• Präoperative Ängste und Depressionen - Psychotherapieindikation bei chirurgischen Patienten

    Es ist nicht immer nur eine vorübergehende Angst vor der Operation selbst, die die Patienten belastet. Oftmals stecken schwerwiegende psychische Ursachen dahinter.

     

Präoperative Ängste und Depressionen - Psychotherapieindikation bei chirurgischen Patienten

Psychische Anspannung vor Operationen ist normal. Doch besonders starker psychischer Druck, übergroße Ängstlichkeit oder eine depressive Stimmung können auf behandlungsbedürftige Störungen hinweisen, die auch nach der Operation weiter bestehen. L. F. Kerper et al. haben die psychischen Zustände chirurgischer Patienten genauer untersucht.

PLoS ONE 2012; 7: e51167

 

Häufig leiden chirurgische Patienten vor und nach Operationen unter einem vermehrten psychischen Problemen - dazu können Depressionen, Angststörungen und Alkoholsucht gehören. Die vorliegende Studie war Teil der sogenannten BRIA-Studie ("Bridging Intervention in Anesthesiology"), deren Ziel es u.a. war, chirurgische Patienten auch psychotherapeutisch zu erreichen. Die vorliegende prospektive Beobachtungsstudie wurde von April 2009 - Dezember 2010 durchgeführt.

Es konnten insgesamt 1157 präoperative Patienten für die Studie gewonnen werden, die auch zum 6-Monats-Follow-up verfügbar waren. Die Studienteilnehmer füllten vor der Operation und 6 Monate danach ein Set psychologischer Fragebögen computerassistiert aus. Zu den Fragebögen gehörten u. a. das "Brief Symptom Inventory" (BSI), das "Patient Health Questionnaire-4" (PHQ-4) und die "Center for Epidemiologic Studies Depression Scale" (CES-D). Zudem wurden die Patienten gefragt, ob sie Interesse an einer psychotherapeutischen Begleitung hätten.
Viele zeigten Interesse an begleitender Psychotherapie

Die Wissenschaftler ordneten die Patienten gemäß der Kriterien der "American Society of Anesthesiologists" (ASA) 4 verschiedenen Krankheitskategorien zu: von "gesund" bis zu "vom Tode bedroht". Zudem wurde dokumentiert, an welcher Körperregion die Patienten operiert werden sollten: "abdominal-thorakal", "peripher" oder "Nervensystem und Kopf-Hals-Region". Von 1157 Patienten waren 193 (16,7 %) interessiert an einer Psychotherapie. Sie waren deutlich jünger als diejenigen, die eine Psychotherapie ablehnten. Auch interessierten sich mehr Frauen als Männer und Patienten ohne Partner für eine Psychotherapie. Das Interesse der Patienten war unabhängig von ihrem Gesundheitszustand gemäß ASA-Klassifikation und unabhängig von der Körperregion, die operiert werden sollte.

 

Psychische Symptomatik bleibt auch nach Operation erhalten

Patienten mit einem Interesse an Psychotherapie litten deutlich stärker unter psychischer Anspannung als Patienten, die eine Psychotherapie abgelehnt hatten - sowohl präoperativ als auch 6 Monate nach der Operation: In allen durchgeführten psychometrischen Tests zeigten sich 6 Monate nach der Operation in jeder Patientengruppe vergleichbare Ergebnisse wie vor der Operation. Dies weist darauf hin, dass es sich bei präoperativ auffälligen psychologischen Befunden nicht nur um einfache Sorgen der Patienten handelt, die nach der Operation verschwinden. Vielmehr ist es sinnvoll, chirurgische Patienten mit einer chronischen psychiatrischen Komorbidität psychotherapeutisch zu behandeln.

 

Fazit

Chirurgische Patienten, die vor ihrer Operation deutliche Hinweise auf psychische Störungen liefern, leiden auch 6 Monate nach der Operation an einem reduzierten psychischen Wohlbefinden, so die Autoren. In der vorliegenden Beobachtungsstudie signalisierten immerhin 16,7 % von 1157 Patienten Interesse an einer Psychotherapie. Nach Meinung der Autoren sollten Anästhesisten präoperativ geäußerte psychische Symptome nicht vorschnell als vorübergehende Sorgen wegen der Operation missinterpretieren.

 

Aus der Zeitschrift PPmP Psychotherapie Psychosomatik Medizinische Psychologie 3/4/2013