• Flüchtlinge - Hochrisikogruppe - Traumafolgestörung - Stepped-Care-Ansatz - Versorgungskonzept

     

Psychologische Versorgung einer besonders vulnerablen Flüchtlingsgruppe

Nach dem Shingal-Genozid im August 2014 im Nordirak wurde das humanitäre Aufnahmeprogramm Sonderkontingent Baden-Württemberg „Schutzbedürftiger Frauen und Kinder aus dem Nordirak“ beschlossen und 1100 Personen, überwiegend Eziden, in verschiedenen Kommunen in Deutschland untergebracht. Die Zielgruppe ist eine besonders vulnerable Personengruppe mit einem hohen Risiko für die Entwicklung von Traumafolgestörungen. Wir stellen das Versorgungskonzept für 205 ezidische Frauen und Kinder in Freiburg vor. Es wurde ein Stepped-Care-Ansatz für die psychologische Versorgung entwickelt, um die Betroffenen in den Alltag und in die Gesundheitsversorgung in Deutschland zu integrieren. Im Zentrum stehen die bedarfsabhängig aufsuchende psychologisch-psychotherapeutische Versorgung und die inter- und multidisziplinäre Kooperation der beteiligten Dienste.

Das Projekt Sonderkontingent Baden-Württemberg

Die Eziden als Gruppe der Kurden bilden mit 800000 bis 1000000 Mitgliedern eine religiöse Minderheit, die im Nordirak (Hauptsiedlungsgebiet), dem Westiran, dem Südosten der Türkei und im Nordosten Syriens leben. Mit ca. 100000 Mitgliedern lebt die größte Diasporagemeinde in Deutschland. Im August 2014 fiel der sog. Islamische Staat (IS) in die Region Shingal ein und begann eine systematische Verfolgung der Eziden (Shingal-Genozid) mit dem Ziel das Volk der Eziden auszulöschen. Ca. 50000 Eziden konnten in die Berge Shingals fliehen, viele überlebten die Flucht jedoch nicht. Viele Männer und Jungen ab 12 Jahren wurden hingerichtet, Frauen und Mädchen in Gefangenschaft genommen, sexuell missbraucht, versklavt und mehrfach verkauft. Die Vereinten Nationen gehen von bis zu 5000 hingerichteten Eziden und rund 7000 verschleppten Frauen und Mädchen aus.

Der Zentralrat der Yeziden in Deutschland machte auf die Situation aufmerksam. Das Staatsministerium Baden-Württemberg (StaMi) rief im März 2015 das humanitäre Aufnahmeprogramm Sonderkontingent Baden-Württemberg „Schutzbedürftiger Frauen und Kinder aus dem Nordirak“ (SK BaWü) ins Leben. Über die üblichen Aufnahmeverpflichtungen hinaus sollten bis zu 1000 im Nordirak und Syrien lebende betroffene Frauen und Kinder aufgenommen werden. Übergeordnetes Ziel des Projektes war es, den Frauen und Kindern eine Chance auf Sicherheit, Bildung und neue Lebensperspektiven zu geben.


Herausforderung für die Kommunen

Das Amt für Migration und Integration der Stadt Freiburg (AMI) fungierte für das StaMi als kommunaler Kooperationspartner und erhielt je aufgenommener Person eine erhöhte „pro Kopf Pauschale“. Es erfolgte eine Unterbringung in gesonderten Gemeinschaftsunterkünften, sie erhielten soziale Leistungen, Unterstützung durch Dolmetscher, medizinische Versorgung, Zugang zu einer psychotherapeutischen Versorgung, Sprachkurse, Anspruch auf Krippen-, Kindergarten- oder Schulplatz für die Kinder. Mit wenig Vorlaufzeit wurde durch die Kommunen ein eigenes Versorgungssystem aufgebaut, sodass sich unterschiedliche Strukturen ergeben haben. Die Stadt Freiburg übernahm in Kooperation mit der Caritas Freiburg die Sozialbetreuung (erhöhter Betreuungsschlüssel von 1:20).

Das psychologische Versorgungskonzept wurde von jeder Kommune individuell entwickelt. In Freiburg wurde für die psychologische und psychiatrische Betreuung eine Kooperation mit der Universität Freiburg (Abt. für Rehabilitationspsychologie und Psychotherapie) zusammen mit der Universitätsklinik Freiburg (Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im Kindes- und Jugendalter) aufgebaut. In Rücksprache mit dem AMI wurde ein psychologisches Versorgungskonzept entwickelt und im Projektverlauf adaptiert.


Aufgenommene im Sonderkontingent

Im Nordirak wurden 1100 Personen, überwiegend Eziden, von Jan Kizilhan, Ezide und Psychotherapeut, für das SK BaWü ausgewählt. Neben dem Hauptaufnahmekriterium der besonderen Behandlungsbedürftigkeit gab es u. a. folgende Auswahlkriterien: Opfer traumatisierender Erfahrungen oder minderjährige bzw. weibliche Angehörige der Opfer, Aufenthalt in der kurdisch besetzten Region des Nordiraks, bestehende Reisefähigkeit, Fähigkeit zur Integration. Es wurde davon ausgegangen, dass die Betroffenen eine Flucht ins Ausland nicht geschafft und kaum eine Überlebenschance gehabt hätten. Die aufgenommenen Frauen und Kinder wurden von der Internationalen Organisation für Migration (IOM, Iraq Mission) vorbereitet, medizinisch untersucht und nach Lalish, der wichtigsten heiligen Stätte der Eziden, begleitet. Dort erfolgte vor Ausreise eine Segnung von ihrem religiösen Oberhaupt, Baba Sheikh, mit der Zusicherung, dass ihre Ehre durch die Erlebnisse nicht beschädigt worden sei.

Lesen Sie hier den gesamten Beitrag: Psychologische Versorgung einer besonders vulnerablen Flüchtlingsgruppe

Aus der Zeitschrift PPmP - Psychotherapie • Psychosomatik • Medizinische Psychologie 03/04 2018

 

 

PPmP Jetzt kostenlos testen!

Thieme Newsletter

Buchtipps

Psychotherapie nach Flucht und Vertreibung
Maria Borcsa, Christoph NikendeiPsychotherapie nach Flucht und Vertreibung

Eine praxisorientierte und interprofessionelle Perspektive auf die Hilfe für Flüchtlinge

EUR [D] 24,99Zum Warenkorb hinzufügenInkl. gesetzl. MwSt.

Techniken der Psychotherapie
Wolfgang Senf, Michael Broda, Bettina WilmsTechniken der Psychotherapie

Ein methodenübergreifendes Kompendium

EUR [D] 79,99Zum Warenkorb hinzufügenInkl. gesetzl. MwSt.

Praxis der Psychotherapie
Wolfgang Senf, Michael BrodaPraxis der Psychotherapie

Ein integratives Lehrbuch

EUR [D] 69,99Zum Warenkorb hinzufügenInkl. gesetzl. MwSt.