0,99; p < 0,001) und in beiden Fällen deutlich höher als in der Allgemeinbevölkerung (33,2 %; aPR 1,40; 95 %-KI 1,38–1,42; p vs. Intensivpatienten < 0,001).

 

Risiko nur vorübergehend erhöht

9912 kritisch Kranke hatten keine psychiatrische Diagnose oder psychotrope Verordnung in der Vorgeschichte. Das absolute Risiko für eine psychiatrische Diagnose in der Folgezeit war zwar relativ gering, aber doch höher als bei anderen Krankenhauspatienten. In den ersten 3 Monaten lag es bei 0,5 % im Vergleich zu 0,2 % bei anderen stationär behandelten Patienten (aHR 3,42; 95 %-KI 1,96–5,99; p < 0,001) und zu 0,02 % in der Kohorte aus der Allgemeinbevölkerung (aHR 21,77; 95 %-KI 9,23–51,36; p < 0,001). Auch das Risiko, neu ein psychoaktives Medikament zu erhalten, war in den ersten 3 Monaten nach Intensivtherapie mit Beatmung erhöht und betrug 12,7 % im Vergleich zu 5,0 % bei andere Krankenhauspatienten (aHR 2,45; 95 %-KI 2,19–2,74; p < 0,001) und 0,7 % in der Allgemeinbevölkerung (aHR 21,09; 95 %-KI 17,92–24,82; p < 0,001). 9 und 12 Monate nach Entlassung waren diese Unterschiede allerdings weitestgehend verschwunden.

 

Fazit

Einerseits weisen beatmungspflichtige Patienten auf Intensivstationen bereits in ihrer Vorgeschichte häufiger psychische Erkrankungen auf und bekamen häufiger psychotrope Substanzen verordnet, als andere Patienten und die Allgemeinbevölkerung. Allerdings sind auch Neudiagnosen, zumindest einige Monate nach der intensivmedizinischen Behandlung, häufiger. Damit scheinen psychischen Erkrankungen möglicher Weise eine Rolle im Sinne einer Prädisposition für eine kritische Erkrankung mit Intensivpflichtigkeit zu geben. Auf der anderen Seite besteht aber auch ein zumindest vorrübergehend erhöhtes Risiko für eine psychische Erkrankung durch eine schwere, intensiv- und beatmungspflichtige Erkrankung, so die Autoren.

F. Klein

Aus: Fortschritte Neurologie Psychiatrie 10/14

 

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