• Psychische Störung – Vermittlungshindernis bei Langzeitarbeitslosen

     

Psychische Störung – Vermittlungshindernis bei Langzeitarbeitslosen

Unzureichend behandelte psychische Erkrankungen sind die größte Barriere, um Langzeitarbeitslose wieder in Arbeit zu bringen. Dies wurde aus Sicht der Stiftung Deutsche Depressionshilfe bisher vernachlässigt. Es wird daher gefordert, Psychosoziales Coaching als Interventionskonzept in Jobcentern bundesweit zu etablieren.

„Das Vermittlungshemmnis psychische Erkrankung wurde bisher kaum systematisch angegangen. Gründe dafür sind Unsicherheiten bei dem Thema und die voreilige Annahme, dass die psychischen Erkrankungen Folge der langen Arbeitslosigkeit sind“, heißt es in einer Erklärung der Stiftung. Sehr häufig bestehe jedoch ein umgekehrter Zusammenhang: Depression und andere psychische Erkrankungen führen zu Arbeitslosigkeit und erschweren den Weg zurück ins Berufsleben. „Mit dem Psychosozialen Coaching sorgen wir dafür, dass psychisch Erkrankte häufiger eine konsequente Behandlung erhalten und beseitigen so dieses große Vermittlungshemmnis“, erklärt dazu Professor Dr. Ulrich Hegerl als Stiftungsvorsitzender.
Im Rahmen des Psychosozialen Coachings wird nach seiner Darstellung bei Langzeitarbeitslosen das Vorliegen einer unbehandelten psychischen Erkrankung geprüft. Psychologen beraten und unterstützen Betroffene dann im Sinne einer Lotsenfunktion bei der Aufnahme einer regulären Behandlung. Dieses seit 2006 in verschiedenen Städten erprobte Psychosoziale Coaching hat sich in einer Studie der Universität Leipzig als wirkungsvolles Konzept erwiesen, das zahlreichen betroffenen Langzeitarbeitslosen einen Wiedereinstieg in das Arbeitsleben ermöglicht.

In Leipzig kommt das Psychosoziale Coaching dabei schon seit 2011 erfolgreich zum Einsatz. In einer begleitenden Studie mit initial 1.000 Langzeitarbeitslosen wiesen 66 Prozent mindestens eine psychische Erkrankung auf. Viele Betroffene wussten bis dahin nicht, dass eine Erkrankung vorliegt und waren deshalb auch nicht in Behandlung. Zum Untersuchungszeitpunkt erhielten daher lediglich 6 Prozent eine leitlinienkonforme Therapie. 30,8 Prozent der Teilnehmer am Psychosozialen Coaching haben im Anschluss an die Maßnahmen wieder eine Arbeit aufgenommen. „Bei Menschen, die so lange arbeitslos waren, ist dies eine ausgezeichnete Vermittlungsrate“, so Hegerl.

Das Projekt findet auch international Anerkennung: Im OECD-Bericht „Fit Mind, Fit Job – From Evidence to Practice in Mental Health and Work” und auch im Bericht des EU-Programms „Joint Action on Mental Health and Well-being” wird das Psychosoziale Coaching als Best-Practice-Beispiel genannt. Nach den Erfolgen in Leipzig und München wurde das Konzept über die Stiftung Deutsche Depressionshilfe seit 2015 unter anderem bereits in Hildesheim, Marburg, Dortmund und Berlin etabliert. Jedoch gab es an vielen Standorten nur eine projektbezogene Förderung für einen Zeitraum von zwei Jahren. Es fehlt eine langfristige, bundesweite Finanzierung. „Viele Maßnahmen gegen Langzeitarbeitslosigkeit laufen ins Leere, wenn nicht zunächst psychische Erkrankungen behandelt werden“, betont Hegerl.

Im Rahmen des Psychosozialen Coachings werden zunächst die Vermittlungsfachkräfte von Psychologen und Psychiatern darin geschult, Hinweise auf psychische Erkrankungen zu erkennen. Betroffenen Kunden wird dann eine freiwillige Teilnahme am Psychosozialen Coaching, das unmittelbar in den Räumlichkeiten des Jobcenters stattfindet, angeboten. Dabei kooperiert das Jobcenter direkt mit einer Versorgungseinrichtung, wie einer Klinik vor Ort, die den eingesetzten Psychologen oder Arzt entsendet. Dieser prüft in einem Erstgespräch, ob eine psychiatrische Erkrankung vorliegt und ob diese adäquat behandelt wird. Der Kunde erhält dann Informationen zu seiner Erkrankung und wird im Sinne einer Lotsenfunktion dabei unterstützt, die richtige Behandlung zu bekommen. Ergänzend können Kurzinterventionen und die Möglichkeit zur Teilnahme an Gruppenprogrammen (Entspannung, Stressbewältigung, Aktiver Alltag, Kontakt und Kommunikation) angeboten werden.


Quelle: Pressemitteilung des Stiftung Deutsche Depressionshilfe vom 11. April 2018

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