• Psychosoziale Versorgung, ambulante psychosoziale Krebsberatung, Krebs, Psychoonkologie, Versorgungsforschung

     

Psychosoziale Versorgung von Krebspatienten in einer Krebsberatungsstelle an einem Universitätsklinikum

Die psychosoziale Versorgung von Krebspatienten gewinnt zunehmend an Bedeutung. Hierfür bieten Krebsberatungsstellen (KBS) ein breites Spektrum an Leistungen an. Untersucht werden der Umfang und die Themen psychosozialer ambulanter Versorgung von Krebspatienten an einem Uni-Klinikum.


Psychosoziale Folgen bei Krebserkrankungen

Die psychoonkologische Versorgung von Krebspatienten nimmt im Verlauf der onkologischen Behandlung und darüber hinaus einen wichtigen Stellenwert ein. In Deutschland wird jährlich bei rund 480000 Menschen eine Krebsdiagnose neu gestellt, mit steigender Tendenz, etwa aufgrund der Alterung der Bevölkerung. Eine Krebserkrankung und deren Behandlung können mit einer Vielzahl körperlicher Folgen verbunden sein, die sich z. B. in Funktionseinschränkungen, Schmerzen oder Veränderung des Körperbildes manifestieren. Vielfach ist die Erkrankung aber auch mit einer Reihe von psychischen und sozialen Auswirkungen verknüpft, die aus den unmittelbaren Krankheitsfolgen entstehen können (z. B. Schmerzen, Verlust körperlicher Unabhängigkeit), aber ebenso aus der Konfrontation mit existenziellen und lebenssinnbasierten Fragen, die sich mit einer Krebserkrankung stellen. Auch Partner und Angehörigen sind z. T. hoch belastet.

Studien belegen eine hohe Prävalenz von psychischen Störungen und Belastungen bei Krebspatienten, v. a. in der Phase der Akutbehandlung. Die durchschnittliche Rate mind. einer psychischen Störung beträgt 32% (Punktprävalenz), wobei die Jahresprävalenz bei 39% liegt; knapp 8% leiden unter 2 oder mehreren Störungen. Ein bedeutsamer Anteil der Betroffenen ist zudem mit subsyndromalen Belastungen wie situativen Ängsten und depressiven Verstimmungen, Selbstwertproblemen, Partnerschaftskonflikten und familiären Belastungen konfrontiert. Verlaufsmessungen belegen hohe Belastungsraten auch Jahre nach der Diagnosestellung. Langzeitüberlebende sind oft noch weit nach dem Ende ihrer onkologischen Behandlung von Folgeproblemen wie Fatigue und psychosozialen Belastungen, insbesondere (Progredienz-) Angst, betroffen. 32% aller Krebspatienten haben den Wunsch nach professioneller psychoonkologischer Unterstützung.

Neben den psychischen Problemlagen bestehen bedeutende soziale und sozialrechtliche Folgen einer Krebserkrankung. Die häufigsten sozialen Probleme (zwischen 57–73%) beziehen sich auf die Arzt-Patient-Kommunikation, die Sexualität und auf die Bewältigung von Alltagsaktivitäten und familiärer Konflikte. Zu den sozialrechtlichen Problemen gehören v. a. Schwierigkeiten bei der beruflichen Rehabilitation, der Frühberentung oder finanzielle Sorgen. Allerdings existieren wenige aussagekräftige Untersuchungen zum Spektrum sozialrechtlicher Folgen von Krebserkrankungen.

Psychoonkologische Versorgung und ambulante psychosoziale Beratung

Die aufgezeigten empirischen Befunde belegen den hohen Stellenwert und die Notwendigkeit der psychosozialen Versorgung von onkologischen Patienten in allen Phasen des Krankheitsverlaufs. Der grundsätzliche Anspruch auf diese Versorgungsleistungen ist im Nationalen Krebsplan des BMG festgehalten. Seit 2014 steht die S3-Leitlinie für „Psychoonkologische Diagnostik, Beratung und Behandlung erwachsener Krebspatienten“ mit evidenzbasierten Empfehlungen zur psychosozialen Versorgung von Krebspatienten zur Verfügung. Die psychoonkologische Versorgung hält ein breites Spektrum von Interventionen und Leistungen für Ratsuchende vor, die von verschiedenen Berufsgruppen in unterschiedlichen Settings (z. B. im Akutkrankenhaus, in Rehakliniken, in ambulanten Krebsberatungsstellen [KBS]) angeboten werden.

In Deutschland existieren im Jahr 2014 rund 160 ambulante KBS mit einer sehr heterogenen Finanzierungs-, Träger- und Angebotsstruktur. In Hinblick auf eine Regelversorgung von ambulanten Beratungsleistungen wurden in jüngster Zeit Qualitätsstandards für diesen Leistungssektor entwickelt und vorgelegt. Die ambulanten KBS halten ein niedrigschwelliges psychoonkologisches Versorgungsangebot bereit und erfüllen eine wichtige Lotsenfunktion hinsichtlich der Vermittlung in weiterführende Unterstützungsangebote.

Einen zentralen Stellenwert im Leistungsspektrum der KBS nimmt die psychosoziale Beratung als eine multimethodale Interventionsform ein. Sie ist charakterisiert durch problembezogene Hilfestellung (z. B. Entlastung, Stabilisierung, Unterstützung bei Problemlösung, instrumentelle Hilfe) und Aktivierung von intrapersonellen und sozialen Ressourcen, um krankheitsbedingte psychosoziale Belastungen zu reduzieren sowie die Gefahr der Entstehung bzw. Chronifizierung von psychischen Störungen zu verringern. Die Beratung kann sich auf soziale und sozialrechtliche Fragestellungen oder auch psychologische Inhalte beziehen. Je nach individuellem Bedarf kann der Schwerpunkt bei den sozialen/sozialrechtlichen Fragen oder der psychischen Problematik liegen. Häufig sind beide Themenbereiche Gegenstand der Beratung und überschneiden sich je nach Lage des Falls.

Die Ziele ambulanter psychosozialer Krebsberatung sind:

  • Verbesserung der Informiertheit und der individuellen Bewältigungskompetenz der Ratsuchenden im Umgang mit der Erkrankung und den Krankheitsfolgen,
  • Reduktion psychosozialer Belastungen und Verbesserung der Lebensqualität,
  • Stärkung sozialer Ressourcen, insbesondere der partnerschaftlichen und familiären Kommunikation sowie der Kommunikation mit dem Behandlungsteam,
  • Sicherung der gesellschaftlichen Teilhabe,
  • Verstetigung des Rehabilitationserfolgs nach einer Reha-Maßnahme,
  • Hilfe bei der Erschließung von Versorgungsleistungen und weiterführenden Versorgungsangeboten, z. B. Selbsthilfegruppen, niedergelassene Psychotherapeuten, Ämter, Palliativeinrichtungen,
  • Vernetzung stationärer und ambulanter psychoonkologischer Betreuung.

Orientiert an der S3-Leitlinie gehören zum Leistungsspektrum der KBS folgende Angebote:

  • Diagnostik psychischer Belastungen und Assessment des sozialen Versorgungsbedarfs,
  • Vermittlung von Informationen über weiterführende Hilfen, wie z. B. Selbsthilfegruppen,
  • Psychosoziale Beratung,
  • Krisenintervention,
  • Psychoedukation,
  • Entspannungs- und imaginative Verfahren,
  • Paar- und Familienberatung,
  • Langzeitbegleitung bei progredientem Krankheitsverlauf.

In Abhängigkeit von der Kapazität und Konzeption der KBS sind weitere optionale Angebote möglich, u. a. aufsuchende Beratung immobiler Patienten, kreative Angebote wie Kunst-, Musik- oder Tanztherapie sowie Angebote zur Gesundheitsförderung und Prävention. Internationale Studien zeigen, dass ca. jeder dritte belastete Krebspatient eine ambulante psychoonkologische Hilfe in Beratungsstellen in Anspruch nimmt. Für den Versorgungsstand der ambulanten sozialarbeiterischen und psychologischen Beratung sowie zum Inanspruchnahmeverhalten der Patienten ist die Befundlage für Deutschland derzeit unzureichend. Eine Studie aus dem Begleitforschungsprojekt des Förderschwerpunkts „Psychosoziale Krebsberatungsstellen“ der Deutschen Krebshilfe hat gezeigt, dass 55% der Ratsuchenden der KBS eine sozialrechtliche Beratung in Anspruch genommen haben und beinahe jeder Dritte sich ausschließlich zu sozialrechtlichen Fragen beraten lassen hat.

Lesen Sie hier den gesamten Beitrag: Psychosoziale Versorgung von Krebspatienten in einer Krebsberatungsstelle an einem Universitätsklinikum

Aus der Zeitschrift: PPmP

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