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Psychische Symptombelastung bei Asylsuchenden in Abhängigkeit vom Aufenthaltsstatus

Bei Geflüchteten werden Prävalenzen psychischer Erkrankungen von 63 – 95 % berichtet. Für posttraumatische Belastungsstörungen (PTSD) werden international Prävalenzen von 3 – 86 %, durchschnittlich 31 % in Deutschland 29 – 81 % genannt.

Komorbiditäten für PTSD und chronische Schmerzen von bis zu 57 % und für PTSD und Depression von bis zu 64 % werden beschrieben sowie häufiger auftretende Suchterkrankungen und Psychosen.

Ebenfalls hohe Prävalenzen werden mit 14 – 88 % für depressive Symptomatik, 27 – 92 % für Angstsymptomatik und 54 – 66 % für somatische Beschwerden erhoben, in anderen Studien aber auch lediglich Prävalenzen, die dem Auftreten der Erkrankung im Zielland entsprechen. Ursachen dieser abweichenden Ergebnisse könnten im Befragungszeitpunkt liegen (z. B. Befragung auf der Flucht, bei Erreichen des Ziellandes oder bis zu 5 Jahre später) sowie in anderen methodischen Unterschieden (mit Selbst-Rating-Bögen wurden andere Ergebnisse als im strukturierten Interview erhoben und die Prävalenzen in dolmetschergemittelten Erhebungen waren höher als in von Muttersprachlern durchgeführten).

Etwa 30 % der Geflohenen waren gefoltert worden, viele sind kriegstraumatisiert. Auch traumatische Erlebnisse auf der Flucht sind häufig. Diese traumatisierenden Ereignisse sind, ebenso wie sozialökonomische und politische Ausgrenzung sowie interpersonelle Gewalt, mit einer höheren Prävalenz psychischer Erkrankungen korreliert.

Viele Studien beschreiben auch im Zielland Situationen, die als belastend, diskriminierend oder traumatisch erlebt werden und mit einer höheren psychischen Symptomprävalenz verbunden sind. Solche Postmigrationsfaktoren können fehlende Privatsphäre und Langzeitinternierung sein, aber auch familiäre Trennung und Sorgen um den Verbleib von Verwandten, erlittene Verluste, Trauer, Länge des Asylverfahrens, Sprachprobleme, fehlende Arbeit und Tagesstruktur, Zugangsbarrieren zur Gesundheitsversorgung, Diskriminierung und soziale Unterprivilegiertheit sowie aus der Migration resultierende Schuldgefühle.

Aktuell wird angenommen, dass vor oder während der Migration erlebte Traumata das Auftreten psychischer Erkrankungen stark beeinflussen, während im Zielland aufgetretene Ereignisse einen moderaten Einfluss haben. Postmigrationsstressoren können zudem bestehende Erkrankungen verschlechtern, die Heilung behindern und Chronifizierungen fördern.

Zwischen dem rechtlichen Aufenthaltsstatus im Zielland und der psychischen Gesundheit fanden Schick et al. keinen Zusammenhang. Mehrfach wurde ein signifikanter Rückgang von Angst und Depression bei Verbesserung der allgemeinen Lebensbedingungen nachgewiesen – unabhängig vom Aufenthaltsstatus. Im Gegensatz dazu beschrieben andere Autoren in Fallvignetten oder vermuten retrospektiv, dass der Aufenthaltsstatus und die Belastung durch drohende Abschiebung den Gesundheitszustand negativ beeinflussen könnten und dass ein sicherer Aufenthaltsstatus die Krankheitsbelastung signifikant senkt. Chu et al. stellten sogar fest, dass die Postmigrationsbedingungen einen ebenso starken Zusammenhang mit der psychischen Gesundheit haben wie die erlebten Traumata. Dabei sei der Einfluss des Aufenthaltsstatus auf die Gesundheit ebenso stark wie der des am häufigsten zur PTSD führenden traumatischen Erlebnisses, einer Vergewaltigung, eines sogenannten „man made disasters“, also einer von Menschen zu verantwortende Traumatisierung, die schwerste Folgestörungen induzieren kann.

Lesen Sie den gesamten Beitrag hier: Psychische Symptombelastung bei Asylsuchenden in Abhängigkeit vom Aufenthaltsstatus

aus der Zeitschrift: Psychiatrische Praxis 04/2019

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