• Herzinfarkt

     

Psychokardiologie – aktuelle Leitlinien und klinische Realität

Die Psychokardiologie hat in den letzten Jahrzehnten zur Bedeutung psychosozialer Faktoren für Entstehung, Verlauf und Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhebliche Erkenntnisfortschritte erbracht, die sich in aktuellen Leitlinien und Positionspapieren abbilden.

Der Beitrag fasst den heutigen Wissensstand zusammen und will dafür sensibilisieren, seine vielfach noch defizitäre Umsetzung in die Versorgungspraxis zu verbessern.

Fallbeispiel
Teil 1

Herr M. ist ein 45-jähriger, getrennt lebender Produktionsarbeiter. Die Ehefrau war vor 4 Jahren mit den beiden Kindern (damals 8 und 12 Jahre alt) in den benachbarten Landkreis gezogen. Seither gibt es regelmäßig Konflikte um den Unterhalt und den Umgang mit den Kindern, die Herr M. selten zu sehen bekommt und die sich zunehmend von ihm abwenden. Die finanzielle Situation ist wegen der Unterhaltszahlungen angespannt. In der seit 2 Jahren bestehenden neuen Beziehung fühlt er sich nicht wirklich wohl, da die Partnerin (− 2 J.) erheblich durch ihren Beruf als Reinigungskraft und die pubertäre Tochter eingespannt ist. So finden Treffen meist nur an Wochenenden statt und stehen in Konkurrenz zu gelegentlichen Besuchen der Kinder.

Herr M. ist seit dem 15. Lebensjahr Raucher (aktuell ca. 30 Zigaretten pro Tag; 40 Pack Years). Er ernährt sich von Kantinenessen, Fast Food und Brot mit deftigem Aufschnitt; Obst und Gemüse isst er nur selten. Bei einer Größe von 1,79 m wiegt er 92 kg. Seit einigen Jahren ist ein erhöhter Blutdruck bekannt (Werte zunächst um 150/90 mmHg, seit einer Verschlechterung des Arbeitsklimas mit vermehrtem Konkurrenzdruck bei instabiler wirtschaftlicher Lage des Unternehmens und drohenden Entlassungen teilweise Werte bis 200/110 mmHg). Blutdruckmedikamente nimmt er nur „bei Bedarf“. Herr M. hat früher Fußball gespielt, musste dies aber mit 32 Jahren nach einem Bänderriss aufgeben. Bis auf gelegentliche Unternehmungen mit den Kindern ist er sportlich nicht mehr aktiv.

Es bestehen einige Sozialkontakte in der Freiwilligen Feuerwehr, keine engen Freundschaften. Haupt-Gesprächspartnerin ist die neue Partnerin, die durch ihre eigene Belastung aber stark eingespannt ist. Herr M. tut sich ohnehin schwer, über emotionale Themen zu sprechen. Eine mutmaßlich depressive Phase nach Auszug der Ehefrau hatte er durch vermehrtes Arbeiten zu überwinden versucht. In den gegenwärtigen Konflikten am Arbeitsplatz fühlt er sich einsam („da kann mir sowieso niemand helfen“).

Als er eines Tages bei der Arbeit einen drückenden Schmerz hinter dem Brustbein bekommt und einen Schwächeanfall erleidet, schickt ihn der Vorarbeiter zum Arzt. Dort sind die Beschwerden wieder abgeklungen. Im EKG und Labor (Troponin) findet sich kein Hinweis auf einen akuten Herzinfarkt. Der Arzt empfiehlt aber eine weitere kardiologische Abklärung und eine Einstellung der koronaren Risikofaktoren. Dieser Empfehlung folgt Herr M. nicht, da die Beschwerden ja wieder gebessert seien. Insgeheim hat er Sorge, durch Untersuchungen oder Behandlungen länger bei der Arbeit zu fehlen und seinen Arbeitsplatz zu verlieren. Er möchte sich vor den Kollegen in der momentanen Situation auch keine Blöße geben. Zudem ängstigt ihn die Vorstellung eines möglichen operativen Eingriffs. Den Gedanken, dass eine ernsthafte Herzkrankheit vorliegen könnte, schiebt er beiseite. In der Folgezeit wiederholt auftretende Thoraxschmerzen unter Belastung führt er auf Trainingsmangel und das Rauchen zurück, das er aber weiterhin als Stresspuffer benötigt und daher nicht aufgeben kann.

Einleitung

Zusammenhänge zwischen psychischem Befinden und Herzfunktionen bzw. ‑krankheiten sind seit der Antike bekannt. So erwähnt bereits der Papyrus Ebers aus dem 16. vorchristlichen Jahrhundert, dass Trübnis das Herz einenge, durch Zorn Finsternis in den Leib eindringe und das Herz „fresse“. Das Herz als gefühlter Sitz der Seele bzw. interpersoneller Verbundenheit findet sich vielfach in literarischen Metaphern und der Umgangssprache. Heute sind die Wechselbeziehungen psychosozialer und somatischer Vorgänge im Kontext von Herzbeschwerden und ‑erkrankungen gut belegt. Psychokardiologische Inhalte haben Eingang in Leitlinien und Positionspapiere zur Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und zunehmend auch in die Aus-, Fort- und Weiterbildung von Ärzten und Psychotherapeuten gefunden. Sie stellen die Grundlage für eine verstärkte Beachtung psychosozialer Aspekte in kardiologischen Präventions-, Behandlungs- und Rehabilitationsangeboten sowie für die Entwicklung spezifischer psychokardiologischer Behandlungsangebote dar.

Lesen Sie hier den gesamten Beitrag Psychokardiologie – aktuelle Leitlinien und klinische Realität

Aus der Zeitschrift PPmP 06/2019

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